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Zu billige Bohne: Kaffeepreis könnte bald steigen

Zu billige Bohne: Kaffeepreis könnte bald steigen
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REUTERS/Eric Vidal/Illustration -/File Photo
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Der Einkaufspreis für Kaffee ist derzeit auf einem historisch niedrigen Niveau: Seit Herbst 2018 sind die Bohnen so günstig wie seit 12 Jahren nicht mehr. Ende 2018 kostete ein Pfund (0,45 kg) Kaffee den durchschnittlichen britischen Kaffeetrinker €6,50, während der internationale Marktpreis für Kaffee nur 0,89 Euro betrug. In Deutschland kam der Preisverfall beim Einkaufspreis für Kaffeebohnen eher beim Verbraucher an: Bei Sonderaktionen im Supermarkt waren im April beliebte Sorten wie Dallmayr knapp unter vier Euro das Pfund zu haben, Eigenmarken von Discountern wie Lidl und Aldi sogar für weniger als drei Euro. Trotzdem bleibt die Frage: Warum gibt es also ein solches Ungleichgewicht zwischen dem Marktwert von Kaffee und seinem Einzelhandelspreis?

In den vergangenen zwei Jahren befand sich die Kaffeeproduktion in einer Krise, da die historisch niedrigen Marktpreise es vielen Produzenten schwermachten, von ihrer Ernte zu leben.

Der Kaffeepreis wird - wie bei vielen anderen Rohstoffen - durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Wenn es zu einem Überangebot kommt, sinkt der Kaffeepreis, wenn es mehr Nachfrage gibt, steigt er.

Jose Sette, Exekutivdirektor der Internationalen Kaffeeorganisation (ICO) - einer regierungsunabhängigen Organisation für Kaffee - erklärte Euronews, dass ein Kaffeeüberangebot in den vergangenen zwei aufeinander folgenden Jahren der Grund für den Preisverfall sei:

"Ich würde besonders Brasilien, Vietnam, Kolumbien und Honduras erwähnen, aber sie sind nicht die einzigen", sagte er. Mehrere Länder hätten ihre Produktion im Laufe der Zeit gesteigert.

Folgen für die Kaffeebauern

Laut der Fairtrade Foundation sind mehr als 125 Millionen Menschen weltweit auf Kaffee angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. 25 Millionen Kleinbauern bauen 80 Prozent des weltweiten Kaffees an.

Eine ICO-Umfrage über die Auswirkungen niedriger Kaffeepreise auf die Exportländer ergab, dass ein Großteil der Kaffeebauern aufgrund der geringeren Einnahmen an Ernährungsunsicherheit leidet. In vielen Ländern, in denen Kaffee eine einkommensschaffende Tätigkeit war, wurde zudem eine Zunahme an armen Haushalten gemeldet.

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage ist, dass immer mehr Kaffeeproduzenten nicht in der Lage sein werden, ihre Produktionskosten zu decken und ein angemessenes Einkommen aus der Ernte zu erzielen.

Die Krise zwingt viele mittelamerikanische Bauern, ihre Kaffeeproduktion für eine besser bezahlte Ernte aufzugeben oder sie bringt sie dazu, ihre Heimat zu verlassen, um in den USA Asyl zu suchen - was eine bereits angespannte Migrationssituation verschärfe, so die Umfrage.

Marktpreis im Vergleich zum Einzelhandelspreis

In den vergangenen Jahren stieg der Kaffeepreis für Verbraucher in der Europäischen Union, obwohl die Produzenten kaum davon profitieren.

Warum ist der Einzelhandelspreis oder eine Tasse Kaffee also viel höher als der Kaffeepreis auf dem Markt?

Laut Sette hängt der Verkaufspreis stark von folgenden Faktoren ab:

  • Steuern
  • Margen des Einzelhandelssektors
  • Margen der Röstbereiche
  • sonstige Änderungen in der Marketingstruktur

Zudem betrage der Preis für Kaffee im Verkaufspreis nur einen begrenzten Anteil. Das Gleiche gelte laut dem Experten für den Preis einer Tasse Kaffee:

"Wenn man in ein Café geht, ist der Kaffeepreis nur eine der Komponenten in der Kostenstruktur", erklärt Sette, "und das ist ein ziemlich kleiner Teil, sodass Faktoren wie Miete, Arbeitskosten, Krankenversicherung, einen viel größeren Einfluss auf den Preis einer Kaffeetasse haben als der Kaffee selbst."

Rohstoffexperten erwarten deutlich höhere Preise zum Jahresende

Kaffeepflanzen unterliegen einem eigenen Wachstumsrhythmus: In einem Jahr stecken sie alle verfügbaren Nährstoffe in die Fruchtentwicklung, im folgenden Jahr haben dann das Wachstum der Pflanze und die Bildung von neuem Holz Vorrang. Je nach Anbaugebiet und Wettersituation kann sich dadurch ein recht ausgeprägter Wechsel zwischen ertragreichen und weniger ertragreichen Jahren ergeben.

Im weltgrößten Anbauland Brasilien kann man diesen Zyklus klar an den Erntemengen ablesen: 2018 war ein ertragreiches Jahr in Brasilien. Dazu herrschten weltweit außergewöhnlich günstige Wetterbedingungen. Aufgrund der daraus folgenden Rekordernte verzeichnet der globale Kaffeemarkt den höchsten Angebotsüberschuss seit 16 Jahren.

ICO erwartet im laufenden Erntejahr einen Überschuss von 2,3 Millionen Sack Kaffee. Ein Sack entspricht je nach Herkunftsland 60 oder 69 Kilo.

Rohstoffhändler und Analysten erwarten jedoch, dass sich die Verhältnisse bis Jahresende umkehren und die Nachfrage das Angebot übersteigt. Zum einen befindet sich Brasilien aufgrund des Wachstumszyklus in einen "schwachen" Jahr. Dazu lassen die niedrigen Preise den Kaffeebauern derzeit nur wenig Spielraum für Investitionen, was negative Auswirkungen auf die Produktion haben dürfte. Ein dritter Faktor ist die Währung: Kaffee wird in US-Dollar gehandelt. Marktbeobachter erwarten, dass der brasilianische Real zum US-Dollar aufwerten wird. Ein starker Real lässt für gewöhnlich die Kaffeepreise steigen. Aber fraglich bleibt, ob der prognostizierte Anstieg des Marktpreises auch beim Verbraucher ankommt.