Eilmeldung

Eilmeldung

Dürresommer 2018 - Für europäische Bauern ein Trauerspiel

Sie lesen gerade:

Dürresommer 2018 - Für europäische Bauern ein Trauerspiel

Dürresommer 2018 - Für europäische Bauern ein Trauerspiel
Schriftgrösse Aa Aa

Im Sommer 2018 wurden in der gesamten Europäischen Union Rekordtemperaturen verzeichnet. Viele Menschen suchten an Stränden und Seen Abkühlung. Auf den Feldern jedoch herrschte unerbittliche Dürre, die viele Landwirten nun zum Verhängnis wird.

In Großbritannien waren die Milchbauern am stärksten vom Wassermangel betroffen. Viele mussten ihre Kühe notschlachten, weil es nicht genug Futter für Aufzucht von Tieren gab. Der Andrang in den Schlachthöfen war so groß, dass es zu mehrwöchigen Wartezeiten kam.

Die Europäische Union hat in der vergangenen Woche zusätzliche Dürrehilfen für die Bauern vorgestellt, zusätzlich zu den Anfang August bereits angekündigten Maßnahmen. Aber reicht das aus?

Euronews hat europäische Landwirte dazu befragt.

Wie ernst ist die Lage wirklich?

"Dies ist wahrscheinlich die schlimmste Dürre, die die meisten Menschen je erlebt haben", sagt Minette Batters, Präsidentin der National Farmers' Union of England and Wales. "Sicherlich auf dem gleichen Niveau, wie die letzte schwere Dürre, die wir hatten, 1976."

Die Dürre folgte zudem auf einen "wirklich harten Winter", wie Blatters sagt. Die Futtermittelvorräte in ganz Großbritannien waren extrem niedrig, zu Beginn des Frühjahrs zum Teil sogar vollständig aufgebraucht.

In Deutschland war die Lage ähnlich und Futtermittel für Rinder extrem knapp. "Wir haben in diesem Jahr die geringste Ernte des Jahrhunderts", sagt Udo Hemmerling, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes.

Und fügt hinzu: "Wir haben vor allem in Nord- und Ostdeutschland sehr schwere Verluste erlitten. Und unsere Nachbarn in Skandinavien und Polen sind in einer ebenso schlimmen Situation",

Der deutsche Landwirt André Stallbaum sagte, er habe im Vergleich zu den Vorjahren deutliche Einbußen bei seiner Ernte erlitten: "Wir haben etwa 50% unserer Weizenernte verloren, 35%-40% bei Quinoa, 35% bei Roggen."

In ihrem Bulletin "Crop Monitoring in Europe" für Juli und August erklärte die Europäische Kommission, Deutschland sei von der Dürre im ganzen Land betroffen, ebenso bestimmte Anbauflächen in Frankreich, Italien, Großbritannien, Irland, Polen, Ungarn und Rumänien und mehreren anderen Ländern.

Werden die Verbraucher Auswirkungen der Hitze spüren?

Angesichts der kritischen Lage in vielen landwirtschaftlichen Betrieben werden die Verbraucher in der EU am ehesten einen Unterschied im Supermarktregal, nicht so sehr auf dem Kassenbon feststellen.

Stallbaum zufolge dürfte vor allem die mickrige Größe der Produkte im Regal ins Auge stechen. Er habe feststellen müssen, dass die auf seinem Hof geernteten Früchte "deutlich an Größe eingebüßt" hätten.

Die spürbaren Auswirkungen der Dürre sind seiner Ansicht nach jedoch begrenzt. "Die Verbraucher werden vielleicht einen kleinen Preisanstieg im Supermarkt vermerken. Aber ich schätze, dass es so sein wird wie in den anderen Jahren: Die Produkte kommen von überall auf der Welt, um die Regale zu füllen. Also werden es die Leute wohl gar nicht wirklich merken."

Milchbauer Phil Latham glaubt nicht, dass viele Menschen sich des Ausmaßes der Schäden durch die Dürre bewusst sind. Die tatsächlichen Auswirkungen würden erst um Weihnachten herum spürbar sein.

"Sie (die Verbraucher) hatten einen tollen Sommer und haben viel Eis gegessen. Und das war auch gut für die Milchindustrie.

Aber in diesem Winter werden die Lebensmittelpreise für Molkereiprodukte vermutlich deutlich steigen, wie sie bereits für Obst, Gemüse und Ackerbauerzeugnisse angestiegen sind", sagte er. "Jüngste britische Erhebungen zeigeen an, dass der Durchschnittsverbraucher 7,50 Pfund (8,31 €) zusätzlich pro Woche ausgeben wird."

Die EU-Kommission hat alle Mitgliedstaaten aufgefordert, bis zum 31. August aktualisierte Informationen über die Auswirkungen der Dürre im Sommer vorzulegen. Die Ergebnisse sollen in den kommenden Wochen in einem Bericht veröffentlicht werden.

Reuters/WOLFGANG RATTAY

Ein Dominoeffekt, das ganze nächste Jahr über

Für den britischen Milchbauern Phil Latham sieht die Prognose für den Winter und das kommende Jahr düster aus. Er musste, wie viele andere Bauern auch, auf die eigentlich für den Winter beiseitegelegte Futterreserven zurückgreifen.

"Es gab einen Punkt, an dem kein Gras nicht mehr wuchs", sagte er. "Am Ende reicht das Vorratsfutter nur noch für 40 Tage. Es gibt mehr als 40 Tage im Winter."

Tatsächlich kam es in der gesamten EU zum Preisanstieg. Mais errichte in Großbritannien Rekordniveau und wurde zu einem Vierfachen des üblichen Preises verkauft. Eine weitere Schwierigkeit für die Milchbauern.

Welche Hilfe haben die Regierungen und die EU geleistet?

Die EU-Kommission hat Hilfen für dürregeplagte Bauern auf den Weg gebracht. So soll eine Lockerung der Anbauregeln helfen, rasch mehr Futter für Nutztiere zu produzieren. Zudem könnten reguläre Agrarhilfen vorzeitig ausgezahlt werden. Das Paket soll bis Ende September mit den EU-Staaten abgestimmt und förmlich angenommen werden.

Die von der EU angekündigten Maßnahmen sollen vor allem sicherstellen, dass genügend Tierfutter zur Verfügung steht. Dafür seien Ausnahmen von bestimmten Anbauregeln vorgesehen, erklärte die Kommission. So sollten etwa Winterkulturen als Zwischenfrüchte genutzt werden dürfen und die Frist von acht Wochen für Zwischenfrüchte verkürzt werden können.

Zudem sollen Landwirte bis zu 70 Prozent der ihnen zustehenden Direktzahlungen und bis zu 85 Prozent der Zahlungen für den ländlichen Raum bereits Mitte Oktober und nicht erst im Dezember bekommen können.

In Deutschland kündigte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) staatliche Nothilfen von bis zu 340 Millionen Euro für deutsche Bauern an, die wegen der Dürre besonders große Ernteausfälle haben.

Reuters / Scanpix