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So verheerend ist Europas Rekord-Dürre

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So verheerend ist Europas Rekord-Dürre

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In diesem Sommer haben sengende Temperaturen Europas normalerweise üppige Weiden innerhalb weniger Wochen in ein staubiges Braun verwandelt. Die Dürre hat insbesondere in den nördlichen und zentralen Teilen des Kontinents verheerende Auswirkungen auf die Ernten.

Wir haben uns die Ursachen der Dürre angesehen, was der Klimawandel dazu beiträgt und was getan wird, um ihn zu bekämpfen. Die sechs wichtigsten Fragen:

1. Wie schlimm ist die Dürre in Europa?

Hitzewellen mit Rekordtemperaturen und katastrophale Niederschläge im ersten Teil des Sommers haben die Dürre verursacht - Das berichtete die World Meteorological Organization.

So heißt es etwa, dass April und Mai die Monate mit den höchsten je aufgezeichneten Durchschnittstemperaturen in Europa waren. Dies setzte sich bis in den Sommer fort, wobei die Temperaturen im Juni und Juli speziell in Nordeuropa weit über dem Durchschnitt lagen: Die Temperaturen am Polarkreis lagen sogar über 30℃, Norwegen erreichte am 17. Juli einen neuen Rekord von 33,5℃ und Finnland erlebte den heißesten Juli der Geschichte. Dazu kommt noch, dass die Niederschläge sehr gering ausgefallen sind.

2. Was hat die Dürre in Europa verursacht?

Wissenschaftler haben darauf hingewiesen, dass eine Kombination aus Klimawandel und Hochdruckwetter in Europa über einen längeren Zeitraum hinweg stabil bleiben kann und dadurch große Auswirkungen hat. Es wird darüber diskutiert, warum diese Systeme so lange "blockiert" bleiben.

Die Forscher untersuchen etwa, ob der Klimawandel für die Veränderung der Meeresoberflächentemperaturen verantwortlich ist, was wiederum die Zirkulation der Atmosphäre verändert und zu einer stärkeren Blockade der Wetterverhältnisse führt.

3. Wurde die Dürre in Europa durch den Klimawandel verursacht?

"Der Klimawandel hat ihn sicherlich verschärft, und diese Ereignisse werden leider häufiger auftreten", sagte Jean-Pascal van Ypersele im Gespräch mit Euronews. Er ist einer der weltweit führenden Klimawandel-Experten.

"Der Plan der EU zur Bekämpfung des Klimawandels wurde im Vorfeld der Pariser Klimakonferenz im Jahr 2015 ausgearbeitet und ist jetzt - drei Jahre nach dem Pariser Abkommen - noch immer nicht vollständig aktualisiert worden, was eine Schande ist.

Die momentanen Ambitionen entsprechen nicht dem eigentlichen Ziel des Pariser Abkommens, nämlich die Erwärmung auf nicht mehr als 1,5℃ über der vorindustriellen Temperatur zu begrenzen.

Wir kommen nicht zu spät, um den schlimmsten Fall zu vermeiden, aber wir kommen zu spät, um die Auswirkungen zu vermeiden, die wir jetzt bereits zu sehen beginnen.

Der Klimawandel beginnt, seine Auswirkungen zu zeigen, und er erinnert uns daran, dass das Ausmaß der Maßnahmen viel stärker sein sollte, als das was wir heute sehen.

Wir müssen die Weltwirtschaft - alle menschlichen Aktivitäten in allen Bereichen - vollständig dekarbonisieren, um die fossilen Brennstoffe so schnell wie möglich loszuwerden, und das erfordert einen politischen Willen, den wir bisher noch nicht gesehen haben", so Jean-Pascal van Ypersele.

4. Was wird gegen die Dürre in Europa unternommen?

Brüssel ist auf gewisse Forderungen der EU-Mitgliedstaaten eingegangen und hat mit einer Lockerung der Vorschriften und einer Vorverlegung der Zahlungen an die am stärksten betroffenen Landwirte reagiert.

Die Landwirte können nun bis zu 70 % ihrer Direktzahlungen und 85 % der Entwicklungshilfe für den ländlichen Raum bereits Mitte Oktober statt im Dezember erhalten.

Sie können auch Brachflächen nutzen, die normalerweise nicht für die Produktion genutzt werden, um ihr Vieh zu ernähren.

