Im Jahr 2025 zog die Wirtschaft in Kasachstan, Usbekistan, der Kirgisischen Republik und Tadschikistan deutlich an. Aserbaidschan blieb trotz Lage außerhalb Zentralasiens über Energie- und Handelskorridore eng mit der Region, Europa und den Weltmärkten verflochten.
Die Wirtschaft Zentralasiens ist 2025 insgesamt um mehr als sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen, wie regionale BIP-Daten zeigen.
Unabhängige Schätzungen verorten das Wachstum zwischen 6,2 und 6,6 Prozent, je nach Berechnungsmethode. Die Weltbank geht von 6,2 Prozent aus, die Eurasische Entwicklungsbank (EDB) von 6,6 Prozent. Erfasst sind Kasachstan, Usbekistan, die Kirgisische Republik und Tadschikistan; Turkmenistan bleibt wegen fehlender belastbarer Daten außen vor.
Im Vergleich dazu fallen die Prognosen für die Industrieländer deutlich verhaltener aus. Die EDB rechnet 2026 für die USA mit rund 1,6 Prozent Wachstum und für den Euroraum mit etwa 1,1 Prozent. China dürfte um ungefähr 4,6 Prozent zulegen.
Trotz der starken Gesamtzahlen warnen Ökonominnen und Ökonomen: Inflation, Einkommensgefälle und die Abhängigkeit von äußeren Faktoren prägen weiterhin den wirtschaftlichen Alltag in der Region.
Kasachstan: Öl, Industrie und Diversifizierung
Kasachstan, die größte Volkswirtschaft Zentralasiens, wuchs 2025 laut EDB um rund 5,9 Prozent und dürfte 2026 um 5,5 Prozent zulegen. Das wäre das stärkste Plus seit mehr als einem Jahrzehnt.
Öl bleibt der Wachstumsmotor. Dazu trägt bei, dass die Produktion im Ölfeld Tengiz früher als geplant ausgeweitet wurde. Gleichzeitig gewinnt die Industrie an Tempo, vor allem der Maschinen- und Metallbau; in mehreren Regionen entstehen neue Fabriken.
„Das liegt vor allem daran, dass der Effekt des neu erschlossenen Investitionspotenzials stärker ausgefallen ist, als wir noch im Juni erwartet hatten“, sagt Aigul Berdigulova, Senior Analystin im Zentrum für makroökonomische Analysen der EDB.
„Zudem wächst die industrielle Produktion in diesem Jahr sehr schnell, vor allem dank staatlicher Maßnahmen zur Diversifizierung der Wirtschaft“, ergänzt sie.
Steigende Einkommen stützen Hypotheken- und Autokredite, auch der Inlandstourismus legt zu. Gleichzeitig räumt die Regierung die Grenzen eines energiegetriebenen Modells ein und investiert in Transportkorridore über das Kaspische Meer sowie in Verarbeitungsindustrien, um die Einnahmequellen zu verbreitern.
Die Inflation von rund 12,3 Prozent im vergangenen Jahr zehrt weiter an der Kaufkraft. Die Notenbank hält die Zinsen hoch, was den Konsum der Haushalte bremst.
Usbekistan: schnelles Wachstum und struktureller Wandel
Usbekistan verzeichnete eines der stärksten Wachstumstempo in der Region: 2025 stieg das BIP laut EDB um 7,4 Prozent, für 2026 werden 6,8 Prozent erwartet.
Das Bruttoinlandsprodukt des Landes überstieg 2025 die Marke von 133 Milliarden Euro, nach rund 56 Milliarden Euro neun Jahre zuvor. Im selben Zeitraum kletterte das BIP je Kopf von etwa 1.750 auf rund 3.220 Euro und hat sich damit nahezu verdoppelt.
Die Investitionen in Sachanlagen nahmen in den ersten neun Monaten 2025 gegenüber dem Vorjahr um mehr als 15 Prozent zu. Die Exporte legten wertmäßig um über 33 Prozent zu.
Großen Anteil daran hatten anhaltend hohe Goldpreise. Die Exporterlöse mit dem Edelmetall stiegen binnen eines Jahres um mehr als 70 Prozent, wie Daten der usbekischen Statistikbehörde zeigen, auf die sich Weltbank und Eurasische Entwicklungsbank berufen.
„Allein der Dienstleistungssektor trägt inzwischen rund 72,4 Milliarden Euro zum BIP bei. Besonders wichtig sind digitale Dienstleistungen. Das Programm ‚One Million AI Programmers‘ zeigt, wie neue Kompetenzen Einkommen schaffen können, die ein Mehrfaches des Durchschnittslohns betragen“, sagt Gulasal Madrahimova, Dekanin am Taschkenter Institut für Textil- und Leichtindustrie.
Präsident Schawkat Mirsijojew zufolge haben 2025 rund fünf Millionen Menschen eine stabile Einkommensquelle gefunden, etwa eineinhalb Millionen überschritten die Armutsgrenze. Auch Konsumindikatoren verschoben sich: Jährliche Wohnungsverkäufe stiegen auf etwa 270.000, der Autoabsatz erreichte eine Million Fahrzeuge.
Aus Sicht der Weltbank wird die nächste Wachstumsphase deutlich anspruchsvoller.
