Durchschnittsgehälter in Europa: Schweiz und Island an der Spitze

Die Schweiz gehört zu den Spitzenzahlern in der EU.
Die Schweiz gehört zu den Spitzenzahlern in der EU. Copyright FABRICE COFFRINI/AFP
Von Indrabati Lahiri
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

Die Schweiz und Island gehören zu den Spitzenzahlern im Europäischen Wirtschaftsraum. Hier sehen Sie die Durchschnittsgehälter im Vergleich.

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Bei den Gehältern und Löhnen in den EU-Mitgliedstaaten gibt es immer noch erhebliche Unterschiede, die von einer Reihe von Faktoren wie Arbeitsrecht, Nachfrage und Inflation abhängen. Laut Eurostat lagen die durchschnittlichen Jahreslöhne im Jahr 2022 zwischen 106.839,33 Euro in der Schweiz und 12.923,66 Euro in Bulgarien.

Die Länder mit den höchsten Löhnen im Jahr 2022 waren die Schweiz (106.839 Euro), Island (81.942 Euro), Luxemburg (79.903 Euro), Norwegen (74.506 Euro) und Belgien (70.297 Euro). In Bulgarien (12.923 Euro), Rumänien (14.500 Euro), Kroatien (17.842 Euro), Ungarn (18.274 Euro) und Polen (18.114 Euro) waren die Löhne im Durchschnitt am niedrigsten.

Eine Arbeitsstunde kostete in der EU im Durchschnitt 30,50 Euro. Das durchschnittliche Jahresgehalt für alleinstehende Arbeitnehmer ohne Kinder lag bei 26.136 Euro. Erwerbstätige Paare mit zwei Kindern verdienten im Durchschnitt 55.573 Euro pro Jahr.

Das unbereinigte Lohngefälle zwischen den Geschlechtern betrug 2021 12,7 Prozent. In Estland war der Abstand zwischen den Löhnen von Männern und Frauen mit 20,5 Prozent am größten, in Luxemburg am geringsten. Dort verdienten die Frauen sogar 0,2 Prozent mehr. 2023 ist das Lohngefälle nach Angaben der Europäischen Kommission EU-weit auf 13 Prozent angestiegen.

Bereits im Jahr 2020 kündigte die Europäische Kommission eine Strategie an, mit der versucht werden sollte, das Gefälle bis 2025 auszumerzen. Daraufhin brachte die Kommission im Juni 2023 die Entgelttransparenzrichtlinie auf den Weg und stellte 6,1 Millionen Euro für deren Umsetzung bereit. Diese erleichtert es Arbeitnehmer, Lohndiskriminierung zu erkennen und dient auch Arbeitgeber als Leitlinie.

Die durchschnittlichen jährlichen Nettolöhne sind im Laufe der Jahre sowohl in der EU als auch in der Eurozone leicht gestiegen, jedoch nicht so stark wie erwartet. 

Die bestbezahlten Sektoren in Europa sind in der Regel das Finanz- und Versicherungswesen, die Elektrizitätswirtschaft, der Bergbau, die Informationstechnologie, der Einzelhandel und das Bildungswesen. Am anderen Ende des Spektrums finden sich die am schlechtesten bezahlten Sektoren in der Verwaltung, im Gastgewerbe und im Baugewerbe.

Steigende Löhne bedeuten jedoch nicht gleich steigende Lebensstandards. Die Inflation ist in der EU und im Europäischen Wirtschaftsraum stark angestiegen, was unter anderem auf die Corona-Pandemie zurückzuführen ist.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat nicht nur die Energiepreise in die Höhe getrieben, sondern auch die Lieferketten beeinflusst. Der Konflikt zwischen Israel und der Hamas könnte die Situation noch verschärfen.

Die Lebenshaltungskosten sind stark gestiegen. Oft hält das Lohnwachstum nicht mit den steigenden Preisen Schritt.

Warum sind die Gehälter in der Schweiz und in Island so hoch?

Die hohen Gehälter in der Schweiz sind hauptsächlich auf den Banken- und Finanzdienstleistungssektor zurückzuführen. Außerdem sind die Steuern in der Schweiz im Vergleich zum Rest der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums sehr viel niedriger, im Durchschnitt liegen sie bei etwa 20 bis 35 Prozent für die Gehaltsklasse von 150.000 bis 250.000 Schweizer Franken.

