Eilmeldung

30 Jahre danach: Wie viel Mauer in den Köpfen steht noch?

30 Jahre danach: Wie viel Mauer in den Köpfen steht noch?
Euronews logo
Schriftgrösse Aa Aa

Berlin: 28 Jahre lang mit Mauer, 30 Jahre lang ohne Mauer. Halbzeit, ein guter Moment, um Bilanz zu ziehen. Wie sehr hat sich die Stadt gewandelt? Und ist die Einheit auch in den Köpfen angekommen?

Der Fotograf Gottfried Schenk, ein gebürtiger Österreich, kam in den 1970er-Jahren nach Berlin. Geplant war nur ein Aufenthalt von ein paar Wochen, doch die Stadt gefiel ihm so gut, dass er blieb. "Als Fotograf ist Berlin natürlich ein Eldorado, ein unerschöpfliches Terrain für kreatives Fotografieren", so Schenk.

Er hat den Wandel seiner neuen Heimat Berlin kontinuierlich in Bildern festgehalten und dabei immer wieder die gleichen Standorte und Blickwinkel gesucht. Daraus entstanden sind 70 analoge Bildpaare, die auf eindrucksvolle Weise den Weg Berlins von der geteilten Mauerstadt hin zur europäischen Metropole zeigen. Wer sich den Bildband "Berliner Verwandlungen" durchblättert geht auf eine Zeitreise und entdeckt Berlin neu.

Viele der Touristen, die heutzutage nach Berlin kommen fragen, wo die Mauer ist. Schenk erinnert sich noch gut daran, wie die Mauer Stück für Stück verschwand - ein Phänomen, dass er in mehreren Fotopaaren anschaulich dokumentiert hat. Beim Betrachten einiger seiner Bilder empfindet Schenk noch heute Dankbarkeit und Glücksgefühle: "Ich habe das erlebt, wie das mir war mit dieser Mauer und dieser 'Eingemauertsein-Situation' und nun ist es weg, und wir sind frei davon."

DDR, ein Land verschwindet

Der frühere Bundeskanzler Willy Brandt sagte einst: "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört", auf das Stadtbild von Berlin trifft das durchaus zu. Nach jahrelangen Baustellen und dem Tanz der Kräne sind die Unterschiede zwischen den früheren Ost- und Westvierteln verblast.

"Gleich nach dem Mauerfall war der Osten noch richtig authentisch", erzähltSchenk. "Die ganzen 90er-Jahre durch, muss man sagen, war das immer noch so. Dann kam aber der Aufbau Ost. Vorher war es da grau und es gab verfallene Fassaden... Die Häuser sind auch renoviert und saniert worden. Aber in den Menschen drinnen ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen."

Das sieht auch Journalist Johannes Nichelmann so:

"Ich glaube, diese sogenannte Mauer in den Köpfen, dieses Ost-West-Ding gibt es auf jeden Fall auch noch bei jungen Menschen."

Nichelmann, Jahrgang 1989 und in Berlin-Pankow geboren, ist in seinem Buch auf Spurensuche gegangen, die ostdeutschen "Nachwendekinder", die kurz vor oder kurz nach der friedlichen Revolution geboren wurden haben nie in der DDR gelebt, tragen aber das Erbe des Ostens in sich.

Das Dazwischen fehlt

Bei seiner Recherche für das Buch stößt Nichelmann auf einen blinden Fleck:

"Da ist die eine Seite, da war es immer so 40 Jahre Ostseeurlaub und alles war sonnig und nett... Und auf der anderen Seite ist die mediale Erzählung. Die war halt immer vierzig Jahre Stasiknast, Stacheldraht, und alles war schlimm. Aber irgendwas muss ja noch etwas zwischen dem Ostseeurlaub und dem Stasiknast sein. Und alles, was dazwischen ist, glaube ich, haben wir zu wenig besprochen - in den Familien selbst, in den ostdeutschen Gesellschaften und auch in den Medien."

In der öffentlichen Debatte ist die frühere innerdeutsche Grenze unterdessen weiterhin präsent.

"Ich glaube, wir müssen die Probleme als gesamtdeutsche Probleme begreifen - und zwar alle: Sei es Rechtsradikalismus, seien es die Folgen der Globalisierung, sei es der Strukturwandel, die Abwanderung", sagt Nichelmann. "Das gibt es in ganz Deutschland. Und das abzuschieben in dieses exotische Ostdeutschland wird noch zu stark gemacht."

Doch der Journalist ist zuversichtlich, dass auch das Ost-West-Denken irgendwann Geschichte sein wird:

"Meine Zauberkugel hat mir gesagt, dass es wahrscheinlich, bei den nächsten Generationen hoffentlich schon verblasst sein wird. Ich habe einen dreijährigen Neffen. Ich hoffe mal stark, dass er, wenn er groß ist, sich da nicht mehr mit aufhält."

Euronews kann nicht mehr über Internet Explorer abgerufen werden. Der Browser wird von Microsoft nicht aktualisiert und unterstützt die neuesten technischen Entwicklungen nicht. Wir empfehlen Ihnen, einen anderen Browser wie Edge, Safari, Google Chrome oder Mozilla Firefox zu benutzen.