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Ein Jahr Merz: Gebrochene Versprechen, schlechte Umfragen, zerstrittene Koalition

Bundeskanzler Merz (CDU) auf der Hannovermesse, in Hannover, 20. April 2026
Bundeskanzler Merz (CDU) auf der Hannovermesse, in Hannover, 20. April 2026 Copyright  Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved
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Von Laura Fleischmann
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Kaum Reformen, viel Koalitionsstreit, Zoff mit Trump: Friedrich Merz übersteht sein erstes Kanzlerjahr – aber zu einem hohen Preis. Über 70 Prozent der Deutschen sind unzufrieden mit ihm. Eine erste Bilanz der schwarzroten Regierung.

Es war ein turbulentes erstes Kanzler-Jahr für Friedrich Merz (CDU). Zunächst schien alles wie geschmiert zu laufen: Fast in Rekordgeschwindigkeit, nach nur drei Wochen der Verhandlungen und 45 Tage nach der Bundestagswahl, einigten sich CDU, CSU und SPD auf einen 144-seitigen Koalitionsvertrag – sein Titel: "Verantwortung für Deutschland".

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Im Sinne der Zusammenarbeit bot Merz seinem Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) sogar das "Du" an, erzählte der SPD-Chef stolz im März 2025 bei Caren Miosga (ARD). Doch noch bevor die "Arbeitskoalition", wie der Kanzler sie nannte, an der Macht war, bekam ihre Fassade erste Risse.

Erst im zweiten Wahlgang wählten die Abgeordneten im Bundestag am 6. Mai 2025 Merz mit 325 Stimmen zum Kanzler. 315 waren notwendig. Seine schwarz-rote Koalition stand offenbar nicht geschlossen hinter ihm. Der Beziehungsstatus, auch heute noch: "Es ist kompliziert."

Merz: Vom Trump-Freund zum Verstoßenen

Letzteres gilt wohl auch für die Beziehung zu US-Präsident Donald Trump. Anfangs fand der Transatlantiker Merz leicht den richtigen Ton im Umgang mit Trump. Nach seinem Antrittsbesuch im Oval Office im Juni 2025 zog Merz in der ARD die Bilanz, das "Fundament für politisch zielführende Gespräche" sei gelegt. Die Atmosphäre war kollegial, Trump redete den Großteil der Zeit, sprach von einer "großartigen Beziehung" zu Deutschland.

Doch inzwischen ist Merz im Trump-Ranking ganz unten angekommen. Regelmäßig schimpft der US-Präsident vor Journalisten auf Merz, sagt über den Bundeskanzler: "Er macht einen schrecklichen Job." Auch auf seiner Plattform Truth Social zieht Trump über Merz her, bezeichnet ihn als "völlig wirkungslos" im Ukraine-Krieg. Deutschland sei ein "kaputtes Land", insbesondere in den Bereichen Migration und Energie.

Hintergrund dürften Äußerungen von Merz über Trump sein. Bei einer Schulveranstaltung in seinem Wahlkreis in Marsberg sagte Merz im April 2026, "die Amerikaner haben offensichtlich keine Strategie". Zudem seien die USA bei den fruchtlosen iranisch-amerikanischen Gesprächen gedemütigt worden. Kurz zuvor, im März 2026, kritisierte Merz bereits den Krieg gegen den Iran: "Wir hätten davon abgeraten." Die Amerikaner hätten Deutschland nicht informiert.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei einer Paneldiskussion am Carolus-Magnus-Gymnasium in Marsberg, 27. April 2026
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei einer Paneldiskussion am Carolus-Magnus-Gymnasium in Marsberg, 27. April 2026 (c) Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Mit dem Iran-Krieg ist nach dem Ukraine-Krieg ein weiterer Brandherd in Merz' politisches Leben getreten. Hohe Energiepreise und die wirtschaftlichen Folgen belasten Deutschland zusätzlich.

Herbst der Reformen ließ auf sich warten

Den langersehnten Aufschwung versucht die Bundesregierung trotzdem herbeizuführen. Im September 2025 riefen CDU/CSU und SPD den "Herbst der Reformen" aus. Dieser sei, so Merz damals, "längst eingeleitet".

