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Münchner Sicherheitskonferenz 2026: Wind of Change 2.0

Münchner Sicherheitskonferenz 2026: Wind of Change 2.0
Münchner Sicherheitskonferenz 2026: Wind of Change 2.0 Copyright  AP Photo
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Von Dr. Alexander Wolf, Leiter des Hauptstadtbüros der Hanns-Seidel-Stiftung (Meinung)
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Die Sicherheitsvorkehrungen außen vor der MSC waren wie immer: Absperrungen, schweres Polizeiaufgebot, akribische Kontrollen. Doch während die Konferenz am Sonntagabend endet, bleibt eine irritierende Erkenntnis: Drinnen war in diesem Jahr nichts mehr wie immer.

Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen sind die der Autoren und stellen in keiner Weise die redaktionelle Position von Euronews dar.

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​Als 1989 der erste „Wind of Change“ wehte, stand er für die Verheißung einer geeinten, liberalen Weltordnung. Das Ende der Bipolarität schien zugleich der Triumph der Demokratie und der Beginn einer Ära, in der der Westen die globalen Spielregeln bestimmte. Drei Jahrzehnte lang war dieser Optimismus der Rückenwind Europas. Heute, zum Abschluss der 62. Münchner Sicherheitskonferenz, hat der Wind gedreht. Er trifft uns frontal – und er kommt nicht mehr nur aus dem Osten. Er kommt aus dem Inneren des Westens selbst und erschüttert die Statik unseres Sicherheitsgefüges stärker als je zuvor.

Rivalität der Großmächte

Der US-Außenminister Marco Rubio (rechts) und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz treffen sich am Freitag, dem 13. Februar 2026, in München.
Der US-Außenminister Marco Rubio (rechts) und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz treffen sich am Freitag, dem 13. Februar 2026, in München. AP Photo

​Zum ersten Mal seit Gründung der NATO fehlt die gemeinsame Antwort auf die Frage nach dem Fundament. Früher stritt man über das „Wie“ der Kooperation. Heute steht das „Ob“ im Raum. Bundeskanzler Friedrich Merz brachte es in München auf den Punkt, als er feststellte, der Führungsanspruch der Vereinigten Staaten sei „angefochten, vielleicht schon verspielt“. Es war die bisher klarste Diagnose aus Berlin über eine Welt, die zunehmend von der rohen Rivalität der Großmächte geprägt wird. Auffällig blieb dabei am Rande, wie schmal der Raum war, den die Debatte über China in diesem Jahr einnahm – als konzentriere sich der Westen in Schockstarre fast nur noch auf die Erosion der eigenen Achse.

​Um in dieser neuen Zeitrechnung zu bestehen, muss Europa drei gefährliche Illusionen ablegen.

​Illusion 1: Transatlantische Euphorie statt strategischer Realität

Der US-Außenminister Marco Rubio begibt sich am Samstag, dem 14. Februar 2026, zu einem Treffen der Außenminister der G7.
Der US-Außenminister Marco Rubio begibt sich am Samstag, dem 14. Februar 2026, zu einem Treffen der Außenminister der G7. AP Photo

​Die Standing Ovations für US-Außenminister Marco Rubio am Samstagmorgen stillten die tiefe Sehnsucht vieler Europäer nach Verlässlichkeit. Sein charmantes Bekenntnis, die USA seien ein „Child of Europe“ und Washington wolle ein „starkes, eigenständiges Europa“, löste ein fast verzweifeltes Aufatmen aus. Doch Nostalgie ist kein sicherheitspolitisches Konzept.

​Rubios Worte dürfen nicht über die Realität hinwegtäuschen: Die US-Außenpolitik folgt heute einer kühlen, transaktionalen Logik. Und in der aktuellen Administration gilt eine einfache Wahrheit: Entscheidend ist am Ende nur einer – Donald Trump. Was Regierungsvertreter auf internationalen Bühnen versichern, ist zweitrangig. Die finale Entscheidungsgewalt und die Unberechenbarkeit liegen allein im Oval Office.

​Wer heute in München von Freundschaft spricht, übersieht, dass bei Themen wie Handelszöllen, Technologiewettbewerb oder Subventionen diplomatische Sentimentalitäten sofort der kompromisslosen „America First“-Logik weichen. In einem US-Wahljahr sind freundliche Töne oft Symbolpolitik, keine Garantie. Europa sollte den höflicheren Stil begrüßen – aber seine strategische Autonomie mit unverminderter Konsequenz vorantreiben. Schöne Worte sichern keine Grenzen; nur eigene Stärke tut es.

