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AfD-Sieg: gerät Deutschlands Konjunkturerholung in Gefahr?

Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund spricht vor der Aufschrift „Hier beginnt es“ bei der Wahlparty der AfD nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund spricht nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Bei einer Partei-Feier steht er vor dem Schriftzug „It starts here“. Copyright  Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved
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Von Piero Cingari
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt erhöht politisches Risiko für Deutschlands zarte Erholung; Streit in Berlin könnte dringend nötige Reformen bremsen.

Deutschland hat am Sonntag eine Grenze überschritten, die seit der Gründung der Bundesrepublik 1949 Bestand hatte.

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Die Alternative für Deutschland (AfD) holte in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent der Stimmen – der erste klare Sieg einer rechtsextremen Partei in einem deutschen Bundesland seit Kriegsende.

Sie kommt im Magdeburger Landtag auf 39 der 83 Sitze und verfehlt damit die absolute Mehrheit nur um drei Mandate.

Das Ergebnis ist auch ein Einschnitt für Bundeskanzler Friedrich Merz und seine Christlich Demokratische Union (CDU). Ihr Stimmenanteil stürzte von 37,1 Prozent im Jahr 2021 auf 17,2 Prozent ab.

SPD, Grüne und Linke erhielten jeweils acht Sitze.

Die unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen dürften gering bleiben. Sachsen-Anhalt steht für weniger als zwei Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung.

Größer ist die Gefahr dessen, was jetzt in Berlin passiert.

Politisches Hauptrisiko liegt in Berlin

Die AfD hat ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt und ist damit die erste rechtsextreme Partei, die seit dem Zweiten Weltkrieg eine Landtagswahl gewinnt.

Auf Bundesebene verstärkt das Resultat den ohnehin dramatischen Verlust an Unterstützung für Merz.

Nur 13 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit des Kanzlers zufrieden – ein Tiefstwert, der den schlechtesten Stand eines amtierenden Kanzlers in der Geschichte des ARD-DeutschlandTrend erreicht.

Bundesweit liegt die AfD in Umfragen bei 27 Prozent und damit sechs Punkte vor CDU/CSU mit 21 Prozent, wie der aktuelle Durchschnitt des Meinungsforschungsportals DAWUM zeigt.

Das ist entscheidend, weil die deutsche Wirtschaftsstrategie immer stärker davon abhängt, dass die Bundesregierung politisch heikle Reformen auch durchsetzt.

„Wir sehen ein wachsendes Risiko einer politischen Blockade auf Bundesebene, die notwendige Reformen ausbremsen und uns zwingen könnte, das Potenzialwachstum Deutschlands nach unten zu korrigieren“, sagte Alexander Valentin, Ökonom bei Oxford Economics.

Die direkte wirtschaftliche Wirkung der Ost-Landtagswahlen dürfte begrenzt bleiben.

Nach Berechnungen von Oxford Economics stehen Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, die drei im Herbst wählenden Länder, zusammen nur für rund acht Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts.

Gemeinsam verfügen sie im Bundesrat, der Länderkammer, lediglich über elf der 69 Stimmen.

Valentin betont, dass keiner der absehbaren Wahlausgänge die Machtverhältnisse im Bund verändern würde – vorausgesetzt, die Regierungskoalition hält.

Die Gefahr liegt daher weniger in einem sofortigen wirtschaftlichen Schock als in einer politischen Ansteckung.

Schwere Verluste der etablierten Parteien könnten den internen Druck auf CDU und SPD weiter erhöhen.

Dann werden Kompromisse bei Rente, Arbeitsmarkt und Energiepolitik noch schwieriger.

Wirtschaftsstandort Deutschland braucht Reformen, nicht nur Ausgaben

Die Probleme der deutschen Industrie entstanden nie allein durch zu geringe staatliche Ausgaben.

Langsame Genehmigungsverfahren, hohe Energiekosten, Fachkräftemangel, marode Infrastruktur und nachlassende Wettbewerbsfähigkeit erschweren langfristige Investitionsentscheidungen.

Das aufgegebene Halbleiterprojekt von Intel in Sachsen-Anhalt ist zum Symbol dieser Misere geworden.

Der US-Chiphersteller wollte dort 30 Milliarden Euro in einen Werkskomplex investieren, gestützt von rund zehn Milliarden Euro Bundeszuschüssen und mit dem Versprechen von 3.000 direkten Arbeitsplätzen. Im Juli 2025 strich Intel das Vorhaben.

Noch deutlicher zeigt sich die Herausforderung im wichtigsten Industriezweig des Landes.

Volkswagen AG setzt derzeit die größte Umstrukturierung seiner 89-jährigen Geschichte um.

Am dritten September beschloss der Aufsichtsrat den Zukunftsplan 2030 und erhöhte die bereits laufenden 50.000 Stellenstreichungen um weitere 50.000.

Bis Ende des Jahrzehnts fallen damit fast 100.000 Stellen weg, rund 15 Prozent der Belegschaft.

Für vier deutsche Werke – Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm – ist die Autoproduktion über das Jahr 2031 hinaus bislang nicht gesichert.

Die Aktie von Volkswagen AG hat seit ihrem Höchststand im Jahr 2020 78 Prozent an Wert verloren.

Die übrige deutsche Autoindustrie steht vor ähnlichen Problemen.

In den ersten acht Monaten 2026 wurden in Deutschland 2,65 Millionen Pkw gebaut – vier Prozent weniger als ein Jahr zuvor und 16 Prozent unter dem Niveau von 2019.

Die politische Zersplitterung erschwert es zusätzlich, diese Probleme zu lösen.

Märkte bleiben vorsichtig, keine Panik

Die Reaktion der Finanzmärkte auf die Landtagswahl am Sonntag fiel bislang verhalten aus.

Der DAX lag um 0,3 Prozent im Minus.

Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe stieg am Montag nur um einen Basispunkt auf rund 3,35 Prozent und liegt damit nahe dem höchsten Stand seit 15 Jahren.

Der Anstieg von 2,8 Prozent im Juni geht vor allem auf höhere Energiepreise, neue Inflationssorgen und die Erwartung einer strafferen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zurück – weniger auf die innenpolitischen Turbulenzen in Deutschland.

Dennoch verteuern dauerhaft höhere Zinsen politische Fehlentscheidungen.

Wirtschaftsdaten hellen sich auf, politische Frist läuft

Ausgerechnet jetzt beginnen sich die Fundamentaldaten der deutschen Wirtschaft zu verbessern.

Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie von S&P Global sprang von 52,2 Punkten im Juli auf 54,3 Punkte im August – den höchsten Wert seit 51 Monaten.

Die Neuaufträge legten so stark zu wie zuletzt im Februar 2022, gestützt von Rüstungsaufträgen, dem Bau von Rechenzentren und Lageraufstockungen.

„Die Erholung im deutschen verarbeitenden Gewerbe hat im August einen Gang höher geschaltet“, sagte Phil Smith, Associate Director im Bereich Wirtschaftsanalyse bei S&P Global Market Intelligence.

Deutschland steht damit wirtschaftlich an einem Wendepunkt.

Die Wahl vom Sonntag beendet die beginnende Erholung nicht. Höhere Verteidigungsausgaben, Investitionen in Infrastruktur und bessere Auftragseingänge in der Industrie könnten das Wachstum weiter stützen.

An finanzieller Schlagkraft mangelt es Deutschland längst nicht mehr.

Fraglich ist seit Sonntag jedoch, ob das Land noch die politische Geschlossenheit besitzt, diese Mittel sinnvoll einzusetzen – und die zwei Jahre, in denen sich das entscheidet, haben bereits begonnen.

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