Startup-Boom trotz Rezession? 2025 war das Rekordjahr - getrieben vor allem von KI. Doch Gründer warnen vor einem Problem.
Deutschland gründet wieder – und zwar so viel wie noch nie. Im Jahr 2025 wurden laut dem Deutschen Startup Monitor 3.568 neue Startups gezählt, 29 Prozent mehr als im Vorjahr. Es ist ein Rekord, der in eine Zeit fällt, in der die Wirtschaft vielerorts schwächelt und Unternehmen eher sparen als investieren.
Jannis Gilde vom Bundesverband Deutsche Startups beobachtet diese Entwicklung seit Jahren und ordnet sie als spürbare Erholung des Ökosystems ein: Nach „zwei, drei relativ schweren Jahren“ ziehe die Gründungsaktivität wieder an, trotz der Folgen von Inflation, Ukraine-Krieg und Konsumzurückhaltung. Künstliche Intelligenz sei dabei ein wichtiger Treiber, aber nicht der einzige. Auch eine wachsende Gründungsorientierung an Hochschulen und Forschungsstandorten trage zum Aufschwung bei.
Neue Startup-Hotspots entstehen
Insgesamt stieg der KI-Anteil auf 27 Prozent aller Neugründungen. 2025 entstehen besonders viele neue Firmen im Software-Bereich, gleichzeitig meldet sich auch der lange gebeutelte Konsumentenbereich zurück: Im Food-Sektor steigen die Neugründungen um 80 Prozent – ein Hinweis darauf, dass nach den Krisenjahren wieder mehr Modelle entstehen, die direkt am Alltag der Verbraucher andocken.
Auffällig ist zudem die regionale Verschiebung: Berlin bleibt zwar ein Magnet, doch München legt beim Gründungstempo pro Kopf erstmals deutlich den Spitzenplatz hin. Bayern verzeichnet zudem in absoluten Zahlen den stärksten Zuwachs: 247 Startups mehr als 2024. Für Jannis Gilde ist das kein Zufall, sondern eine Standortfrage: Wo Talente ausgebildet werden, Forschung in Produkte fließt und Industrie-Know-how vorhanden ist, wächst das Startup-Ökosystem schneller und stabiler.
Vor allem in München und seinem Umland zeigt sich, was passiert, wenn Forschung, Industrie und Kapital zusammentreffen – vom Food-Startup bis zum Drohnenhersteller.
Zwei Branchen, ein Muster: KI trifft „Realwelt“
Wie sich dieser Boom in sehr unterschiedlichen Märkten übersetzt, zeigen zwei Branchen, die aktuell auffallend gut funktionieren: Foodtech und Defensetech. Beide wirken auf den ersten Blick weit voneinander entfernt, greifen aber längst auf ein ähnliches Fundament zurück: Künstliche Intelligenz als Hebel, um komplexe Abläufe schneller, günstiger und skalierbarer zu machen.
Das Münchner Startup Foodji stellt smarte Kühlautomaten in Unternehmen auf, die als eine Art Mini-Kantine fungieren. „In Deutschland gibt es knapp unter 100.000 Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern, aber nur 8.500 Kantinen“, sagt Co-Founder und CFO Daniel von Canal. „Circa zwei Drittel der Deutschen nehmen Essen von zu Hause mit zum Arbeitsplatz. Das ist eine strukturelle Versorgungslücke.“
Foodji: Mini-Kantine aus dem Automaten
Foodji versucht, diese Lücke zu schließen: Die Automaten werden als Full-Service-Modell betrieben – das Unternehmen kümmert sich um Befüllung, Wartung und Sortiment. Dahinter stehen komplexe Lieferketten und ein datengetriebenes Geschäftsmodell. „Wir sind am Ende ein digitales Betriebsrestaurant“, sagt von Canal. „Die physische Präsenz der Automaten ist wichtig, aber die gesamte Customer Experience findet in unserer App statt.“
Während der Hochinflation 2022 und 2023 war das Unternehmen einem Härtetest ausgesetzt. Energiepreise und Lebensmittelkosten explodierten, Budgets in Firmen wurden knapper. „Das war ein riesiger Stresstest“, sagt von Canal rückblickend. „Man wird gezwungen, die Lieferketten, das Monitoring, die Planung sehr schnell zu professionalisieren.“ Heute profitiert Foodji vom Geschäftsmodell: Arbeitgeber bezuschussen das Essen steuerlich begünstigt, die Automaten sparen den Beschäftigten Zeit und den Unternehmen eine klassische, teure Kantine.
Herzstück des Modells ist wenig überraschend die Künstliche Intelligenz. „Wir müssen sehr komplexe digitale Probleme lösen, sonst könnten wir gar nicht herausfinden, welches Essen in welcher Menge an welchem Standort gebraucht wird“, erklärt von Canal. „Wird hier eher asiatische Küche gegessen oder Pasta, eher Salat oder Deftiges? Das Ziel ist, an jedem Tag das perfekte Sortiment anzubieten und gleichzeitig Überbestände und Lebensmittelverschwendung zu minimieren.“
Drohnen „Made in Germany“
Nur wenige Kilometer südlich von München, in Gilching, zeigt sich ein anderes Gesicht des Startup-Booms: Quantum Systems hat sich in gut zehn Jahren vom Drohnenbauer zum milliardenschwer bewerteten Unternehmen entwickelt. Die Systeme werden für Aufklärung und Kartierung eingesetzt – und sind längst auch in Kriegsgebieten wie der Ukraine im Einsatz.
