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ESA-Astronaut Luca Parmitano: "Mars bleibt ein attraktives Ziel"

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ESA-Astronaut Luca Parmitano: "Mars bleibt ein attraktives Ziel"
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Weniger als 600 Astronauten waren im Weltraum in den 60 Jahren nach Juri Gagarin, dem ersten Mann im All. Im Europäischen Astronautenzentrum in Köln trifft euronews-Reporter Claudio Rosmino einen von ihnen: Luca Parmitano. Für euronews berichtete er während seiner sechsmonatigen Mission auf der Internationalen Raumstation mit seinen "Space Chronicles" aus dem Orbit. In der "Global Conversation" geht es darum, warum es wichtig ist, in den Weltraum zu fliegen, was die wichtigsten Herausforderungen sind und vor allem darüber, wie die Zukunft der Weltraumforschung aussieht.

Euronews-Reporter Claudi Rosmino:
Willkommen zurück auf der Erde Luca Parmitano.

ESA-Astronaut Luca Parmitano:
Danke, es ist mir ein Vergnügen.

Euronews:
Schön Sie auf der Erde zu treffen, nachdem wir Ihre Chroniken aus dem Weltraum gesehen haben. Wie war das für Sie?

Luca Parmitano:
Es war großartig, diese Erfahrung teilen zu können, und mit einem großen europäischen Publikum in vielen Sprachen sprechen zu können. Das war eine einzigartige Möglichkeit. Dieser Austausch mit dem europäischen Publikum hat mir sehr gefallen.

Rückkehr aus dem All

Euronews:

Ich habe hier das Video von Ihrer Rückkehr zur Erde: Wie war das für sie sowohl körperlich als auch mental?

Luca Parmitano:
Zuallererst eine große Erleichterung, weil alles gut gegangen ist. Dann das Glück, auf der Erde zu sein: das Gefühl der Sonne auf dem Gesicht, der Wind, die Gerüche der nassen Erde um einen herum, es lag Schnee - all diese Gerüche sind nach 200 Tagen im All irgendwie außerirdisch. Es war also eine große Freude gemischt mit einer großen Müdigkeit, denn sich wieder an die Schwerkraft zu gewöhnen, besonders in den ersten Tagen, war wirklich anstrengend.

Euronews:

Wie wird ein Astronaut wieder an die Erde gewöhnt, wenn er von einer Mission zurückkehrt?

Luca Parmitano:
Einerseits werden die physiologischen Experimente fortgesetzt, die wir im Orbit durchgeführt haben. Und dann gibt es die eigentliche Rehabilitation: Zum einen Physiotherapie, um die Muskeln wieder aufzubauen, die in der Schwerelosigkeit an Masse verloren haben. Und dann gibt es ein Sportprogramm mit Gewichtheben, Laufen, Schwimmen, Radfahren.

Euronews:
Während der 201 Tage Ihrer Mission haben Sie eine Menge Fotos zur Erde veröffentlicht. Wie haben Sie den Zustand der Erde von da oben wahrgenommen?

Luca Parmitano:
In jüngster Zeit haben wir in der Karibik, auf den Bahamas und in Puerto Rico eine beispiellose Verwüstung erlebt. Über die Monate haben wir auch die Brände im Amazonas-Regenwald, in Afrika und die Buschfeuer in Australien dokumentiert, die ich im September zu fotografieren begann und die bis Januar und Februar andauerten.

Experimente im Columbus-Modul

Euronews:
Lassen Sie uns zum Modell des Columbus-Moduls gehen, dem europäischen Weltraumlabor, um über die wissenschaftliche Seite ihrer Mission zu sprechen.

Luca Parmitano:
Ok, sehr gern.

Euronews:
Für Sie ist ein bisschen wie Zuhause.

Luca Parmitano:
Ja, willkommen im Columbus-Labor. Auch wenn dieses Modell sehr viel neuer und übersichtlicher ist als das echte (auf der ISS).

Euronews:
Sie waren an etwa fünfzig europäischen und etwa zweihundert internationalen Experimenten beteiligt. Welche Art von Tests führen Sie im Weltraum durch und welche Auswirkungen haben sie für das Leben auf der Erde?

