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Medien vertrauen in Corona-Zeiten: Ihr fragt, wir antworten!

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Von Euronews
Sei es Printmedien oder Nachrichten im Internet: In der Corona-Krise fragen sich viele, welchen Informationen sie vertrauen können.
Sei es Printmedien oder Nachrichten im Internet: In der Corona-Krise fragen sich viele, welchen Informationen sie vertrauen können.   -   Copyright  Roman Kraft on Unsplash

"Warum misstrauen die Menschen in Coronazeiten den Medien?" zu diesem Thema haben sich zwei unserer Journalistinnen den Fragen der Reddit-User gestellt. Zahlreiche Fragen wurden eingereicht, leider konnte nur ein kleiner Teil beantwortet werden. Hier zum Nachlesen einige der Fragen und Antworten.

Den Link zum AMA (Ask ME Anything) auf Reddit gibt es hier.

Frage 1

Eigentlich müssten die Journalistinnen mich fragen, warum ich den Medien misstraue und nicht andersrum, oder? :^) PS: Euronews wurde letztens von einem Orbanisten gekauft.

Kirsten: Wir wollen vor allem mit Ihnen über Ihr Vertrauen in die Medien diskutieren. Und zum P.S.: Euronews wird erst im März verkauft. Der künftige Besitzer hat uns versichert, dass er keinerlei direkte Verbindung zu Ungarns Regierungschef Viktor Orban hat. Und in den mehr als 20 Jahren, die ich bei Euronews in den Nachrichten arbeite, hat mir noch nie jemand eine politische Linie vorgegeben. Das lässt sich mit journalistischer Arbeit auch nicht vereinbaren.

Alexandra: Ich arbeite seit fast 10 Jahren bei Euronews und habe mehrere Investoren kommen und gehen sehen. Unsere Arbeitsorganisation verändert sich zwar je nach Management, aber ich habe noch nie eine E-Mail oder eine direkte Aufforderung bekommen, auf eine bestimmte Art und Weise zu berichten oder auch nur eine bestimmte Formulierung zu benutzen. Ich habe schon oft gehört, dass Leute glauben, Journalist:innen führen in solcher Art Befehle aus. Ich frage mich immer, wie die Leute sich das konkret vorstellen: Wir haben hier eine riesige Redaktion mit hunderten Journalist:innen, die alle eine Ausbildung und jahrelange Erfahrung haben. Wenn da ein/e Redaktionsleiter:in allen sagen würde, in dieser Story müsst ihr das oder das sagen, würden alle auf die Barrikaden gehen. Das geht einfach gegen unsere Artbeitsethik als Journalist:innen.

Frage 2

Wie rechtfertigen Sie, dass die "vierte Gewalt" reihenweise von Multimillionären gekauft werden und sich somit der Fokus von "stärken der Demokratie" auf "stärken des Geldbeutels und durchsetzen der Interessen des Besitzers" ändert? Gerade mit dem Hintergrund dass manche sehr fragwürdige Ziele verfolgen (vgl. Murdoch, Bolloré,...)

Wie sehen Sie die Rolle von Werbung in Medien? Warum gibt es kaum ein Medium welches ohne auskommt?

Kirsten: Dass Multimillionäre Medienunternehmen aufkaufen, finde ich als Journalistin problematisch. Auf der einen Seite wollen immer mehr Staaten in Europa immer weniger öffentliche Gelder für unabhängigen Journalismus ausgeben, es gibt immer mehr Kritik an TV-Gebühren (GEZ etc) - und auf der anderen Seiten sind Vielfalt und eine Auswahl an unterschiedlichen Quellen wichtig. Und zur Werbung: Normalerweise haben die Werbetreibenden keinen Einfluss auf das Programm - besonders in den Nachrichten ist Einflussnahme von außen NO GO.