​Illusion 2: Europa marschiert gemeinsam – oder gar nicht

Der britische Premierminister Keir Starmer nimmt an einem trilateralen Treffen mit Bundeskanzler Friedrich Merz und Emmanuel Macron teil.
Der britische Premierminister Keir Starmer nimmt an einem trilateralen Treffen mit Bundeskanzler Friedrich Merz und Emmanuel Macron teil. AP Photo

​Die zweite Selbsttäuschung ist die Vorstellung, europäische Handlungsfähigkeit entstehe nur durch Einstimmigkeit. Merz forderte in München zu Recht, die „selbstverschuldete Unmündigkeit“ zu beenden und den Führungsanspruch Europas endlich ernst zu nehmen. Doch die Realität der EU ist dynamisch: Durch wechselnde Regierungsmehrheiten wird es immer wieder Querschüsse geben.

​Wer in dieser Lage auf den kleinsten gemeinsamen Nenner wartet, wird in der Ära der Großmächte nie führen. Europa braucht einen Kern von Staaten, die bereit sind, strategische Autonomie voranzutreiben – ein handlungsfähiges Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Ein solcher Motor muss heute vor allem die Partnerschaft mit den Staaten Nordosteuropas suchen. Dort, wo die Bedrohung am unmittelbarsten gespürt wird, herrscht die größte strategische Klarheit. Dieser Nukleus muss Fakten schaffen: militärisch, technologisch, industriepolitisch. Das ist keine romantische Vision, sondern die nüchterne Bedingung für die Überlebensfähigkeit der europäischen Idee.

​Illusion 3: Allianzen sind für die Ewigkeit

Münchner Sicherheitskonferenz.
Münchner Sicherheitskonferenz. AP Photo

​Früher war eine Allianz ein Versprechen. Heute ist sie ein Geschäft auf Zeit. Wir müssen uns von sentimentaler Nostalgie lösen und Allianzen als das begreifen, was sie geworden sind: interessengeleitete Zweckbündnisse.

​Allianzen überleben nur, wenn sie einen klaren strategischen Mehrwert bieten und auf geteilter Realpolitik basieren. Kanzler Merz streckte Washington zwar die Hand aus, machte dies jedoch unmissverständlich von der Einhaltung von Rechtsstaatlichkeit und Freiheitsrechten abhängig – Werten, die jenseits des Atlantiks mittlerweile offen zur Disposition stehen. Allianzen sind Werkzeuge, keine moralischen Wohlfühlzonen. Wer sie anders versteht, wird als Erster enttäuscht und verwundbar zurückbleiben.

​Fazit: Der Mut zur Realität

Münchner Sicherheitskonferenz.
Münchner Sicherheitskonferenz. AP Photo

​Die größte geopolitische Veränderung der Vergangenheit war der Kollaps des Ostblocks. Die größte Veränderung von heute ist die Transformation des Westens in seinem Inneren. Der Wind hat sich gedreht – und er kommt aus Richtungen, die wir lange als sicher glaubten. Europa verfügt über enorme Ressourcen: Wirtschaftskraft, intellektuelles Kapital, diplomatische Erfahrung. Doch dieses Potenzial darf nicht nur rhetorisch genutzt werden, sondern muss reale Anwendung finden.

​Wir leben in einer Zeit, in der Verlässlichkeit keine Konstante mehr ist, sondern täglich neu ausgehandelt wird. Unabhängig von der Rhetorik in München bleibt der strategische Fokus der USA der Indopazifik. Führung bedeutet 2026, der eigenen Bevölkerung diese Wahrheit zuzumuten: Wir sind in weiten Teilen auf uns gestellt. Das ist kein Grund für Pessimismus, sondern ein Weckruf.

​Wir sind nicht wehrlos – sofern wir den Mut aufbringen, unsere Verteidigungsfähigkeit und strategische Autonomie mit der Konsequenz voranzutreiben, die wir über Jahrzehnte verlernt hatten. Deutschland setzt hierfür mit der Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent ein unmissverständliches Signal. Wer auf den Wind von gestern wartet, wird in diesem Sturm kentern. Wer ihn nutzt, um einen eigenen Kurs zu setzen, kann bestehen.

​Es ist Zeit für einen „Wind of Change 2.0“.

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