Männliche Fortpflanzungsfähigkeit sinkt dramatisch: Forscher:innen finden Ursache

Forscher:innen konnten die wichtigsten Ursachen für den Qualitätsverlust der Spermien ausfindig machen.
Forscher:innen konnten die wichtigsten Ursachen für den Qualitätsverlust der Spermien ausfindig machen. Copyright Canva
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Von Luke Hurst
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In den letzten Jahrzeiten ist die Sperma-Qualität weltweit dramatisch gesunken. Forscher:innen haben nun durch eine Meta-Analyse Ursachen herausgearbeitet.

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Die Fortpflanzungsfähigkeit von Männern hat in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen. Eine neue Analyse von Tausenden Studien hat ergeben, welche Faktoren die größte Gefahr für die Spermienqualität darstellen.

Die Zahl der Spermien hat sich in den letzten 50 Jahren weltweit halbiert, wobei sich der Rückgang seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt hat, wie jüngste Untersuchungen zur männlichen Fruchtbarkeit zeigen.

Forscher:innen der Semmelweis-Universität in Ungarn haben die Ergebnisse von fast 27.000 Studien untersucht, um die Hauptursachen für die Verschlechterung der Samenzellen zu ermitteln. Dabei haben sie festgestellt, dass Umweltverschmutzung, Rauchen, Alter und bestimmte Gesundheitszustände die größten Auswirkungen haben.

Ihre Ergebnisse wurden in der Zeitschrift "Reproductive Biology and Endocrinology" veröffentlicht.

Die Funktionsfähigkeit von Spermien wird durch eine DNA-Fragmentierungsanalyse geprüft, dem derzeit einzigen evidenzbasierten Test zur Bestimmung, erklärt Dr. Zsolt Kopa, Leiter des Andrologie-Zentrums an der Abteilung für Urologie der Semmelweis-Universität.

"Dabei wird der DNA-Gehalt untersucht, das heißt, der Anteil an intaktem oder fragmentiertem genetischen Material in den Spermien. Je stärker die DNA fragmentiert ist, desto geringer ist die Befruchtungsfähigkeit der Spermien; außerdem kann sich dadurch das Risiko einer Fehlgeburt erhöhen", sagt er.

Die Forschungsergebnisse untermauern die wachsende Besorgnis über den dramatischen Rückgang der männlichen Fortpflanzungsfähigkeit. Untersuchungen, die Ende letzten Jahres in der Zeitschrift "Human Reproduction Update" veröffentlicht wurden, haben gezeigt, dass sich die Zahl der Spermien weltweit in den letzten fünf Jahrzehnten halbiert hat.

Professor Hagai Levine, einer der Forscher:innen hinter dieser Studie, sieht sie als dringliche Warnung und fügt hinzu, dass "wir es mit einem ernsten Problem zu tun haben, das das Überleben der Menschheit bedrohen könnte, wenn es nicht gemildert wird".

Alter, Umweltverschmutzung, Lebenswandel

Die Semmelweis-Wissenschaftler:innen durchsuchten drei internationale Datenbanken nach bereits veröffentlichten Studien und fanden 26.901 Artikel, von denen sie 190 für ihre Meta-Analyse verwendeten. Alle wurden zwischen 2003 und 2021 veröffentlicht, überwiegend in Europa, den USA und Asien, einige auch in Afrika und Australien.

Verglichen wurden die Daten von Tausenden Männern, die in Unfruchtbarkeitskliniken behandelt wurden. Einige Ergebnisse überraschten selbst die Forscher:innen.

"Auf der Grundlage früherer Forschungen hatten wir erwartet, dass sich die Qualität der Spermien nach dem 40. Lebensjahr deutlich verschlechtert, aber unsere Metaanalyse deutet darauf hin, dass dieses Alter viel höher liegen könnte", so Dr. Anett Szabó, Doktorandin und Erstautorin der Semmelweis-Veröffentlichung.

"Das heißt aber natürlich nicht, dass es sich lohnt, mit der Familiengründung zu warten, denn auch andere wichtige Parameter können sich mit zunehmendem Alter verschlechtern", fügt sie hinzu.

Die Forscher:innen stellten fest, dass Rauchen die DNA-Fragmentierung um durchschnittlich 9,19 Prozent im Vergleich zu Nichtrauchern erhöhen kann.

Alkohol und Körpergewicht spielten keine klinisch signifikante Rolle bei der Fragmentierung des Erbguts. Eine Tendenz, dass stärkerer Alkoholkonsum und höheres Körpergewicht zu einer stärkeren Fragmentierung führen, war jedoch nachweisbar.

Die Umweltverschmutzung wirkte sich eindeutig nachteilig auf die Spermienqualität aus. Zwei der untersuchten Studien zeigten die Auswirkung auf Spermien in einer Region in Italien mit besonders hoher Umweltverschmutzung, während eine andere ähnliche Auswirkungen auf Polizeibeamte zeigte, die den Verkehr an einer stark befahrenen Kreuzung regeln.

Die Meta-Analyse ergab, dass verschiedene Faktoren wie Luftverschmutzung, Pestizide oder Insektizide die DNA-Fragmentierung von Spermien um durchschnittlich 9,68 Prozent erhöhten.

Grundlegende Gesundheitsprobleme

Bestimmte Gesundheitsprobleme erwiesen sich ebenfalls als ein Faktor. So wurde festgestellt, dass eine Varikozele, also eine Erweiterung der Venen im Samenstrang, die Fragmentierung um durchschnittlich 13,62 Prozent erhöht, während eine verminderte Glukosetoleranz die Fragmentierung in ähnlichem Ausmaß beeinflusst.

Tumore können eine Zunahme der Fragmentierung um 11,3 Prozent verursachen.

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Infektionen wie Chlamydien und HPV schienen die Spermienqualität nicht zu beeinträchtigen, aber bakterielle oder andere Geschlechtskrankheiten führten zu einem leichten Anstieg der Fragmentierung.

"In den letzten Jahren wird die Fruchtbarkeit von Männern neben den klassischen quantitativen und qualitativen Merkmalen auch zunehmend mit funktionellen, objektiven Parametern gemessen", so Kopa.

"Die DNA-Fragmentierung kann von herausragender Bedeutung sein, und der Test wurde 2021 offiziell in die internationalen Leitlinien aufgenommen. Allerdings gibt es immer noch keine offiziellen Standards für die Werte von Unfruchtbarkeit und Fruchtbarkeit", fügt er hinzu.

"In der klinischen Praxis verwenden wir nur Konsenswerte. Im Allgemeinen kann eine Fragmentierung von unter 25 Prozent als optimal angesehen werden; darüber sinkt die Chance auf eine spontane Empfängnis. Bei mehr als 50 Prozent ist auch die Erfolgsquote einer IVF [eine Methode zur künstlichen Befruchtung] geringer".

Die Expert:innen fügen hinzu, dass es ein guter Anfang sein könnte, mit dem Rauchen aufzuhören, sich ausreichend zu bewegen oder sich gesünder zu ernähren, wenn man plant, ein Kind zu bekommen.

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