Alexandra: Was die Rolle von Werbung angeht und warum Medien darauf angewiesen sind: Von dem was ich bei Euronews mitbekomme, ist das eine besonders verlässliche Einnahmenquelle für Medien, die keine Bezahlmedien sind. Um unsere Berichterstattung zu "konsumieren" muss man nicht bezahlen, aber es kostete ja Geld, das alles zu "produzieren" wie man sagt. Woher soll das Geld kommen, wenn Menschen erwarten, dass sie umsonst mit Informationen versorgt werden? Was sich in den letzten Jahren in anderen Medienunternehmen durchgesetzt hat ist die Paywall: Hier bezahlt der oder die Nutzerin und hat im Gegenzug keine Werbung und meist eine länger recherchierte Berichterstattung. Ich habe manche solcher Angebote getestet und finde, dass die Qualität super ist. Aber nicht jeder kann oder will sich so etwas leisten. Deswegen sind einige Medien auf Werbung angewiesen - welche Werbung ist dann eine andere Frage.

Frage 3

Welche Rolle spielten eurer Einschätzung nach ausländische staatliche Akteure bei der Streuung von Fakenews bezüglich Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Impfstoffen?

Gibt es Hinweise darauf, dass das Wachstum der Querdenkerbewegung auf gezielte Desinformationskampgnen zurückzuführen ist, mit der Absicht Deutschland zu schaden?

Kirsten: Ihre Fragen sind sehr schwierig zu beantworten. Wir haben mit Expert:innen für Verschwörungstheorien gesprochen. Aber staatlicher Einfluss ist meist nur schwer nachweisbar. Und dass jemand über die Querdenker gezielt Deutschland schaden will, glaube ich persönlich nicht. Auch in Österreich und in der Schweiz gibt es viele Coronaleugner:innen, Impfgegner:innen und Anhänger:innen von Verschwörungserzählungen.

Alexandra: Ich habe vielleicht nicht das "big picture" weil ich keine Wissenschaftlerin bin, aber als Journalistin schaue ich mir vor allem Studien an - andere Informationen zu Nebenwirkungen kämen ja von den Unternehmen selbst. Studien können von Wissenschaftler:innen rund um die Welt kommen und da gibt es ja fest vorbestimmte Abläufe. Wenn Forscher:innen eine Vorabstudie veröffentlichen, dann schreiben wir darüber mit dem Vermerk, dass andere Forscher:innen die Ergebnisse und den Studienablauf unabhängig prüfen müssen. Wenn Studien unabhängig überprüft werden - und bei der Corona-Impfung haben zahlreiche Forscher:innen um die Welt Tests gemacht und Ergebnisse veröffentlicht - dann muss man sich darauf als Berichterstatterin auch verlassen können.

Was die Querdenker angeht, so zeigt sich ja, dass diese Bewegung eine Herausforderung für die Demokratie ist, unsere Demokratie dem aber gewachsen ist. Welche Ziele Verschwörungstheoretiker verfolgen, das traue ich mich nicht zu sagen, ich kann mir aber nur schwer vorstellen, dass da eine Kampagne aus einer einzigen Quelle kommt, da sind verschiedene Bewegungen hinter, die alle ihre unterschiedlichen Zweifel haben und dafür Begründungen finden. Schade, dass man sie mit seriöser Berichterstattung kaum noch erreicht.

Frage 4

Warum haben die Medien jedem dahergelaufenen (Hobby-)Virologen oder komplett fachfremden Ärzten (! nicht mal Wissenschaftlern!), die mit Virologie wirklich nichts zu tun haben, so viel Aufmerksamkeit geschenkt?

Ist niemandem aufgefallen, dass fachfremde Leute keine verlässlichen Quellen sind? Hat man das für Content und Klicks einfach in Kauf genommen? Ein Großteil der Querdenkerszene ist medial gemacht, da gefühlt jeder Hanswurst ohne hinreichende Qualifikation seine Meinung zu Corona und Impfung in den Medien breittreten durfte. Und damit meine ich nicht BILD und Co, sondern durchaus seriöse Formate.

Mittlerweile ist das nicht mehr so, aber der Schaden ist angerichtet.

