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Bettwanzen-Panik oder bedbugs-Alarm im Kino: Alle im falschen Film?

Bettwanzen im Kino: wie im Horrorfilm?
Bettwanzen im Kino: wie im Horrorfilm? Copyright Image gĂ©nĂ©rĂ©e par DALL-E- septembre 2023
Copyright Image gĂ©nĂ©rĂ©e par DALL-E- septembre 2023
Von Jordi Chambon
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Von allen Orten, in denen Bettwanzen alias #bedbugs 🛏🩟zuletzt aufgetaucht sind, machen besonders die französischen Kinos Schlagzeilen. Doch was steckt hinter der Angst, im Kino einer Bettwanze zu begegnen?

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"Sie sind schon da! Ihr seid die nÀchsten!"

Diese Paraphrase von Dr. Danny Kaufman aus Don Siegels berĂŒhmtem Film "Invasion of the Body Snatchers" (1956) veranschaulicht die herrschende Paranoia. Denn in Frankreich geht die Panik um. Eine fast allgegenwĂ€rtige Panik, die uns ĂŒberall verfolgt, in der U-Bahn, im Bus oder im Kino. Eine Panik, die man nicht mehr loswird und die dann genau so aussieht wie das, was sie verursacht: die Bettwanze.

Die Bettwanze ist ein winziges, blutsaugendes Insekt. Mit ihren kleinen Beinen ist sie eine Sprinterin, keine MarathonlĂ€uferin: Auf kurzen Strecken ist sie gefĂŒrchtet! Dennoch reist sie gern, indem sie sich in unsere Klamotten und Taschen einschleicht. Da sie sich ernĂ€hren will, muss sie in die Wohnung eines Menschen eindringen. Dort vermehrt sie sich (ein ausgewachsenes Weibchen legt tĂ€glich zwischen 5 und 10 Eier) und versteckt sich in jeder Ecke und jeder Ritze. Sie ĂŒbertragen zwar keine Krankheiten, aber ihre Anwesenheit kann zu ernsthaften psychologischen Problemen fĂŒhren.

Und unter all den Orten, die von dem Insekt befallen sind, machen in Frankreich vor allem die Kinos Schlagzeilen - sowohl in den Medien als auch in den sozialen Netzwerken. Welches Ausmaß hat die kollektive Psychose um Bettwanzen angenommen? Wie hat sich die Krise auf die Besucherzahlen in den Kinos ausgewirkt?

Ein Horrorfilm ...

Obwohl die Bettwanze den gesamten öffentlichen Raum erobert zu haben scheint, war es interessanterweise das Kino, in dem am meisten Panik entstand. Mitte August begannen mehrere Internetnutzer, in sozialen Netzwerken ĂŒber Bettwanzen im UGC Bercy, einem Kino im 12. Arrondissement von Paris, zu berichten. 

Eine 53-jĂ€hrige Zuschauerin aus Paris stellte zu Hause fest, dass sie gebissen worden war, wie sie mit Fotos belegte. Danach wurden rund zehn KinosĂ€le in ganz Paris an den Pranger gestellt, bis der SchĂ€dling schließlich ĂŒberall gesichtet wurde. Inzwischen gibt es zahlreiche Berichte ĂŒber Bettwanzen in mehreren GroßstĂ€dten. Was fĂŒr viele ein Grund zur Sorge war, entwickelte sich zu einer Massenpsychose. 

Zahlreiche Menschen in sozialen Netzwerken verbreiten die Nachricht. "GESUNDHEITSALARM: Eine Bettwanze wurde gestern in einem Pariser Kino gesichtet", titelt ein Nachrichtenkonto auf X (frĂŒher Twitter). "Ich möchte ins Kino gehen, aber ich habe Angst vor Bettwanzen", klagte eine andere Nutzerin.

Die Medien greifen die Story auf. So veröffentlicht Le Figaro am 1. September 2023 einen Artikel mit der Überschrift "Mehrere Pariser Kinos von Bettwanzen befallen", wĂ€hrend RTL zehn Tage spĂ€ter die Schlagzeile "Paris: Bettwanzen in den Kinos?" veröffentlicht. Der Skandal ĂŒberquert den Atlantik, CNN titelt am 2. Oktober 2023: "France is battling a bedbug outbreak which is sweeping Paris" oder "Frankreich kĂ€mpft gegen eine Bettwanzeninvasion, die Paris verwĂŒstet". Die ganze Welt blickt auf ein befallenes und verĂ€ngstigtes Land. Doch ist es das wirklich?

... oder Komödie?

Die offizielle Website des Centre National du CinĂ©ma et de l'Image AnimĂ©e (CNC) in Paris prĂ€sentiert Zahlen, die nichts Gutes verheißen: Von 15,91 Millionen Kinobesuchen im August 2023 sank die Zahl der Kinobesucher:innen auf 8,78 Millionen im September 2023. Ein drastischer RĂŒckgang also, der jedoch von Fachleuten relativiert wird. 

