Nutzung von Klimaanlagen in Europa mehr als verdoppelt

Eine Wärmepumpe in Biddinghuizen, Niederlande am 27\. Mai 2023
Eine Wärmepumpe in Biddinghuizen, Niederlande am 27\. Mai 2023 Copyright Martin Meissner/Copyright 2023 The AP. All rights reserved.
Von Marie Jamet
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Obwohl die Europäer eher dazu neigen, keine Klimaanlagen zu verwenden, steigen die Verkaufszahlen von Klimaanlagen und anderen Wärmepumpen stetig an.

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Kulturell gesehen sträuben sich die Europäer gegen Klimaanlagen. Dennoch zeigen die Zahlen, dass mit steigenden Temperaturen die Nutzung von Klimaanlagen in der EU stetig zunimmt.

Laut dem jüngsten Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) zu diesem Thema aus dem Jahr 2018, der sich auf Daten aus dem Jahr 2016 stützt, gibt es in der Europäischen Union deutlich weniger Klimaanlagen als in China oder den USA, sowohl in absoluten Zahlen (96,5 Millionen Geräte) als auch pro 1.000 Einwohner:innen (etwa 20 Geräte pro 1.000 Einwohner:innen).

Damals konzentrierten sich zwei Drittel aller Klimaanlagen der Welt allein auf drei Länder: China, die USA und Japan.

Nach neueren, aber weniger genauen Daten der IEA liegt die Durchdringungsrate von Klimaanlagen im Jahr 2022 in den USA bei 90% und in Europa nur bei 19%.

In ihren Prognosen für die Europäische Union geht die IEA von 130 Millionen installierten Geräten bis 2023 aus und schätzt, dass sich die Zahl der Geräte in Europa bis 2050 vervierfachen wird.

Eine Besonderheit des europäischen Marktes im Vergleich zu den anderen untersuchten Ländern ist, dass Klimaanlagen zuerst in gewerblichen Gebäuden wie Büros und nicht in Privathaushalten installiert wurden.

Laut IEA wächst der Markt für Klimaanlagen in Privathaushalten schneller als in gewerblichen Gebäuden, aber sie bleiben oft noch ein kleiner Luxus.

Eine von vier Forscher:innen der Universitäten Berkley (USA) und Mannheim in 16 Ländern durchgeführte Studie zeigt, dass insgesamt die Anzahl der Haushalte, die sich eine Klimaanlage anschaffen, in den reichen Ländern höher ist und unter den reichsten Haushalten stärker ansteigt. Die Kosten für die Installation sind ein Hemmnis; die steigenden Energierechnungen, wenn die Klimaanlage erst einmal in Betrieb ist, ein weiteres.

Der Teufelskreis der Klimaanlagen

Die zunehmende Nutzung von Klimaanlagen induziert drei Effekte über die gesamte Lebensdauer einer Klimaanlage, von der Produktion über die Lieferung, den Betrieb und das Recycling:

  1. einen Anstieg des Energieverbrauchs,
  2. eine Zunahme der Treibhausgase,
  3. eine Erwärmung der Luft, insbesondere in den Städten durch den Effekt der Hitzeinseln.

So sind Klimaanlagen derzeit laut der Internationalen Energieagentur (IEA) für den Ausstoß von etwa einer Milliarde Tonnen CO2 pro Jahr verantwortlich, bei einem weltweiten Ausstoß von insgesamt 37Milliarden Tonnen.

Clara Camarasa, Expertin bei der Internationalen Energieagentur (IEA), erklärt, dass Klimaanlagen _"_einen immensen Druck auf die Stromnetze ausüben und den Ausstoß von Treibhausgasen beschleunigen können, was die Klimakrise verschärft".
Sie fügt hinzu: _"_Ein schnell wachsender Bedarf [an Klimaanlagen] kann dazu führen, dass ineffiziente und energieintensive Geräte verwendet werden. Klimaanlagen benötigen oft auch große Wassermengen, und ein Teil von ihnen hat mit bestimmten Kältemitteln ein besonders wärmendes Potenzial, das auch für das Ozon schädlichist."

Der Bedarf an Gebäudekühlung hat sich in der Europäischen Union zwischen 1979 und 2022 vervierfacht und tritt zunehmend im Norden des Kontinents auf.

Derzeit entfallen laut Eurostat nur 0,5% des Endenergieverbrauchs der europäischen Haushalte auf die Luftkühlung. Dieser Anteil variiert je nach geografischer Lage der Länder und ihrer Exposition gegenüber hohen Temperaturen:

In Städten verstärkt der Einsatz von Klimaanlagen den Effekt von Hitzeinseln. Um Gebäude zu kühlen, tragen Klimaanlagen nicht nur zum globalen Klimawandel bei, sondern geben auch Wärme in diese mineralisierten Räume ab, die die Wärme speichern und insbesondere nachts wieder abgeben.

In Frankreich hat ein Team des Cired (Centre international de recherche sur l'environnement et le développement) unter der Leitung von Vincent Viguié, einem Forscher auf dem Gebiet der Ökonomie des Klimawandels, die Kombination einer Hitzewelle mit den Ausstattungsraten von Klimaanlagen in der Stadt Paris simuliert.
Sie haben so berechnet, dass die Temperatur in den Straßen von Paris nachts um 2,4 °C steigen würde, wenn alle klimatisierten Gebäude der Stadt während einer neuntägigen Hitzewelle mit 38 °C eine Innentemperatur von 23 °C aufrechterhalten würden. Hitze, die wieder zum Einsatz von Klimaanlagen anregen würde - ein Teufelskreis, der zeigt, dass man die Gebäudekühlung endgültig aufgeben sollte.

Ein lebensnotwendiges Gut?

Dennoch werden Klimaanlagen in einigen Regionen zunehmend zu einem lebensnotwendigen Gut.

"Einige Puristen meinen, wir sollten Klimaanlagen überhaupt nicht benutzen, aber ich denke, das ist einfach nicht machbar", meint Robert Dubrow, Leiter des Zentrums für Klimawandel und Gesundheit an der Yale University.

Der Zugang zu Klimaanlagen rettet bereits Zehntausende Menschenleben pro Jahr, und diese Zahl steigt laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht der IEA, an dem Dubrow als einer der Autoren beteiligt war. Studien zeigen, dass das Risiko eines hitzebedingten Todes bei Haushalten mit Klimaanlagen um etwa 75% gesenkt wird.

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Alle Experten sind sich einig, dass der vernünftige Weg deshalb nicht darin besteht, den Einsatz von Klimaanlagen an sich zu reduzieren, sondern zum einen effizientere Systeme zu fördern und zum anderen die Gebäudeisolierung und Begrünung zu bevorzugen.

Clara Camarasa, Expertin bei der Internationalen Energieagentur (IEA), betont: _"_Naturbasierte Lösungen (...) gewinnen zunehmend an Interesse, um städtische Wärmeinseln _zu bekämpfen.Grünflächen, Dachbegrünungen ... können die Widerstandsfähigkeit von Städten erhöhen, indem sie effiziente Technologien ergänzen."_

Sie ist daher der Ansicht, dass "die Priorisierung von reversiblen Wärmepumpen und die Verbesserung der Gebäudeisolierung dazu beitragen kann, nachhaltigere und widerstandsfähigere Städte zu bauen und gleichzeitig den erhöhten Energiebedarf anzugehen."

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