Kirsten: Wir haben uns immer bemüht, die Quellen anzugeben - und wir haben versucht, nur auf seriöse wissenschaftliche Studien zu verweisen. Wir berichten öfter über die Querdenker-Szene oder über Politiker wie FPÖ-Chef Kickl, der Medikamente anpreist, die sich nur in der Tiermedizin bewährt haben. Dass sie dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommen, ist ein Problem. Aber sonst wird auch nicht informiert.

Alexandra: Ich kann nur für Euronews sprechen, aber bevor wir Expert:innen interviewen machen wir natürlich einen Hintergrund-Check. Ich bin mir bewusst, dass mein Publikum so gut wie möglich informiert werden will, deswegen schaue ich natürlich, dass von mir ausgewählte Expert:innen auch Fachleute auf ihrem Gebiet sind und dazu geforscht haben. Schade, dass Sie das Gefühl haben, es sei durch andere Schaden angerichtet worden. Die Realität ist doch aber, dass Menschen sich nicht nur durch Medien sondern auch soziale Medien informieren und dort gibt es keinen Filter. Auf Twitter kann sich jemand als der ausgeben, der er oder sie sein will. Deswegen muss sich jede/r Einzelne auch im Internet immer fragen: Hat diese Person die Legitimität für ihre Behauptung? Das ist nicht immer leicht herauszufinden, aber mit etwas Recherche geht es. Und im Zweifel: Nachfragen!

Frage 5

Warum haben so viele Journalisten Schwierigkeiten damit in ihren Artikeln die Quellen für ihre Informationen anzugeben? Es wird dann geschrieben "laut einer Studie der xy-Universität", "nach einem Video im Internet", "Presseberichten zufolge" etc. Warum verlinkt ihr dann nicht auf die Studie, auf das Twitter-Video oder den Artikel der Konkurrenz?

Kirsten: Im Prinzip machen wir, was Sie sich wünschen - oder wir versuchen es zumindest. Schauen Sie in unseren Artikeln nach: https://de.euronews.com/2022/02/14/nach-covid-19-risiko-von-herz-kreislauf-erkrankungen-um-55-erhoht. In denen, die ich schreibe, verlinke ich auf die Studien und die Artikel der Konkurrenz. Allerdings geht das bei akutem Zeitmangel oder manchmal auch wegen technischer Probleme eventuell verloren.

Frage 6

Liegt das Misstrauen an den Medien nicht auch unteranderem an den Klickbait Artikeln und den vielen Paywalls die so im Internet Kursieren?

Nicht jede (regionale Zeitung) deckt 100% der Regionalen Nachrichten ab aber viele der interessanten Artikel sind dann hinter einer Paywall.

Oder Klickbait Artikel die so Headlines haben. Diese 5 Regeln sollten sie bei der Corona Pandemie beachten. 1. Maske Tragen (reflink zu Masken bei der die Seite Geld verdient) 2. Hände mit Seife Waschen. (Reflink zu Seife) 3. Möglichst auf Videokonferen setzen (Reflinks zu Webcam und ggf. noch Verlinkung auf Artikel welche Software dafür die beste ist) usw..

Man hat also weniger das Gefühl man liest was Informatives sondern nur ein Werbeartikel der dann nicht mal als Werbung gekennzeichnet ist.

Kirsten: Sie sprechen wichtige Probleme an, die ich ähnlich sehe wie Sie. Und ich bin froh bei einem Sender ohne Paywall und ohne direkte Werbelinks zu irgendwelchen Produkten zu arbeiten. Und das mit den Klicks - tja, wenn es nur echt wissenschaftliche Artikel ohne ansprechende Schlagzeilen gibt, dann liest die vielleicht auch niemand.

Alexandra: Ich denke, man muss sich genau anschauen, welche Artikel hinter einer Paywall versteckt sind und sich fragen, warum. Auch diese Artikel sind doch meist so formuliert, dass man sie gerne lesen würde. Ich finde das ist wie in vielen Bereichen: Wer bezahlt, bekommt ein bisschen mehr, sonst würde das Konzept auch nicht funktionieren.