5. Welche Auswirkungen hatte die Dürre in Europa bereits?

Landwirte in ganz Europa bereiten sich auf eine der schlechtesten Ernten seit einer Generation vor, wobei die Erträge einiger Gemüsekulturen um bis zu 50 Prozent zurückgehen dürften.

"Da das heiße und trockene Wetter den ganzen Juli über in den meisten Teilen des Kontinents anhielt, hat das Gemüse weiter gelitten und die Ernteerträge sind stark zurückgegangen", so der Europäische Verband der Obst- und Gemüseverarbeiter."Heute ist die Situation für Gemüseanbauer und -verarbeiter die schlimmste seit 40 Jahren."

Die Dürre könnte zu einem Mangel an Kartoffeln führen, mit gravierenden Folgen etwa für die industrielle Pommes-Frites-Produktion, warnte ein deutscher Industriekonzern im Juli.

Experten von "Strategie Grains" bezeichneten die Weizen- und Gerstenerträge in Deutschland und Skandinavien als katastrophal. Auch in Frankreich, Italien, Großbritannien und den zentralen und südöstlichen EU-Ländern waren sie niedrig.

Es ist unklar, welche Auswirkungen die Dürre auf die Verbraucherpreise haben wird, aber die Landwirte werden bereits für den Preis von Heu unter Druck gesetzt. Viele mussten mehr Heu zukaufen, weil das Gras, auf dem ihre Herden normalerweise grasen, nicht gewachsen ist.

In Norwegen ist zudem aufgrund der hohen Abhängigkeit von Wasserkraft mit steigenden Strompreisen zu rechnen.

6. Aufteilung nach Ländern: Welche Teile Europas sind am stärksten betroffen?

Deutschland

In Deutschland wurde die höchsten Temperaturen seit 1881 registriert.

Die Getreideernte des Landes wird in diesem Jahr aufgrund der Trockenheit voraussichtlich um 20 Prozent zurückgehen.

"In vielen Regionen leiden wir unter einem massiven Mangel an Futtermitteln", räumte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Kloeckner Anfang August ein. Sie sagte, einige Landwirte seien gezwungen gewesen, die Kosten zu senken, indem sie Tiere früher als geplant zur Schlachtung geschickt hätten.

Schweiz

Die Schweizer Armee hat im August damit begonnen, durstige Kühe, die unter der Hitzewelle auf den Hochweiden leiden, mit Wasser zu versorgen.

Die Bundesregierung senkt die Importzölle auf Viehfutter, um den Landwirten in der Dürre zu helfen. Philippe Leuba, der Zuständige für Wirtschaft und Sport, sagte, die Schweiz habe seit 1921 keine Dürre wie die von diesem Jahr erlebt.

Tote Fische wurden etwa aus dem Rhein in der Schweiz geborgen, da die Hitzewelle die Wassertemperaturen ansteigen lässt, was sich auf den Sauerstoffgehalt auswirkt.

Schweden

Schwedens Weizenernte könnte im Jahresverlauf um mehr als 40 Prozent zurückgehen, aufgrund von Trockenheit und Hitzewelle, sagte der Leiter der Getreideeinheit der großen schwedischen Agrargenossenschaft Lantmannen.

Dadurch werde das Land dazu gezwungen, vom Export des Getreides zum Importeur zu wechseln, so Mikael Jeppsson von Lantmannen.

Die Dürre hat auch zu einem Ausbruch von Waldbränden geführt, die sich bis zum Polarkreis ausgebreitet haben.

Finnland

Die finnischen Landwirte erlitten während der Feuchtigkeit und Kälte des letzten Jahres Verluste und leiden nun unter Dürre, wie ein Krisentreffen der MTK, des Zentralverbandes der landwirtschaftlichen Erzeuger und Waldbesitzer, mitteilte. Es wurde eine Überprüfung gefordert, welche Lebensmittel das Land momentan importiert und zudem wurde kritisiert, dass der Wettbewerb unfair sei.

"Ich habe so ein heißes und trockenes Wetter noch nie gesehen, und ich habe über 30 Jahre lang Landwirtschaft betrieben", erzählte Max Schulman von seiner Farm, die etwas außerhalb von Helsinki liegt, wo er Bohnen, Hafer, Weizen und Ölsaaten anbaut.