Das sagt der Kinobetreiber

Pierre BarthĂ©lĂ©my, Direktor des Kinos PathĂ© Bellecour in Lyon, zufolge ist der RĂŒckgang der Besucherzahlen ein traditionelles PhĂ€nomen des Monats September, das auf mehrere Faktoren zurĂŒckzufĂŒhren ist: ZunĂ€chst einmal auf das Wetter, denn es ist besonders heiß und viele, die ins Kino gehen könnten, ziehen AktivitĂ€ten im Freien vor. 

Zweitens sind die Filme, die gezeigt werden, weniger attraktiv fĂŒr das Publikum, da der September zwischen Superlativen wie Barbie und Oppenheimer im Sommer und großen Blockbustern wie The MarvelS liegt. Laut Kinobetreiber BarthĂ©lĂ©my ist die allgemeine Panik ĂŒber Bettwanzen eine "...Psychose und eine Hypermediatisierung eines aktuellen Ereignisses". Er hat nicht festgestellt, dass sich das Verhalten der Kinobesucher geĂ€ndert hat, obwohl sich einige nach den Bettwanzen erkundigt haben. "Wir haben ĂŒber die sozialen Netzwerke einige Fragen zur Situation des Kinos erhalten. Nein, wir haben keine Bettwanzen und ja, wie alle Kinos fĂŒhren wir prĂ€ventive Maßnahmen durch!". 

Mehrere Firmen von verschiedenen Dienstleistern sind monatlich in den SÀlen des Kinos Pathé Bellecour im Einsatz und werden ohnehin sofort kontaktiert, wenn SchÀdlinge entdeckt werden. Pierre Barthélémy gibt sich beruhigt, was die Zukunft der Branche angeht. "Die Zuschauer sind neugierig auf die Filme, die neu herauskommen. Das Kino ist nicht tot, es gibt noch jede Menge zu tun!", erklÀrt er erfreut.

Das sagen die Kinobesucher:innen

Die Kinobesucher:innen scheinen die Ansicht von Kinoleiter BarthĂ©lĂ©my zu teilen, wie aus den Ergebnissen unserer Mikroumfrage hervorgeht. In einer Stichprobe von 30 Befragten gaben 74% an, dass sie von der Panik vor Bettwanzen nicht betroffen seien. 63% waren der Meinung, dass sie nicht weniger ins Kino gingen als zuvor, und 100% (!) gaben an, dass die RegelmĂ€ĂŸigkeit ihrer Kinobesuche durch die GerĂŒchte ĂŒber Bettwanzen ĂŒberhaupt nicht beeintrĂ€chtigt worden sei. 

Absurd ist jedoch, dass auf die Frage "Glauben Sie, dass andere Leute wegen der Bettwanzen weniger ins Kino gehen?" antworteten 68% der Befragten mit "Ja"! Wir befinden uns also in einer Situation, in der niemand in Panik gerĂ€t, aber dennoch jeder davon ĂŒberzeugt ist, dass ... alle in Panik geraten. 

Das sagt der SchÀdlingsbekÀmpfer

Es wĂ€re jedoch falsch zu glauben, dass es keine Zunahme von Bettwanzen gibt. Laut Aymeric Bouxom, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der SchĂ€dlingsbekĂ€mpfungsfirma Game Over in Lyon, "gibt es natĂŒrlich mehr Bettwanzen als frĂŒher, aber das geht schon seit 8 Jahren so, das ist nichts Neues!". Seiner Meinung nach sind die klimatischen Bedingungen sowie die Inflation, die es vielen unmöglich macht, wirksame Vernichtungsmittel zu bezahlen, die Ursache fĂŒr den Anstieg der Zahl der Bettwanzen. Als SchĂ€dlingsbekĂ€mpfer bemerkt Bouxom die Auswirkungen der herrschenden Paranoia sehr wohl. "Seit einigen Wochen bekomme ich fĂŒnf- bis sechsmal so viele Anrufe wie frĂŒher. Aber ich greife nicht immer ein, weil es meistens nicht nötig ist. Es herrscht eine regelrechte Panik, die nicht gerechtfertigt ist". Bouxom erzĂ€hlt eine Anekdote aus seinem Alltag, in der ein panischer Kunde behauptete, er habe mehrere hundert Bettwanzen. Wanzen, die sich als der Profi in Schutzkleidung intervenieren wollte als etwas anderes herausstellten, denn es waren... Ameisen.

Die Befragungen zeigen, dass die Panik vor Bettwanzen eher eine kollektive Psychose als eine Gesundheitsgefahr ist. Das sehr reale Problem der Verbreitung von Bettwanzen in französischen Haushalten stellt nach wie vor zwar eine große Herausforderung fĂŒr die öffentliche Gesundheit dar. Was das Kino betrifft, so können wir jedenfalls weiterhin mit relativ gutem Gewissen Filme anschauen: Denn dort ist die Angst viel eher auf der Leinwand als auf unserem Sitz.

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