Ich persönlich, versuche meine Titel zwar so zu schreiben, dass sie Interesse wecken aber dieses Interesse auch durch die Informationen in meinem Text befriedigt wird. Sonst kommt ja ein Leser das nächste Mal nicht wieder. Meine Aufgabe ist es ja auch eine solide Leserschaft aufzubauen, das schaffe ich nicht durch Enttäuschung.

Frage 7

Wie seht ihr das Problem einer Übersättigung insb. Mit Schlagzeilen zum Thema Corona? Man wird seit 2 Jahren regelrecht bombadiert mit teils widersprüchlichen Informationen. Viele vorläufige Studienergebnisse werden kurzerhand als neue Fakten präsentiert ("Studie belegt..."). In meinem Umfeld höre ich als Resultat oft Sätze wie "was kann man aktuell noch glauben"/"die sagen mal das, mal das".

Ich befürchte, der Kampf um Klicks und Einschaltquoten hat zu einer "Sensationsgeilheit" geführt, die viele Menschen überfordert. Gleichzeitig scheinen auch öffentlich-rechtliche Kanäle immer stärker Nachricht und Kommentar zu vermengen.

Als Resultat scheinen immer mehr Menschen a) an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu zweifeln und b) etablierte Medien als "Meinungsmache" abzustempeln.

Kirsten: Seit Beginn der Pandemie hat sich unser Publikum sehr für das Thema Corona interessiert. Innerhalb der Redaktion war das zum Teil umstritten - auch dadurch, dass Covid-19 in einigen Ländern (sogar Italien und Spanien) nicht immer unter den Top-Themen war/ist. Wir versuchen auch, über Kontakte mit den Zuschauer:innen und Nutzer:innen herauszufinden, wofür sich unser Publikum interessiert. Und wir bemühen uns sehr, Nachrichten nicht mit Kommentaren zu vermischen.

Alexandra: Wir haben selber viel über Corona berichtet - und tun das auch weiter, wenn auch etwas weniger - weil das Interesse enorm war. Je nach Entwicklung ist es das auch noch. Im ersten Lockdown - der hier ja sehr streng war - habe ich aus meinem Wohnzimmer die RKI-Pressekonferenzen in unseren Social Media-Kanälen gestreamt und hatte viele Zuschauer:innen. Die Leute wollen einfach wissen, womit sie es zu tun haben.

Ich gebe aber zu, dass auch ich mittlerweile manchmal den Überblick verliere in den vielen unterschiedlichen Studien, die sich auch manchmal widersprechen. Das liegt aber auch daran, dass unglaublich viel geforscht wurde, die Informationen will man, wenn man sie interessant findet, natürlich weitergeben.

Frage 8

Welchen Medien vertraut ihr und welchen nicht? Was sind eure Kriterien zur Einordnung?

Kirsten: Wir haben die Nachrichtenagenturen AFP, AP, dpa, Efe, ANSA, LUSA und TASS abonniert. Zudem können wir auf die Nachrichtenvideos der EBU zurückgreifen. Aus der Vielzahl der Quellen und dadurch, dass wir mit den Journalist:innen der Teams der anderen Sprachen kommunizieren, versuchen wir, uns ein möglichst zuverlässiges Bild zu machen. Wenn wir Zweifel haben, zitieren wir auch die Agenturen als Quelle - manche Kolleg:innen machen das aus Prinzip.

Alexandra: Persönlich lese ich gerne die Zeit und habe seit einiger Zeit ein Abo. Es war sozusagen professionelle Neugier, die mich dazu bewegt hat, dieses Abonnement abzuschließen. Ich würde aber auch gerne andere deutsche Medien testen, um einen Vergleich zu haben. Die Paywall erlaubt es der Redaktion gute Recherchen zu machen und mit mehreren Journalist:innen an einer Story zu arbeiten, das merkt man in der Qualität des Artikels.