„Wir haben unsere Systeme gebaut, getestet und immer wieder gemeinsam mit den Kunden verbessert“, sagt Martin Karkour, Chief Revenue Officer von Quantum Systems. Seit Beginn der russischen Invasion 2022 habe das Unternehmen sein Know-how dort eingesetzt, wo es am dringendsten gebraucht wurde: in der Ukraine. Die direkte Rückmeldung aus dem Einsatz habe es ermöglicht, die Technologie schnell weiterzuentwickeln und an operative Anforderungen anzupassen.
Technologisch setzt Quantum Systems stark auf KI. Diese „verarbeitet und priorisiert Sensordaten für Navigation bei jedem Wetter, den Betrieb in GPS-gestörten Umgebungen und die automatisierte Erkennung und Klassifizierung von Zielen“, beschreibt Karkour den Kern. Für Operatoren bedeutet das: schneller reagieren, weil relevante Informationen früher herausgefiltert werden.
Auch der Standort spielt in diese Erzählung hinein. Die Nähe zum Sonderflughafen Oberpfaffenhofen erleichtert Testflüge, zugleich bietet die Region München ein dichtes Umfeld aus Industrie, Forschung und Fachkräften. „Die Kombination aus Industrie, Forschung und Talenten schafft ideale Bedingungen für die Entwicklung und den Betrieb unbemannter Systeme“, sagt Karkour.
KI als Beschleuniger – doch der Staat bremst
Für das Startup-Ökosystem wirkt KI wie ein Turbo. Jannis Gilde vom Startup-Verband sieht vor allem einen Vorteil: „In der ganz frühen Phase macht KI die Gründung deutlich einfacher.“ Früher habe man dafür oft ein „komplementäres Gründerteam“ gebraucht, heute könnten Tools helfen, „Landingpages zu bauen oder einfache Apps zu programmieren“.
Doch am Ende entscheiden auch die Rahmenbedingungen. Die Bundesregierung hat Bürokratieabbau zwar politisch auf die Agenda gesetzt, in der Praxis spüren viele Gründerinnen und Gründer davon kaum etwas. Gilde findet, dass manches schlicht Routine sein müsste: „Die GmbH-Gründung sollte online in eigentlich 24 Stunden möglich sein“, sagt er, und auch eine Steuernummer sollte „in zwei, drei Tagen da“ sein – statt „in drei, vier Wochen“. Die Digitalisierung der Verwaltung steht laut Report weit oben auf der Wunschliste vieler Gründer.
Daniel von Canal, Co-Founder von Foodji, macht das Problem an konkreten Kosten fest: „Wenn man eine Finanzierungsrunde macht und dann irgendwie 50.000, 100.000 Euro an den Notar abgibt, damit er ein Dokument vorliest“, dann sei das „ein perfektes Beispiel“, was in Deutschland einfacher laufen müsste. Dazu komme aus seiner Sicht eine kulturelle Dimension: Scheitern werde zu hart sanktioniert – und genau das schrecke ab, überhaupt ins Risiko zu gehen.
DefenceTech braucht Tempo und Verlässlichkeit
In der Verteidigungstechnologie kommt ein weiterer Punkt hinzu: Planbarkeit. Martin Karkour von Quantum Systems argumentiert, dass Innovation allein nicht reicht, wenn staatliche Kunden zu langsam entscheiden oder nur in Pilotprojekten denken. Ohne größere, langfristige Beschaffungszusagen werde es schwierig, Produktion, Lieferketten und Fachkräfte so auszubauen, dass aus Startups industrielle Anbieter werden.
Gleichzeitig betont er, dass es in seiner Branche klare Regeln braucht – gerade mit Blick auf das geltende Völkerrecht. Regulierung dürfe jedoch die Handlungsfähigkeit demokratischer Staaten nicht ausbremsen.
Wie viel bleibt vom Rekord?
Bürokratie ist damit weniger ein Randthema als der Engpass, durch den jedes junge Unternehmen muss – und der darüber mitentscheidet, wie viele der neuen Startups den Sprung vom Start zur Skalierung schaffen.
Am Ende entscheidet sich erst in den nächsten Jahren, wie tragfähig der Gründungs-Rekord von 2025 ist. Gilde hat den Eindruck, dass „eher die Hälfte“ der Gründungen langfristig bestehen bleibt. Nur wenige werden zu großen Tech-Champions – viele dürften sich eher zu soliden, kleineren Unternehmen entwickeln, die am Ende das bilden, was in Deutschland als moderner Mittelstand gilt.
Bis dahin gilt: Der Boom ist da. Aber er könnte noch deutlich mehr bewirken, wenn man ihn ließe.