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Europas Stromproblem: Wohin mit all der Wind- und Sonnenenergie?

Freitag, 24. Februar 2023: Nahe der Kleinstadt Milagro in der Provinz Navarra im Norden Spaniens sind Solarmodule in Betrieb.
Solarmodule nahe der Kleinstadt Milagro in der Provinz Navarra im Norden Spaniens, Freitag, 24. Februar 2023. Copyright  AP Photo/Alvaro Barrientos
Copyright AP Photo/Alvaro Barrientos
Von Leticia Batista Cabanas & Elisabeth Heinz
Zuerst veröffentlicht am
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Europa produziert immer mehr Wind- und Solarstrom, kann die Überschüsse aber kaum speichern. Eine neue EU-Vereinbarung soll Strompreise senken, Gasimporte reduzieren und den wachsenden Energiebedarf von KI-Rechenzentren sichern.

Die Vereinbarung soll ein Problem lösen, das mit Europas grüner Transformation immer dringlicher wird: Wie lassen sich wachsende Energieüberschüsse aus wetterabhängigen erneuerbaren Quellen wie Wind und Sonne speichern?

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Der Anteil erneuerbarer Energien ist von 23 Prozent im Jahr 2020 auf 25,2 Prozent im Jahr 2024 gestiegen. Doch die Speicherkapazitäten der EU reichen bislang nicht aus, um die gesamte erzeugte Energie aufzunehmen. Überschüsse, die vor allem in saisonalen Spitzenzeiten entstehen, bleiben ungenutzt. In der Folge muss Europa weiterhin Strom aus fossilen Brennstoffen erzeugen.

Die Vereinbarung soll die Speicherkapazitäten der EU deutlich ausbauen. Überschüssige Energie könnte dadurch gespeichert und bei einem plötzlichen Anstieg der Nachfrage wieder ins Netz eingespeist werden. Das würde die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen verringern und die Strompreise stabilisieren.

Mitgliedstaaten, Finanzinstitute, Produzenten sauberer Energie und energieintensive Industrien spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie sollen verlässliche Prognosen zum jährlichen Ausbau der Speicherkapazitäten liefern, für eine stabile Nachfrage und kalkulierbare Energiekosten sorgen und den Zugang zu Finanzierungen erleichtern.

"Zum ersten Mal hat die EU eine klare politische Richtung vorgegeben und Speicher von einer unterstützenden Technologie zu einer Priorität bei der Umsetzung gemacht", sagte Walburga Hemetsberger, Geschäftsführerin von SolarPower Europe.

Was die EU braucht

Solar- und Windkraft produzieren Strom abhängig vom Wetter und nicht danach, wann die Nachfrage besonders hoch ist. Ohne ausreichende Speichermöglichkeiten bleibt die EU auf importiertes fossiles Gas angewiesen, um Versorgungslücken zu schließen, wenn die Sonne untergeht oder der Wind nachlässt.

Gleichzeitig steigt der Stromverbrauch rasant. Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass sich der Strombedarf von Künstlicher Intelligenz und Rechenzentren bis 2030 verdoppeln wird. Schon heute entfallen auf diese Anlagen rund drei Prozent des Stromverbrauchs. Ihre Leistung soll auf mehr als 28 Gigawatt steigen.

Rechenzentren benötigen rund um die Uhr Strom. KI-Anwendungen lassen sich nicht einfach abschalten, wenn weniger Energie aus erneuerbaren Quellen zur Verfügung steht. Verfügt die EU bis 2030 nicht über 200 Gigawatt Speicherkapazität, könnten Betreiber verstärkt auf fossile Kraftwerke angewiesen sein, um die Versorgung sicherzustellen. Das würde die Klimaziele der EU gefährden.

Speicher ermöglichen es dagegen, überschüssigen Solarstrom vom Tag in die Nacht zu verlagern und damit auch die wachsende digitale Infrastruktur zu versorgen.

Europa elektrifiziert außerdem den Verkehrs- und den Wärmesektor. Damit werden zwei besonders CO₂-intensive Bereiche zunehmend vom Einsatz fossiler Brennstoffe auf Strom umgestellt. Die EU will bis 2030 mehr als 30 Millionen Elektrofahrzeuge auf die Straßen bringen und 50 Millionen Wärmepumpen installieren. Um den zusätzlichen Strombedarf zu decken, braucht es große Speicher, die Schwankungen bei der Erzeugung ausgleichen.

"Ich glaube, das größte Problem wird sein, Speicher nicht als essenzielle Infrastruktur zu behandeln", sagte Jacopo Tosoni, stellvertretender Generalsekretär von Energy Storage Europe. "Wenn wir Flexibilität nicht ins Zentrum des Energiesystems stellen, verschwenden wir den günstigen Strom aus erneuerbaren Quellen, den es bereits gibt, während die Industrie weiter hohe Energiepreise zahlt."