Als Erstes knöpften sich die Koalitionäre die Rente vor: Im Dezember 2025 beschloss der Bundestag eine Rentenreform. Das Rentenniveau soll demnach bei 48 Prozent bleiben. Bis 2031 bleibt der "Nachhaltigkeitsfaktor" außer Kraft, der dafür sorgen soll, dass Renten langsamer steigen, wenn weniger Beitragszahler in die Rentenkasse einzahlen.

Eine zweite Rentenreform will die Regierung noch dieses Jahr auf den Weg bringen. Die gesetzliche Rente solle eine Basisabsicherung bleiben, so Merz, private Altersvorsorge und Betriebsrenten sollten wichtiger werden. Auch das Eintrittsalter könnte steigen: "Ich halte mich nicht an Geburtsdaten fest, das ist irrelevant. Die Arbeitsministerin, Bärbel Bas, hat es einmal sehr richtig formuliert: Entscheidend sind die Beitragsjahre und nicht das Lebensalter", so der CDU-Chef in einem Spiegel-Interview Ende April 2026.

Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei einem Kabinettstreffen im Kanzleramt in Berlin, 29. April 2026
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei einem Kabinettstreffen im Kanzleramt in Berlin, 29. April 2026 Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved

Das Ministerium unter Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) erarbeitete zudem die Bürgergeld-Reform – ein echtes Herzensthema für Merz, wie er in seinem Wahlkampf klargemacht hatte. Mit dem Gesetz soll schnellere Arbeitsvermittlung mehr in den Fokus rücken. Die Mittel: verschärfte Mitwirkungspflichten und strengere Sanktionen. Zudem wird der Name in "Grundsicherung" geändert. Im März wurde das Gesetz im Bundestag verabschiedet. Am 1. Juli tritt die Reform in Kraft. Professor Andres Peichl, Leiter am ifo-Zentrum, kommentierte diese gegenüber Euronews so: "Die Reform ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung". Zugleich betont der Ökonom: "Der große Wurf muss allerdings noch kommen, um die Arbeitsanreize signifikant zu erhöhen und die gewünschten fiskalischen Effekte zu erzielen."

Eine Sozialstaatsreform sowie eine Arbeitszeitreform ist die Arbeitsministerin noch schuldig. Doch Bas scheint schon jetzt alles andere als zufrieden: In einer Rede am 1. Mai sprach sie von der Darstellung des Sozialstaats als "gewaltiges Problem" und als "nette Geste, auf die man endlich verzichten müsste". Die Arbeitsministerin nannte das "zynisch" und "menschenverachtend".

Massive Kritik erntete ebenfalls die jüngst im Kabinett verabschiedete Gesundheitsreform. Mit dem Sparpaket sollen 16,3 Milliarden Euro eingespart werden. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sprach von einer künftig "einnahmenorientierten Ausgabenpolitik".

Die Leistungen der Kassen sollen sich an den Einnahmen orientieren. Gestrichen wurde unter anderem die beitragsfreie Mitversicherung. Homöopathie als Kassenleistung soll ebenfalls wegfallen. Hautkrebs-Screenings alle zwei Jahre sind noch ein Wackelkandidat, genauso wie die Kostenerstattung bei kieferorthopädischen Behandlungen.

Redebedarf gibt es zwischen den Koalitionspartnern ebenfalls bei der Steuerreform. Im Koalitionsvertrag kündigten CDU/CSU und SPD an: "Wir werden die Einkommensteuer für kleine und mittlere Einkommen zur Mitte der Legislatur senken." Spürbare Entlastungen sollte es für Arbeitnehmer geben, die 3.000 bis 4.000 Euro verdienen, erklärte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) vor Kurzem. Im Gespräch ist auch eine Verschiebung der Grenze für den Spitzensteuersatz.

Sinkende Asylbewerberzahlen

Wirtschaftlichen Aufschwung erhofft die Bundesregierung sich von umfassenden Energiereformen. Erste Entlastungen wurden bereits beschlossen. Im Koalitionsvertrag versprach Schwarz-Rot zudem "als Sofortmaßnahme die Stromsteuer für alle auf das europäische Mindestmaß senken und Umlagen und Netzentgelte reduzieren." Doch bisher ist das ausgeblieben. Offen ist ebenfalls ein entlastender Industriestrompreis für energieintensive Unternehmen.