„Usbekistan gilt seit 2017 als einer der weltweit führenden Wirtschaftsreformer“, sagt Pınar Yaşar, Ländereconomistin im Weltbank-Büro für Usbekistan. „Künftiges Wachstum sollte auf einem starken Privatsektor, dem WTO-Beitritt und wirklich fairen Wettbewerbsbedingungen beruhen. Weniger staatlicher Einfluss in Bereichen, in denen private Unternehmen effizienter sind, wird Investitionen anziehen und bessere Arbeitsplätze schaffen.“
Kirgisische Republik und Tadschikistan: rasches, aber ungleiches Wachstum
Die Kirgisische Republik war die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Region. Laut EDB legte das BIP 2025 um geschätzte 10,3 Prozent zu; für 2026 werden 9,3 Prozent erwartet. Auch Tadschikistan profitierte von starken Rücküberweisungen und öffentlichen Investitionen.
Analysten führen einen Teil der jüngsten Beschleunigung auf umgeleitete Handels- und Logistikströme nach Russlands großangelegter Invasion in der Ukraine zurück.
Kubat Rakhimov, ein kirgisischer Experte für Infrastrukturentwicklung in Zentral-Eurasien, warnt jedoch davor, die Dynamik zu überschätzen.
„In unterinvestierten Volkswirtschaften spiegeln Wachstumsraten um sechs Prozent oft eine Aufholphase wider, während in entwickelten Ländern bereits 1,5 bis 2 Prozent als robust gelten“, sagt er.
Rakhimov betont zudem, dass das BIP-Wachstum allein wenig über den Lebensstandard aussagt. Aussagekräftiger für langfristigen Fortschritt seien das reale verfügbare Einkommen und die Arbeitsproduktivität.
Aserbaidschan: Energie-Drehscheibe zwischen Zentralasien und Weltmärkten
Aserbaidschan gehört geografisch nicht zu Zentralasien, ist der Region über Handel und Energieinfrastruktur jedoch eng verbunden und verzeichnete 2025 ein moderateres Wachstum.
Der Internationale Währungsfonds erwartet für 2025 ein BIP-Plus von rund 3,0 Prozent. Das wäre langsamer als in den Vorjahren.
Andere internationale Prognosen weichen leicht ab: Die Weltbank rechnet 2025 mit etwa 2,6 Prozent Wachstum, die Asiatische Entwicklungsbank mit 2,4 Prozent.
Trotz des geringeren Tempos spielt Aserbaidschan eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, Zentralasien an die Weltmärkte anzubinden.
Die Wirtschaft hängt stark von Öl- und Gasexporten ab. Sie sichern die öffentlichen Finanzen, führen aber meist nur zu moderaten jährlichen Schwankungen. Die Energieeinnahmen fließen in Infrastrukturprojekte, darunter Verkehrskorridore über das Kaspische Meer, die Zentralasien mit Europa und der Türkei verbinden.
Diese Routen haben an Bedeutung gewonnen, seit sich die Handelsströme zwischen Asien und Europa in den vergangenen Jahren verschoben haben. Damit wächst Aserbaidschans Rolle als Transit- und Logistikdrehscheibe für zentralasiatische Ausfuhren, insbesondere von Energie, Metallen und Agrarprodukten.
Die Behörden investieren zudem in erneuerbare Energien und nichtenergetische Sektoren, um die Einnahmen breiter aufzustellen und die Abhängigkeit von Rohstoffzyklen zu verringern. Gleichzeitig hält das Land enge wirtschaftliche Beziehungen zu Kasachstan, Usbekistan und weiteren Staaten Zentralasiens.
Inflation, Einkommensgefälle und enge Spielräume der Politik
Trotz der hohen Wachstumsraten bleibt die Inflation in ganz Zentralasien eine zentrale Herausforderung.
Nach Schätzungen von Internationalem Währungsfonds und Weltbank lag die Teuerung 2025 bei rund zwölf Prozent in Kasachstan, bei etwa neun Prozent in der Kirgisischen Republik und bei ungefähr sieben bis acht Prozent in Usbekistan.
„Niedrigere Inflation schafft die Voraussetzung für Zinssenkungen. Wir erwarten zudem, dass die meisten Landeswährungen der Region weitgehend stabil bleiben“, sagt EDB-Chefökonom Jewgeni Winokurow.
Solange die Inflation hoch bleibt, prägen teure Kredite das Verhalten der Haushalte und überlagern vielerorts die positiven Wachstumszahlen.
Daten der Weltbank machen zugleich große Einkommensunterschiede sichtbar. In Kasachstan lag das BIP je Einwohner bei rund 14.154 US-Dollar, in Usbekistan bei etwa 3.162 Dollar und in der Kirgisischen Republik bei rund 2.420 Dollar. In den Vereinigten Staaten betrug das BIP pro Kopf im Vergleich dazu mehr als 84.000 Dollar.
Risiken und der weitere Weg
Ökonominnen und Ökonomen warnen, dass der aktuelle Aufschwung anfällig für externe Schocks ist. Dazu zählen eine Abschwächung in China, Veränderungen der weltweiten Nachfrage nach Öl, Gas und Metallen sowie geopolitische Spannungen.
Die Weltbank rechnet mit einer deutlich stärkeren Abkühlung als die EDB. Sie prognostiziert für Zentralasien ein Wachstum von rund fünf Prozent im Jahr 2026 und 4,6 Prozent im Jahr 2027 und verweist auf Unsicherheiten im Welthandel und schwächere Dynamik bei wichtigen Partnern.
Für Zentralasien besteht die Herausforderung darin, die derzeit außergewöhnlich hohen Wachstumsraten in dauerhafte Produktivitätsgewinne, höhere Einkommen und stärkere Institutionen zu übersetzen – damit sich die guten BIP-Zahlen langfristig in besseren Lebensverhältnissen niederschlagen.