Luca Parmitano:
Dank der Wissenschaft, die wir an Bord durchführen, können wir beobachten, wie sich Phänomene im All verändern, die auf der Erde unter Schwerkraftbedingungen selbstverständlich sind. Es ist eine extrem kontrollierte Umgebung: Wir können alle Labor-Elemente steuern von der Zusammensetzung der Atmosphäre über die Temperaturen bis hin zu den Gravitationseffekten. Denn wenn wir wollen, können wir mit Zentrifugen Beschleunigungen erzeugen, die denen auf der Erde, auf dem Mond oder auf dem Mars ähnlich sind.

Als Kommandant der ISS ist man kein Babysitter

Euronews:
Sie waren der erste italienische und dritte europäische Kommandant der Internationalen Raumstation: Was war für Sie am prägendsten?

Luca Parmitano:
Als Kommandant der Internationalen Raumstation ist man der Anführer einer sehr kleinen Gemeinschaft hoch qualifizierter und trainierter Menschen. Man ist weder Babysitter, noch gibt man Befehle. Man tritt zurück und schaut, was der beste Weg ist, um eine Umgebung zu schaffen, die es allen ermöglicht, bestmöglich zu arbeiten, zu kommunizieren und zu handeln.

Zukunft der Weltraumforschung

Euronews:
Wie sehen Sie die Zukunft der menschlichen Präsenz im Weltraum? Was sind die nächsten Etappen der Weltraumforschung?

Luca Parmitano:
Wir sind auf einem guten Weg, zum Mond zurückzukehren. Das wird in diesem Jahrzehnt geschehen. Außerdem sollten wir unser Wissen, das wir auf der ISS über längere Aufenthalte von Menschen im All erworben haben und unsere Weltraumflüge zum Mond nutzen, um weiterzugehen. Meiner Meinung nach bleibt der Mars ein attraktives Ziel, weil er der Planet ist, der der Erde am ähnlichsten und am nächsten ist. Wenn wir eine Raumfahrer-Spezies werden wollen, muss das eines unserer Ziele sein.

Euronews:
Und wie sieht Ihre Zukunft aus? Würde Sie eine Mondmission reizen?

Luca Parmitano:
Mehr als das, um ehrlich zu sein. Ich stehe noch mitten im Arbeitsleben und konnte auf der Internationalen Raumstation gute Erfahrungen sammeln. Wenn unsere Zukunft als internationale Gemeinschaft, als europäische Raumfahrtorganisation uns wieder auf den Mond führt, hoffe ich wirklich, ein geeigneter Kandidat für eine der künftigen Missionen zu sein.

Euronews:
Was haben Sie im All am meisten vermisst?

Luca Parmitano:
Zeit mit meinen Töchtern zu verbringen, mit denen, die ich liebe, mit meinen Freunden, mit der Familie, aber vor allem mit meinen Töchtern. Es ist der menschliche Kontakt, der uns zu Menschen macht, und der Mensch ist ein soziales Wesen.

Euronews:

Die 'Space Chronicles, die Sie uns von der ISS aus geschickt haben, waren sehr beliebt. Deshalb haben wir unsere Zuschauer und Ihre Fans aufgefordert, Ihnen Fragen zu stellen. Wir haben ein paar ausgewählt. Mira möchte beispielsweise wissen, was das für ein Gefühl ist, wenn man auf der einen Seite die Erde und auf der anderen den tiefen Weltraum sieht.

Luca Parmitano:
Verschiedene Emotionen. Für mich ist der Weltraum äußerst attraktiv. Er ist das letzte der großen Geheimnisse, die es zu entdecken gilt, der letzte Horizont, hinter den man blicken kann. Das spürt man vor allem bei Weltraumspaziergängen, eingetaucht in diese Dunkelheit. Auf der anderen Seite, die Erde, unser Planet, unsere Heimat, die Wiege des Lebens, der einzige uns bekannte Planet, auf dem es Leben gibt. Seine Schönheit ist leider unbeschreiblich, oder vielleicht ist sie glücklicherweise unbeschreiblich.

Euronews:
Eine abschließende Frage von Corina: Wie empfinden Sie den Alltag auf der Erde nach sechs Monaten im All?

Luca Parmitano:
Extrem wertvoll, extrem zerbrechlich. Etwas, das in allen seinen Formen erhalten werden muss.