Die isländischen Gehälter werden dadurch angehoben, dass ein großer Teil des privaten Sektors des Landes auf Tarifverträgen beruht. Einige Erhöhungen sind auch auf die Einführung von ausgleichenden Leistungen im Zuge der Corona-Pandemie sowie auf die Erholung der Stundenlöhne nach der durch Covid bedingten Schwächephase zurückzuführen.

Island ist außerdem eines der teuersten Länder der Welt mit einer anhaltend hohen Inflation. Das trägt dazu bei, dass Arbeitnehmer immer wieder höhere Gehälter fordern. Seit März 2019 wurden in Island 326 Tarifverträge unterzeichnet. Über 90 Prozent der Beschäftigten gehören einer Gewerkschaft an.

Ähnlich wie in der Schweiz ist der Finanz- und Bankensektor der Hauptgrund für die attraktiven Gehälter in Luxemburg, da die meisten Banken hochqualifizierte, erfahrene und gefragte Mitarbeiter beschäftigen. Einige von ihnen sind auch im Ausland tätig.

Luxemburg passt außerdem alle zwei Jahre seinen sozialen Mindestlohn im Vergleich zu den Durchschnittslöhnen und der Preisentwicklung an.

Die Steuersätze spielen eine große Rolle für die Nettolöhne und bestimmen, wie viel Geld tatsächlich bei den Arbeitnehmer ankommt. Die meisten Hochlohnländer in der EU und im EWR, insbesondere diejenigen, die der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angehören, sind im Folgenden aufgeführt.

Die Länder mit den niedrigsten Gehältern

In Bulgarien werden derzeit niedrige Löhne gezahlt. Viele Arbeitnehmer verlassen das Land um in wohlhabenderen Teilen Europas zu arbeiten. Geringe Bildung, chronische Armut und geringer Zugang zu Weiterbildung und Berufsberatung haben ihren Teil zu den niedrigen Gehältern beigetragen.

Vor Kurzem hat Bulgarien jedoch für das kommende Jahr eine Erhöhung des Mindestlohns von 398 Euro auf 477 Euro beschlossen. Außerdem sind die Arbeitsbedingungen im Land im Vergleich zu anderen Staaten mit niedrigem Durchschnittseinkommen weniger gefährlich und weniger stressvoll.

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Schwache Gewerkschaften tragen in Rumänien eine Mitschuld an den niedrigen Gehältern. Ausländische Unternehmen genießen im Land kein hohes Ansehen, weshalb Arbeitnehmer vor ihnen zurückschrecken. Die rumänische Wirtschaft befindet sich außerdem noch in der Aufbauphase.

Der kroatische Unabhängigkeitskrieg Anfang der 1990er Jahre führte dazu, dass Kroatien es verpasste, im Gegensatz zum Rest der EU seinen Wirtschafts- und Finanzsektor aufzubauen. Nach dem Krieg hatte die Regierung außerdem massive Ausgaben für Entschädigungen und den Wiederaufbau zu tätigen.

Dementsprechend ist die kroatische Wirtschaft auch heute noch nicht so weit entwickelt, wie man es erwarten könnte. Das Gastgewerbe und der Tourismussektor des Landes sind stark auf Zeit- und Saisonarbeiter angewiesen. Die Löhne bleiben in diesen Sektoren dementsprechend chronisch niedrig.

Seit dem EU-Beitritt hat sich die Lage jedoch gebessert, da Kroatien nun unter anderem von einem größeren Arbeitsmarkt profitiert. Außerdem hat das Land recht niedrige Lebenshaltungskosten, was sich ebenfalls positiv auf die Kaufkraft auswirkt.

In Polen hat die Regierung mehrere Jahre lang absichtlich die Löhne niedrig gehalten, damit Polen weiter als Land der billigen Arbeitskräfte gelten konnte. Das lockt zwar ausländische Unternehmen an, macht aber kaum das Leben der Arbeitnehmer besser. Immerhin sind auch die Lebenshaltungskosten in Polen niedriger als anderswo in der EU.

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Das durchschnittliche Gehalt gibt immer nur einen Teil des Bildes wieder. Um einen besseren Überblick zu gewinnen, ist es lohnenswert, auch andere Statistiken zu Rate zu ziehen. Untersuchungen über die Lebenszufriedenheit in den jeweiligen Ländern können mehr Aufschluss über die tatsächliche Lebensqualität geben. In Polen sind viele der Befragten zum Beispiel trotz des niedrigen Durchschnittseinkommens mit ihrem Leben recht zufrieden.

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