In der Redaktion von Euronews haben wir - wie Kirsten gerade aufgezählt hat - die Nachrichtenagenturen, die uns mit Informationen versorgen und die gewissen Regeln unterliegen (sie nennen immer ihre Quellen und überprüfen Berichte durch mindestens zwei unabhängige Quellen). Deswegen genießen sie unter Journalist:innen ein recht hohes Vertrauen.

Frage 9

Welchen Einfluss hat ihrer Meinung nach der 24 Stunden "News-Circle" und die damit verbundene Jagd nach möglichst aufsehenerregenden Überschriften/(online) Artikeln am Misstrauen gegenüber den Medien? Und wie wird dies innerhalb der Medien Bubbles gesehen?

Kirsten: Nicht immer ist die krasseste Schlagzeile auch die beste. Aber es ist schon wichtig, nicht in der Flut der Nachrichtenmedien unterzugehen. Das Vertrauen des Publikums müssen wir uns erarbeiten. Bei Euronews können wir das Interesse der Nutzer:innen an den Zahlen der User:innen im Internet ablesen. Viele schauen morgens früh ins Nachrichtenprogramm. Grundsätzlich werden Artikel, in denen mehr Arbeit steckt, eher geschätzt - nach dem Motto: Wenn ein Artikel mit Herzblut geschrieben ist, funktioniert er auch besser. Aber das ist nicht immer so. ?

Alexandra: Ich empfinde es nicht so sehr als Jagd als vielmehr als Interesse, gut informiert zu sein. Aufsehenerregende Überschriften müssen halten, was sie versprechen. Sonst verliert man als Medium seine Glaubwürdigkeit. Ich kann mit gutem Gewissen keine Story online stellen, von der ich denke, dass Leser:innen enttäuscht wären. Wenn andere Medien das machen, gehe ich persönlich einfach nicht mehr auf ihre Seite. So einfach ist das. Dann haben sie mich als Leser verloren.

Frage 10

Wenn ich richtig erinnere war die Berichterstattung am Anfang der Corona Krise primär Wiedergabe der Infektionszahlen und der Regierungsposition ohne häufig einer eigenen Einschätzung und Bewertung, was auch später intern kritisiert wurde. Erinnere ich mich da richtig und wenn ja, wie hat sich eurer Meinung nach die Berichterstattung zu Corona geändert und was hat man als Journalist gelernt.

Kirsten: Wenn wir über die Position einer Regierung berichten, bedeutet das nicht, dass wir diese Einschätzung teilen. Wir melden, wer was sagt. Im Laufe der Corona-Pandemie haben wir besser gelernt, wo und wie wir wichtige wissenschaftliche Quellen finden - nicht nur im deutschsprachigen Raum. Wir haben mit Medizinerinnen und Medizinern, aber auch mit Patientinnen und Patienten und mit nicht erkrankten Leuten in der Coronakrise gesprochen, so etwas wie SARS-CoV-2 hat es zuvor noch nie gegeben.

Alexandra: Ich erinnere mich an eines der ersten Interviews, das ich zum Coronavirus mit einem Experten für Hygiene- und Umweltmedizin gemacht habe. Dabei habe ich erstmal gelernt, dass es "das" Virus und nicht "der" Virus ist - der Unterschied war uns Anfang 2020 nicht ganz klar... Wir haben uns von Anfang an bemüht, nicht nur Infektionszahlen zu veröffentlichen, sondern eine fachliche Einschätzung von anderen Quellen als der Regierung. Hier einer der ersten Artikel, den ich über die globale Ausbreitung des Coronavirus geschrieben habe: https://de.euronews.com/2020/02/04/corona-hysterie-who-warnung-gut-gedacht-schlecht-kommuniziert

Frage 11

Gibt es bei der deutschsprachigen Ausgabe von Euronews noch eine Abteilung für Wissenschaftsjournalismus?

