Experte warnt im Gespräch mit Euronews Green: Intensivlandwirtschaft treibt das Verschwinden vieler Vogelarten in Europa voran.
In Nordamerika sind die Vogelbestände in den vergangenen vierzig Jahren um 15 Prozent geschrumpft. Das zeigt eine Studie, die in der Fachzeitschrift „Science“ erschienen ist.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in ganz Europa – und das schon seit Jahrzehnten.
Euronews Green hat mit Anna Staneva gesprochen, Leiterin für Wissenschaft, Arten- und Gebietsschutz bei BirdLife Europe. Sie erklärt, was gerade passiert und warum das weit über die Vögel selbst hinausreicht.
Vögel in dramatischem Rückgang
Seit den 1980er-Jahren sammeln Forschende systematisch Daten zu den Vogelbeständen in Europa.
„Auch in Europa gehen die Vogelbestände deutlich zurück“, sagt Staneva.
Besonders hart trifft es Feldvögel – etwa Spatzen, Feldlerchen und Kiebitze, die früher die Agrarlandschaft prägten. „Unsere Zahlen zeigen durchgehend Rückgänge, vor allem bei Feldvögeln. In Europa erreichen sie in den vergangenen vier Jahrzehnten fast 60 Prozent“, erklärt Staneva.
Betroffen sind jedoch längst nicht nur Arten des Offenlands. Waldvögel, Wasservögel, Langstreckenzieher – die Verluste ziehen sich durch alle Lebensräume. In Teilen Mitteleuropas ist der Neuntöter, ein kleiner, scharfäugiger Räuber, der früher weit verbreitet war, in nur 30 Jahren um mehr als 92 Prozent zurückgegangen.
Intensive Landwirtschaft setzt Vögeln zu
Der Klimawandel trägt seinen Teil zum Rückgang bei. Er verschiebt die Jahreszeiten und verändert Signale, auf die Vögel bei der Brut angewiesen sind. Der stärkste Treiber liegt aber näher am Boden.
„Zahlreiche Studien zeigen übereinstimmend, dass eine der größten und bedeutendsten Bedrohungen für Vögel in Europa die intensive Landwirtschaft ist“, sagt Staneva.
Die moderne Agrarindustrie hat die Landschaft in einem Tempo und Ausmaß umgebaut, mit dem die Tierwelt nicht Schritt halten kann. Hecken wurden gerodet. Brachflächen, früher ein Mosaik wichtiger Lebensräume, sind riesigen, kahlen Monokulturen gewichen. Und dann sind da noch die Chemikalien.
Pestizide und Dünger, so Staneva, „schaden Vögeln direkt. Sie beeinflussen aber auch ihre Fortpflanzung und damit die Fähigkeit der Bestände, auf Dauer zu bestehen“.
Ein Teil des Problems wirkt indirekt, aber verheerend. Wenn Pestizide Insekten und andere wirbellose Tiere großflächig auslöschen, verschwindet auch die Nahrung, die Altvögel für ihre Küken brauchen.
Vogel- und Menschengesundheit hängen zusammen
Wie in vielen Bereichen der Natur ist auch die menschliche Gesundheit eng mit der Tierwelt verknüpft.
„Vögel sind ein sehr guter Indikator für die Gesundheit der Umwelt“, sagt Staneva. „Wenn wir sehr große Teile der Vogelwelt verlieren, gehen Funktionen im Ökosystem verloren. Sie hängen mit der Nahrungsmittelproduktion zusammen und mit der Fähigkeit unserer Umwelt, sich an den Klimawandel anzupassen.“
Vögel leisten vieles für uns, das kaum noch auffällt. Sie fressen Schädlinge auf Feldern. Sie verbreiten Samen. Sie halten das System am Laufen. Verschwinden sie, gehen diese Dienste verloren – und wir greifen noch stärker zu genau den Pestiziden, die den Rückgang ursprünglich ausgelöst haben.
Es gibt auch einen menschlichen Preis, der sich schwerer messen lässt. Studien zeigen immer wieder, dass ein Aufenthalt in der Natur – und schon das Hören von Vogelgesang – Stress und Angstzustände reduziert. Verstummt die Landschaft, schadet das also auch uns, nicht nur den Vögeln. „Wenn wir über den Rückgang der Vögel sprechen, müssen wir uns bewusst machen, dass er ein Hinweis auf den allgemeinen Gesundheitszustand der Umwelt ist“, sagt Staneva.
Naturschonende Politik dringend nötig
Es gibt eine gute Nachricht: Naturschutz wirkt. Geier sind in Europas Himmel zurückgekehrt. Krauskopfpelikane erholen sich. Gezielte Maßnahmen, verbunden mit Zeit und Ressourcen, können Arten in letzter Minute zurückholen.
Noch sind diese Erfolge aber klein und verstreut. Staneva macht deutlich, dass es sich um eine systemische Krise handelt. „Der allgemeine Rückgang zeigt ein Problem, das nicht nur regional ist, sondern im System steckt.“ Um das zu beheben, muss sich grundlegend ändern, wie wir Lebensmittel erzeugen.
Notwendig sei „ein systemischer, tiefgreifender Wandel in der Art, wie wir unsere Nahrung produzieren, ein Wandel in der Bewirtschaftung unserer Flächen“, sagt sie.
Europa verfügt über Instrumente: Die Gemeinsame Agrarpolitik kann naturverträgliche Bewirtschaftung unterstützen, und das neue Renaturierungsgesetz der EU will bis 2030 20 Prozent der Land- und Meeresflächen wiederherstellen. Ob die Regierungen das auch einlösen, ist eine andere Frage.
„Wir brauchen Staaten, die bei der Umsetzung deutlich naturfreundlicherer Maßnahmen an einem Strang ziehen“, sagt Staneva. „Und je naturfreundlicher diese Politik ist, desto besser ist sie am Ende auch für die menschliche Gesundheit.“