Die Temperaturen näherten sich letzte Woche in Finnland der 30°C-Marke, obwohl der August-Durchschnitt normalerweise bei 19°C liegt. Aufgrund der wenigen klimatisierten Häusern im Land, lud ein Supermarkt in Helsinki 100 Kunden ein, in seinem klimatisierten Laden zu übernachten.

Großbritannien

In vielen Teilen Englands und Wales gab es seit Ende Mai keinen nennenswerten Regen mehr, was zu extremen Bedinungen führte, so die National Farmers Union (NFU).

Das trockene Wetter habe das Graswachstum und die Ernteerträge bei einigen Kulturen stark reduziert.

"Dieses beispiellose Ereignis sollte wirklich ein Weckruf für uns alle sein", sagte NFU-Präsidentin Minette Batters. "Es ist eine Warnung, dass wir die Nahrungsmittelproduktion nicht als selbstverständlich ansehen sollten."

Polen

Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur PAP sind fast 65 Prozent des Ackerlandes in Polen von der Dürre betroffen.

Der Mai in Polen war der wärmste seit 55 Jahren, sagte Zuzanna Sawinska von der Universität für Biowissenschaften in Posen.

Estland

Dürreähnliche Zustände wurden gemeldet, nachdem die Regenmenge im Mai 60 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt lag, da die Zahl der Sonnenstunden laut dem estnischen Wetterdienst um 48 Prozent stieg.

Zwischen 30 und 70 Prozent der Ernten dieses Sommers könnten ausfallen, sagte Tarmo Tamm, Estlands Minister für ländliche Angelegenheiten.

Die Bauern erwägen, ihre Rinder zu verkaufen, weil es nicht genug Futter gab, um sie zu füttern, sagte Urmas Kruuse, stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für ländliche Angelegenheiten des estnischen Parlaments.

Die estnische Regierung hat 20 Millionen Euro für die von der Dürre betroffenen Landwirte bereitgestellt.

Lettland

Die Dürre in Lettland wurde im Juni zur "landesweiten Naturkatastrophe" erklärt. Die Bauern verkaufen Rinder, weil sie nicht genug Futter haben, um sie zu füttern.

"Letztes Jahr hatten wir starke Regenfälle und eine Überschwemmung", sagte Dainis Rutenbergs, ein Bauer in der Nähe der Stadt Dobele. "Meine Felder waren unter Wasser, und ich konnte keine Ernte einbringen. Dieses Jahr: das genaue Gegenteil. Ich mache mir Sorgen um meine Bankkredite."

Der lettische Verband Orchardman warnte, dass in diesem Jahr 90 Prozent der Preiselbeeren, 60 Prozent der Erdbeeren und 40 bis 50 Prozent der Äpfel und Birnen verloren gehen könnten.

Litauen

Auch in Litauen erklärte die Regierung die Dürre im Juli zu einem landesweiten Notstand.

Nach Schätzungen des litauischen Landwirtschaftsministeriums lagen die Ernteerträge im Frühjahr zwischen 15 und 50 Prozent unter dem Niveau von 2006.

Das Land hat die EU um Erlaubnis gebeten, seinen Tieren die Beweidung von Ackerland zu gestatten, das eigentlich für den Schutz der Umwelt reserviert ist.

Die gesamte Getreideproduktion Litauens wird aufgrund der Trockenheit voraussichtlich auf 5,5 Mio. Tonnen zurückgehen, 13 Prozent weniger als im Vorjahr.

Dänemark

Die Dürre hat Dänemark besonders hart getroffen, da bereits die Frühjahrsernte von Getreide und Gemüse um 40 bis 50 Prozent zurückgegangen war, so Troels Toft, ein Beamter des dänischen Landwirtschafts- und Ernährungsrates.

Die Verluste werden die Landwirtschaft des Landes rund 944 Millionen Dollar kosten, fügte Toft hinzu.

"So etwas haben wir in den letzten 150 Jahren nicht gesehen", sagte er. "Wenn man durch Dänemark fährt, ist es nicht das Land, an das wir gewöhnt sind. Einige Bauern werden bankrott gehen, das ist sicher. Wenn du vor der Dürre Probleme hattest, dann kann dir die jetzige Situation den Rest geben."