Der Wissenschaftsjournalismus wurde mit dem "Zeitungssterben" großflächig als erstes weggekürzt, eventuell ist das auch ein Grund. Zu oft habe ich zudem Meinungen und Kolumnen von Journalist:innen über Corona gelesen, die keinerlei wissenschaftlichen Hintergrund haben, aber auch mal was sagen wollten.

Kirsten: Leider gab es im deutschsprachigen Team von Euronews noch nie eine/n Wissenschaftsjournalist:in. Wir haben Reporter wie Denis Loctier, der zur Zeit an einer Reportage-Reihe zu Ozeanen arbeitet. Er kommt aus Russland. Aber wir bemühen uns vor allem darum, wissenschaftliche Studien für alle verständlich darzustellen. Und ich persönlich versuche, soweit es geht, bei Expert:innen nachzufragen. Leider haben wir dafür nicht immer genug Zeit. Wenn wir einen Fehler machen, versuchen wir, diesen so rasch wie möglich zu korrigieren. Kolumnen zum Thema Corona gibt es bei Euronews eigentlich nicht. Wir zitieren, was andere sagen - und wir wollen unseren User:innen die Möglichkeit zu geben, sich selbst eine Meinung zu bilden.

Frage 12

Auf welcher Grundlage Maßen sich Journalisten an, über Aussagen aus Fachzeitschriften zu Berichten, welche selbst in der Wissenschaft von Experten kontrovers diskutiert wird.

Warum wird so viel clickbaid und Angst verbreitet? Fährt man auf längere Sicht nicht nachhaltiger, wenn man sachliche Überschriften nutzt und die Menschen beruhigt?

Kirsten: Beim Thema Coronavirus ging alles ganz schnell: sehr viele Leute wollten und wollen viel zu dem Thema wissen. Und es ist für viele interessant, auch über die Diskussion in der Fachwelt informiert zu bleiben - deren Wissenschaftsenglisch nicht von allen verstanden wird. Wir wollen keine Angst verbreiten, aber wir nehmen uns ihre Kritik zu Herzen.

Alexandra: Ich empfinde es weder als meine Aufgabe, Menschen in Alarmbereitschaft zu versetzen, noch sie zu beruhigen. Wir berichten Fakten und stellen Meinungen gegenüber. Welche Emotionen das beim Publikum auslöst, kann ich nicht kontrollieren. Aber sachlich sollten Überschriften sein, das heißt nicht, dass sie langweilig sein müssen.

Frage 13

Das Misstrauen gegenüber den Medien wuchs schon vor Corona, erkennbar zur Zeit der Präsidentenwahlen in den USA in 2016 (Schlagwort: Fake News). Hat Corona tatsächlich das Misstrauenswachstum weiter beschleunigt ? Oder sind z.B. Coronaverweigerer nur ein Symptom des bereits zerrüteten Verhältnis zwischen großen Teilen der Bevölkerung und den Medien?

Gibt es erfolgversprechende Ansätze, um das Vertrauen wieder herzustellen?

Kirsten: Sie haben Recht: die Wahl von Trump und der Brexit haben so einiges erschüttert. Aber mit den Querdenkern und anderen Corona-Skeptikern ist das Phänomen im deutschsprachigen Raum präsent. Interessanterweise gibt es ja Verbindungen zwischen QAnon und rechtsextremen Anhängern der Verschwörungstheorien. Andererseits sind unter den Impfgegner:innen auch Linke. Vertrauen wieder herstellen wollen wir auch mit Aktionen wie diesem Reddit, mit einigen unserer Newsletter und über die sozialen Medien (die wir nicht den Fake News überlassen sollten). Wir sprechen über unsere Arbeit, versuchen, so transparent wie möglich zu sein.

Alexandra: Ich denke, ein erfolgversprechender Ansatz, um Vertrauen aufzubauen, ist die Ausbildung der Medienkompetenz in der jungen Generation: Kinder und Jugendliche sollten als Medienkonsumenten - was sie ja schon sehr jung sind - lernen, wie man Quellen überprüft, um einer Meinung zu trauen oder auch nicht. Dass in den sozialen Medien jede und jeder wie ein Expert:in auftreten kann, kann ja auch motivieren: Selbst recherchieren, Meinung bilden. Andere haben nicht unbedingt Recht, weil sie das sagen. Das ist sicher keine einfache Aufgabe, aber in Schulen ist das heute ein wichtiges Thema.

