Saudi-Arabien baut Wasserstoff-Megaprojekte in NEOM und Yanbu. Merz sucht am Golf neue Energiepartner. Doch was kostet Europas Energie-Sicherheit wirklich?
Bundeskanzler Friedrich Merz reist vom 4. bis zum 6. Februar 2026 in die Golfregion. Sein Ziel: Stabilität im Nahen Osten schaffen und die Wirtschaftsbeziehungen mit Saudi-Arabien, Katar und den Vereinten Arabischen Emiraten stärken und vertiefen, wie Regierungssprecher Stefan Kornelius am Freitag in Berlin mitteilte.
Angesichts der veränderten geopolitischen Lage und der angespannten Beziehungen mit Russland und den USA sind neue wirtschaftliche Partnerschaften für Deutschland und Europa essenziell. Dazu gehören vor allem Flüssiggaslieferungen.
In der Vergangenheit hat Europa bereits den Fehler gemacht, sich bei der Energieversorgung zu abhängig von nur einem Land – Russland – zu machen. Eine zu große Abhängigkeit könnte Deutschland und Europa auch bei der Zusammenarbeit mit den Golf-Staaten zum Verhängnis werden. Wird das ökonomische Risiko der deutsch-golfarabischen Wirtschaftsbeziehungen unterschätzt? Und welche wirtschaftlichen und politischen Gegenleistungen erwarten Golfstaaten von Deutschland und Europa?
Flüssiggas aus Saudi-Arabien: Das wollen die Golf-Staaten im Gegenzug von Deutschland und Europa
"Weniger öffentliche Kritik an innenpolitischen Entwicklungen sowie eine grundsätzliche Anerkennung ihrer politischen und gesellschaftlichen Wertesysteme", sagt Dr. Dalia Samra-Rohte, Delegierte der Deutschen Wirtschaft für Saudi-Arabien, Bahrain und Jemen.
In den Golfstaaten – und besonders in Saudi-Arabien – seien Politik und Wirtschaft eng miteinander verflochten, sagt die Wirtschaftsexpertin. Wirtschaftliche Investitionsentscheidungen seien daher stets auch politische und strategische Entscheidungen.
Wie können Deutschland und Europa Fehler aus der Vergangenheit lernen? "Eine zentrale Lehre aus der früheren Abhängigkeit von russischen Energielieferungen ist, dass Diversifizierung von Energieträgern und Bezugsquellen im Mittelpunkt deutscher und europäischer Strategien stehen muss", sagt Dr. Samra-Rohte. Die Lösung liege darin, breit angelegte Diversifizierungsstrategien über verschiedene Länder voranzutreiben – dazu gehöre auch die Golfregion als wichtiger Baustein für eine stabile Energieversorgung Europas.
"Die Kombination aus günstigen Energien, staatlicher Investitionskraft und großflächig verfügbaren Industrieflächen verschafft Saudi-Arabien dabei strukturelle Vorteile", sagt Dr. Samra-Rohte.
Saudi-Arabien teilt mit Deutschland und Europa ähnliche Ambitionen im Bereich der erneuerbaren Energien
Eine Zusammenarbeit wäre im Bereich Wasserstoff, Ammoniak und erneuerbare Energien für Deutschland und Europa äußerst nützlich. Denn hier hat Saudi-Arabien, wie Deutschland und Europa, ähnliche Ambitionen: "Saudi-Arabien ist traditionell ein bedeutender Öllieferant und verfügt bislang über keine eigenen (Flüssigerdgas) LNG‑Exportkapazitäten. Im Rahmen der wirtschaftlichen Transformation der Vision 2030 diversifiziert das Königreich jedoch seine Energiewirtschaft. Das ursprüngliche Ziel bis 2030: 50 % der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien zu gewinnen", erklärt die Wirtschaftsexpertin.
Saudi-Arabien zählt wegen seiner hervorragenden natürlichen Bedingungen weltweit zu den attraktivsten Standorten für die Solarstromproduktion. Das Land habe großes Interesse am Export von grünem Strom nach Europa. Parallel dazu entwickele das Königreich die Produktion von grünem Wasserstoff weiter und baue eine Exportkette auf, insbesondere in Form von grünem Ammoniak, so Dr. Samra-Rohte. "Zu den zentralen Projekten gehören große Wasserstoffanlagen in der Zukunftsstadt NEOM sowie in Yanbu an der Westküste", erzählt Dr. Samra-Rohte weiter.