Die Asylbewerberzahlen in Deutschland sind drastisch gesunken: 2025 suchten 51 Prozent weniger Menschen um Asyl an als im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl lag bei 113.236 Anträgen. 2024 waren es noch 229.751 Anträge, so das Bundesministerium des Inneren. Im Vergleich zu 2023 ist die Zahl der Anträge sogar um fast zwei Drittel gesunken.

Grenzkontrolle von deutschen Polizisten nähe Kiefersfelden an der Grenze zu Österreich, 15. Mai 2025
Grenzkontrolle von deutschen Polizisten nähe Kiefersfelden an der Grenze zu Österreich, 15. Mai 2025 (c) Copyright 2025, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Erwirkt wurden die sinkenden Zahlen unter anderem durch dauerhafte Grenzkontrollen und Zurückweisung von Asylsuchenden ohne gültige Papiere oder bei illegalen Einreiseversuchen. Asylverfahren sollen zudem schneller durchgeführt sowie der Abschiebedruck erhöht werden. Die Zahl der Abschiebungen stagnierte zuletzt jedoch. Diese Woche kündigte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) ein neues Gesetz zur Beschleunigung von Abschiebungen an. Marc Felix Serrao kommentiert die Entwicklung der Zahlen in der Tageszeitung Die Welt wie folgt: "Das ist ein beeindruckender Rückgang. Allerdings hat er so gut wie nichts mit deutscher Politik zu tun. Im Dezember 2024 endete der Krieg in Syrien, dem Land, aus dem bis dato die mit Abstand meisten Asylbewerber gekommen waren. Zugleich verschärften andere europäische Staaten ihren Grenzschutz. Die Bundesregierung ist ein Profiteur, kein Treiber des Rückgangs."

Merz: Unbeliebt wie kein anderer

Politisch sind die Reformpläne für die Koalition herausfordernd: Union und SPD geraten immer wieder inhaltlich aneinander. Jüngst prognostizierte Christian von Stetten (CDU), Vorsitzender des Parlamentskreises Mittelstand (PKM), dass die Regierung "keine vier Jahre" durchhalte. Beim Koalitionsausschuss Ende April soll Merz seinen Vize Klingbeil angebrüllt haben. Später wies Merz das zurück.

Auch sonst schafft der Kanzler es mit seinem teils schroffen Ton regelmäßig in die Schlagzeilen. Unvergessen ist seine Aussage bei einer Pressekonferenz im Oktober 2025, bei der er von einem "Problem" mit dem "Stadtbild" sprach. Landesweite Proteste folgten.

Im Dezember 2025 trat Merz wieder ins Fettnäpfchen: Im Zuge eines kurzen Besuches in der nordbrasilianischen Großstadt Belém für die UN-Klimakonferenz sagte der Kanzler, alle seien "froh" wieder abzureisen – sehr zum Ärgernis der Brasilianer. Heftige Kritik gab es auch für Merz' Einschätzung, das militärische Vorgehen Israels im Nahen Osten sei die "Drecksarbeit für den Westen".

Bundeskanzler Merz (CDU) und Brasiliens Präsident Lula da Silva bei der UN-Klimakonferenz in Belém, Brasilien, 7. November 2025
Bundeskanzler Merz (CDU) und Brasiliens Präsident Lula da Silva bei der UN-Klimakonferenz in Belém, Brasilien, 7. November 2025 Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved.

Umfragen ordnen Merz inzwischen als unbeliebtesten Kanzler der deutschen Nachkriegsgeschichte ein – auch unbeliebter als sein Vorgänger Olaf Scholz (SPD). "Über 70 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit von Friedlich Merz und der seiner Regierung unzufrieden. Das sind jeweils Höchstwerte", erklärt Hermann Binkert vom Meinungsforschungsinstitut INSA. "Selbst die Wähler von Union und SPD sind mehrheitlich unzufrieden." Vom schlechten Image der Bundesregierung profitiere die AfD als stärkste Oppositionspartei, so Binkert.

Auch im internationalen Ranking schneidet der Sauerländer schlecht ab. Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts "Morning Consult" verglich Staats- und Regierungschefs von 24 Demokratien in ihrer Beliebtheit. Auf dem hintersten Platz landete der deutsche Kanzler, hinter Trump und Erdoğan.

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