Frage 14

Hi und vielen Dank für das AMA. Ich habe Journalisten im Freundeskreis und habe des öfteren Diskussionen über Unparteilichkeit und Ausbildung mit ihnen. Ein Spannungsfeld das sich oft auftut ist das zwischen unabhängiger Berichterstattung, Fachkompetenz und der eigenen Haltung.

Ich persönlich habe besonders bei aussenpolitischen Fragen ernsthafte Bedenken an der Qualifikation von Journalisten, da einerseits gesagt wird man müsse sich ja nicht mit jedem Thema in der Tiefe auskennen um darüber zu berichten, aber andererseits eine "Einordnung" stattfinden soll. Ich bin linksgrün versifft und mag bspw Golineh Atai sehr gerne und freue mich das sie alle Preise abräumt, aber kann sie in ihrer Berichterstattung nicht ernst nehmen, da oft eine "Einordnung" stattfindet, die aus meiner Sicht weit über Fakten und ihre eigene Expertise hinausgeht. Grundlose moralisierung statt Analyse.

Mir ist klar dass nicht jede Berichterstattung mit einem Politikwissenschaftsstudium untermauert werden kann, aber ich habe trotz eindeutiger persönlicher Haltung zu Russland kein Vertrauen in vieles was ich dazu von ihr höre.

Was ist eure Meinung dazu? Glaubt ihr man müsste das Gesamtparadigma von Journalismus angehen und vielleicht fachspezifischer ausbilden statt am der bequemen Satz des "wir wollen nur berichten, es geht nur um Kommunikation" festzuhalten der effektiv über Bord geworfen wird wenn Journalisten über ihre Fachkompetenz hinaus berichten und ihren Senf dazu geben? Bzw. ist diese Sichtweise für euch nachvollziehbar? Mir fällt sofort das Hajo Friedrichs Zitat zu guten Sachen ein, dass ich regelmäßig vermisse.

Kirsten: Die Einordnung außenpolitischer Ereignisse hat schon auch etwas mit Erfahrung zu tun. Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren bei Euronews - und hier können wir mit den Kolleg:innen aus Russland sprechen und mit Kolleg:innen aus der Ukraine. Auch wenn ich nicht mehr die Jüngste bin, glaube ich, dass Journalismus "mit dem erhobenen Zeigefinger" kein moderner Journalismus ist. Allerdings bin ich auch nicht für total trockenen Agentur-Journalismus, sondern dafür, dass wir so nah wie möglich an der Umgangssprache bleiben und so viel wie möglich vom Alltag der Menschen berichten.

Alexandra: Ich denke im Journalismus ist es wie in der Gesellschaft: Die Pluralität macht den Unterschied. Ich finde es super, wenn Journalisten ein wissenschaftliches oder Politikstudium abgeschlossen haben und sich dann Richtung Medien orientieren. In Deutschland ist das ja sehr gängig. Ich selber habe Medien und Journalismus studiert, weil es mich einfach sofort angezogen hat. Ich lese mir viel an und das ist eine Eigenschaft, die man im Studium ja lernt und ausbildet. In jedem Bereich kann auch ein Wissenschaftsjournalist oder eine Politikreporterin nicht Experte sein, aber alles steht und fällt mit der Recherche und den Quellen. Wenn ich nichts zu einem Thema weiß, weil ich nicht gut genug informiert bin, lese ich mich ein. Aber meine Meinung in einem Artikel kundzutun, ist nach meiner Auffassung nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, unterschiedliche Meinungen zusammenzutragen und Expert:innen zu Wort kommen zu lassen, damit sich mein Publikum eine eigene Meinung bildet. Und dieser Herausforderung bin ich mir jeden Tag aufs Neue bewusst.