Bereits Anfang 2026 verzeichnete Europa Rekordwerte bei den negativen Strompreisen. Der Grund: Solar- und Windanlagen produzierten zeitweise mehr Strom, als die Netze aufnehmen konnten. Allein im ersten Quartal registrierten die kurzfristigen EU-Strommärkte 1.223 Stunden mit negativen Preisen – etwa doppelt so viele wie in früheren Jahren. Besonders betroffen waren Deutschland und Spanien.

Übersteigt das Angebot die Nachfrage, müssen Netzbetreiber erneuerbare Anlagen drosseln. Dadurch bleibt sauberer Strom ungenutzt, während die Betreiber der Anlagen Einnahmen verlieren. Speicher könnten die Überschüsse aufnehmen, wenn die Preise niedrig sind, und den Strom wieder ins Netz einspeisen, sobald die Nachfrage steigt.

"Wir stecken bereits in einer Art Blockade des Systems", sagte Tosoni. "Negative Preise werden zur Normalität, weil wir einen Überschuss an erneuerbaren Energien haben, aber zu wenig Speicher, um diese Energie später zu nutzen."

Was die Vereinbarung vorsieht

Die Vereinbarung soll Europas Möglichkeiten verbessern, Solar- und Windstrom zu speichern und bei einem plötzlichen Anstieg der Nachfrage verfügbar zu machen.

Zwischen 2026 und 2028 soll die Speicherkapazität um mindestens 20 Prozent wachsen. Vorgesehen sind zusätzliche 45 Gigawatt gegenüber der im Jahr 2025 neu installierten Leistung von zwölf Gigawatt. Speicher sollen künftig rund zehn Prozent der Spitzenlast abdecken. Im Jahr 2025 waren es etwa fünf Prozent.

Anzahl der Energiespeicherprojekte nach Status, 2026

Die höhere Kapazität soll die Versorgungssicherheit verbessern, das Stromnetz stabilisieren und zugleich die Preise senken.

Mit zusätzlichen Speichern könnte Europa stärker auf eigene saubere Energie zurückgreifen und seinem Ziel näherkommen, bis 2030 einen Anteil erneuerbarer Energien von mindestens 42,5 Prozent zu erreichen. Zugleich würde die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen sinken.

Diese bleibt bislang hoch: Laut einem Eurostat-Bericht vom März 2026 entfielen im Jahr 2024 rund 67 Prozent der Energieimporte auf Öl und Ölprodukte.

"Wenn wir die 200 Gigawatt erreichen wollen, die die EU-Kommission in 'Accelerate EU' vorgibt, brauchen wir noch etwas mehr Ehrgeiz. Aber es ist ein sehr guter erster Schritt. Die eigentliche Bewährungsprobe liegt jetzt in der Umsetzung", sagte Hemetsberger.

In der Praxis müsse die EU vor allem die Marktbedingungen verbessern, um die vorhandenen Speicherkapazitäten auszubauen, erklärte Hemetsberger. Grundsätzlich seien alle Speichertechnologien wichtig. Batterien seien jedoch der eigentliche "Gamechanger".

Sie ließen sich schnell installieren, flexibel skalieren und könnten die Betriebskosten der europäischen Stromsysteme nach Angaben Hemetsbergers um jährlich 55 Milliarden Euro senken. Zudem könnten sie Gasimporte reduzieren und die Strompreise drücken.

Wer die Vereinbarung umsetzen soll

Die Betreiber von Speichersystemen und die Entwickler von Projekten für erneuerbare Energien sollen jedes Jahr angeben, wie viel zusätzliche Speicherkapazität geplant ist.

Energieintensive Unternehmen sollen eigene Speicherlösungen an ihren Standorten entwickeln, ihren Strombedarf beobachten und langfristige Verbrauchsprognosen erstellen. Finanzinstitute, darunter nationale und regionale Banken, sollen die Projekte finanzieren und zusätzliches Kapital mobilisieren.

Die Europäische Investitionsbank will ihr 500 Millionen Euro schweres Unternehmensprogramm für Stromabnahmeverträge ausweiten. Künftig sollen auch Speicherlösungen einbezogen werden.

Zudem will die Bank ihre Unterstützung für die Produktion von Netzinfrastruktur über die bisher vorgesehenen 1,5 Milliarden Euro hinaus erhöhen und dabei auch neue Speichertechnologien berücksichtigen.

Die EU-Kommission will die Umsetzung der Vereinbarung jährlich überprüfen, die Finanzierung von Projekten beschleunigen und über die Industrial Decarbonisation Bank die Dekarbonisierung energieintensiver Industrien fördern.

Zusagen der Mitgliedstaaten

Die EU-Staaten entscheiden selbst, wie viel zusätzliche Speicherkapazität sie aufbauen. Insgesamt haben 22 nationale Regierungen die Vereinbarung unterzeichnet, 17 von ihnen bereits konkrete Zusagen gemacht. Rechtlich bindend ist die Vereinbarung allerdings nicht.

"Umso wichtiger ist es, dass wir die Fortschritte sehr genau beobachten und nachverfolgen", sagte Hemetsberger.