Eine strategische Energiepartnerschaft – eine Win-Win-Situation
Genau hier kommen Deutschland und Europa ins Spiel: "Eine langfristige strategische Energiepartnerschaft könnte diese Entwicklung unterstützen", glaubt die Wirtschaftsexpertin. Damit wäre Saudi-Arabien nicht nur der klassische Öllieferant, sondern zunehmend auch ein Anbieter von grünem Wasserstoff und perspektivisch grünem Strom – ein wichtiger Beitrag zur Dekarbonisierung der europäischen Industrie, erklärt Dr. Samra-Rohte.
Vor allem die Investitionen der Golfstaaten bieten große Chancen. "Die Energiewirtschaft ist traditionell einer der zentralen strategischen Sektoren", sagt die Wirtschaftsexpertin "Vor diesem Hintergrund zeigt Saudi-Arabien weiterhin Interesse an partnerschaftlichen Investitionen im Ausland, insbesondere in Bereichen, die für den Aufbau einer zukünftigen Energiearchitektur relevant sind. Dazu gehören Importterminals, Elektrolyseure, Speichertechnologien und Netzinfrastruktur." Solche Kooperationen könnten einen direkten Mehrwert für die Energiesicherheit Deutschlands schaffen, indem sie langfristige Lieferketten für Wasserstoff und andere klimaneutrale Energieträger unterstützen, so die Wirtschaftsexpertin.
"Investitionen in diese kapitalintensiven und zukunftsrelevanten Industrien können einen spürbaren Beitrag zur Weiterentwicklung des Wirtschafts- und Industriestandorts Deutschland leisten", sagt Dr. Samra-Rohte. Dazu gehören technologische Impulse, neue industrielle Kooperationen und die Stärkung strategischer Wertschöpfungsketten.
Die Golfregion: ein bedeutender Absatzmarkt für deutsche Produkte und Technologien
Dabei sei die Golfregion nicht nur ein zentraler Partner für die Energieversorgung, sondern auch ein bedeutender Absatzmarkt für deutsche Produkte und Technologien, insbesondere vor dem Hintergrund sich wandelnder außenpolitischer Prioritäten der USA und der Sicherung Deutschlands außen- und sicherheitspolitischer Handlungsfähigkeit.
Mit seinen Zoll-Drohungen hat Trump in Deutschland und Europa bereits für Unsicherheit gesorgt. Die Golf-Region könnte als wirtschaftliches Sicherheitsnetz dienen. Besonders wichtig sei eine stabile Versorgung mit Energie – dazu gehören grüner Wasserstoff, Ammoniak und petrochemische Produkte. Das sei entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Industriestandorts, so die Wirtschaftsexpertin. Gerade energieintensive Branchen seien darauf angewiesen, langfristig verlässliche und bezahlbare Energiequellen zu sichern.
Strategische Herausforderungen
Doch neben den Chancen bedeutet eine Partnerschaft mit Saudi-Arabien mit Blick auf die eigene industrielle Wettbewerbsfähigkeit auch strategische Herausforderungen: Denn langfristig könne die Partnerschaft zu einer wachsenden Konkurrenz für den Industriestandort Deutschland führen, insbesondere in Sektoren, in denen Energiepreise ein zentraler Wettbewerbsfaktor sind.
Zudem müsse Deutschland Hindernisse beseitigen. Im Zusammenhang mit Investitionsvorhaben betont Saudi-Arabien regelmäßig die bürokratischen Hürden in Europa. "Aus saudischer Sicht erschweren diese Faktoren nicht nur Investitionen, sondern wirken auch als Standortnachteil im globalen Wettbewerb um Zukunftstechnologien und industrielle Wertschöpfung", sagt Dr. Samra-Rohte.
Lange Entscheidungsprozesse und regulatorische Anforderungen wie die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) - eine EU-Richtlinie über die Sorgfaltspflichten von Unternehmen bezüglich ihrer Lieferanten – seien wesentliche Hindernisse für stärkere Kapitalzuflüsse, so die Wirtschaftsexpertin.