Die Zusagen reichen von 5.000 Megawatt in Österreich und 500 Megawatt in Portugal bis zu 11.000 Megawatt in Polen und 376 Megawatt in der Slowakei. Deutschland, die Niederlande, Griechenland, Finnland und Dänemark wollen bis zum Jahresende folgen.

Insgesamt planen die EU-Staaten, bis 2028 zusätzliche Speicherkapazitäten von 30 bis 35 Gigawatt aufzubauen. Die Gesamtkapazität in der EU würde damit auf rund 65 Gigawatt steigen.

Das liegt jedoch weiterhin deutlich unter dem Ziel von 200 Gigawatt bis 2030. Viele Länder müssen ihre Projekte deshalb beschleunigen. Dafür braucht es nach Einschätzung Hemetsbergers schnellere Genehmigungsverfahren, neue Einnahmemodelle, einen verlässlichen regulatorischen Rahmen und einen zügigen Anschluss an die Stromnetze.

Die nationalen Regierungen wollen den Ausbau außerdem erleichtern, indem sie regulatorische Hürden abbauen und Genehmigungen beschleunigen. Auch die Regeln für die Preisgestaltung sollen überarbeitet werden, damit nationale Behörden diskriminierungsfreie Netzentgelte festlegen können.

Der Ausbau von Speichern und die Produktion entsprechender Technologien sollen aus nationalen Mitteln und EU-Geldern unterstützt werden. Voraussetzung ist allerdings, dass die Projekte mit den europäischen Beihilferegeln vereinbar sind. Die Kommission will entsprechende Anträge künftig schneller genehmigen.

Verfehlen die Mitgliedstaaten ihre Ziele, drohen ihnen nach Einschätzung Hemetsbergers Nachteile bei der Wettbewerbsfähigkeit, darunter dauerhaft höhere Strompreise.

"Wenn wir diese Speicherziele nicht erreichen und nicht in Batteriespeicher investieren, werden wir Gas häufiger einsetzen müssen, als uns lieb ist. Und Gas bestimmt dann den Strompreis", sagte sie.

Speicherleistung (Gigawatt) nach Projektstatus

Was die Vereinbarung für Haushalte und Unternehmen bedeutet

Die Strompreise bleiben hoch und schwanken stark. Das liegt vor allem an den Gaspreisen. Haushalte zahlen weiterhin mehr, wenn Gaskraftwerke einspringen müssen, um Zeiten mit wenig Wind- oder Solarstrom zu überbrücken.

Auch Millionen Besitzer von Solaranlagen erhalten für überschüssigen Strom häufig nur einen geringen Gegenwert, weil die Netze nicht die gesamte Energie aufnehmen können. Verbraucher können bislang nur begrenzt auf Schwankungen am Strommarkt reagieren und bleiben in einem veralteten Energiesystem weitgehend passiv.

Stehen bis 2030 tatsächlich 200 Gigawatt Speicherkapazität zur Verfügung, könnten Haushalte von niedrigeren und stabileren Strompreisen profitieren.

"Die Strompreise werden derzeit vom teuersten Kraftwerk bestimmt, das zur Deckung der Nachfrage benötigt wird – und das ist Gas", sagte Tosoni. "Wenn wir Gas aus der Gleichung herausnehmen, indem wir erneuerbaren Strom speichern, sinken die Stromkosten."

Gespeicherter Ökostrom könnte teure Gaskraftwerke in Zeiten hoher Nachfrage ersetzen. Batterien und intelligente Technologien könnten Verbraucher zudem stärker in den Strommarkt einbinden. Sie könnten Elektroautos oder Hausspeicher laden, wenn der Strom günstig ist, und Energie zurück ins Netz verkaufen, wenn die Preise steigen.

Lokale und gemeinschaftlich betriebene Speicher könnten außerdem die Widerstandsfähigkeit der Netze erhöhen. Sie würden das Risiko von Stromausfällen bei extrem hoher Nachfrage oder schweren Wetterereignissen verringern.

Werden Stromabnahmeverträge mit Speicherkapazitäten dreimal so häufig abgeschlossen wie heute, könnten sich energieintensive Unternehmen rund um die Uhr mit erneuerbarem Strom versorgen. Dadurch könnten sie ihre Klimaziele leichter erreichen und Einnahmeverluste verhindern, weil weniger Ökostrom in Zeiten eines Überangebots abgeregelt werden müsste.

Der Clean Industrial State Aid Framework könnte zudem Finanzierungen und Genehmigungen für Hersteller sauberer Technologien beschleunigen und damit ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken.

Tosoni warnte, Verzögerungen beim Speicherausbau könnten den Wettbewerb um Strom zwischen Haushalten und der wachsenden KI-Infrastruktur verschärfen. Ohne zusätzliche Kapazitäten könnten neue Rechenzentren stärker auf fossile Notstromsysteme angewiesen sein oder die Netze zusätzlich belasten.

"Wenn wir es richtig machen", sagte Tosoni, "kann der KI-Boom für das Energiesystem sogar sehr positiv sein – mit niedrigeren Kosten für Haushalte und Industrie."

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