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Nadja Zwiener: "Arbeitslosengeld ist ein Gängel-Instrument"

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Nadja Zwiener ist eine virtuose Barockgeigerin. Mit ihrer David Tecchler Geige aus dem Jahr 1723 tourt sie "normalerweise" um den Globus. Das war vor Covid-19. Eigentlich wäre sie jetzt gerade irgendwo über dem Atlantik, auf dem Weg zur Carnegie Hall in New York. Bei "The English Concert" - einem in Sachen "Alter Musik" führenden Londoner Ensemble von Weltrang - ist sie es, Nadja Zwiener, die den Ton angibt.

Als das euronews-Team Nadja Zwiener in ihrer Wohnung in Leipzig besucht, sitzt sie mit ihrem Mann - auch er Barockmusiker - am Schreibtisch, gemeinsam sehen sie ihre Konzertkalender durch. "Johannespassion in Arnstadt, dann London, Bristol... die ganze Tour ist weg", sagt sie. "Bei mir", ergreift ihr Mann das Wort, "war bis gerade eben noch das Kammerkonzert in Essen, die haben mit der Absage bis kurz vor Schluss gewartet." - Nadja Zwiener streicht New York City, San Diego und weitere Stationen einer US-Tournee mit einem Rotstift durch. Ihr Mann fragt dazwischen: "Was ist aus dem Pamplona-Konzert geworden?" - Der Computer meldet sich mit einem scharfen "Pling", beide blicken von ihren Kalendern auf Richtung Bildschirm. "Guck mal", meint Nadia Zwiener zu ihrem Mann, "mein Flug wurde gestrichen." - Dann, mit einem Anflug trockenen Galgenhumors: "Das ist gut, dann bekomme ich das wenigstens zurückerstattet."

Die teilweise weitreichenden Auswirkungen von Covid-19 machen sich in der freien Kulturszene brutal bemerkbar, egal ob es sich um den Drehorgelspieler im freien Stadtteiltheater handelt oder um Virtuosen von Weltrang. Für die Recherche zur Euronews-Reportage "Unreported Europe: COVID-19 macht den freischaffenden Künstlern das Leben schwer" telefonierten wir quer durch Europa. Viele Musiker und Künstler trauen sich nicht so richtig, vor laufender Kamera ganz offen und ohne Vorbehalte über Verluste, Gagen, Geld zu reden, das Thema ist - Covid-19 hin oder her - schambesetzt. Andere sind wütend auf die Politik, poltern los. Bei Nadja Zwiener liegt der Fall anders, sie vergleicht, nennt Zahlen, differenziert, wägt ab, versucht gleichzeitig nüchtern und faktenbezogen zu argumentieren, und doch spürt man gelegentlich Emotionen aufbrechen, als die Sprache auf das Arbeitslosengeld-2 kommt.

Einnahmenausfall von 35.000 Euro

Euronews:
Frau Zwiener, wie macht sich COVID-19 in Ihrem Konzertkalender bemerkbar?

Nadja Zwiener:
Wir sind zwei freiberuftliche Musiker, ich und mein Mann, wohnen in Leipzig und haben zwei Kinder, sechs und neun Jahre alt. Wir sind durch die Coronakrise und die dadurch bedingten Absagen doppelt und dreifach betroffen. Ab Mitte März ging es los, da kamen die ersten Absagen. Damals dachten wir noch, na gut, das wird vielleicht einen Monat dauern, wenn es schlimm wird, zwei Monate. Doch dann wurde bald klar, dass es doch sehr viel länger geht. Wir haben inzwischen Absagen, die bis weit in den Sommer, auch Herbst gehen. Jetzt habe ich sogar bereits eine Absage für den Dezember bekommen, weil die Veranstaltung nicht stattfinden kann - der Veranstalter ist pleite gegangen.

Euronews:
Was bedeutet das konkret finanziell?

Nadja Zwiener:
Insgesamt beläuft sich bei uns beiden der Einnahmeausfall auf mittlerweile 35.000 Euro. Das sind die Einnahmen, mit denen wir gerechnet haben. Jetzt sind wir bei null. Das hat auch damit zu tun, dass über Ostern und Pfingsten eine unserer Hauptverdienstzeiten gewesen wäre. Die Passionszeit ist ja zusammen mit der Weihnachtszeit für uns Barockmusiker die wichtigste Verdienstzeit des Jahres. Und dass die Absagen genau da anfingen, wo auch die Passionszeit begann, das hat schon schmerzhafte Auswirkungen.

Euronews:
Gibt es Hilfsangebote?

Nadja Zwiener:
Erst einmal gab es sehr viele private Hilfen, Hilfsfonds, die sehr schnell helfen konnten, in kleinen Hundertenbeträgen, das hat uns über die erste Zeit gerettet. Natürlich haben wir auch einige Rücklagen, das haben nicht alle Musiker. - Es gab glücklicherweise auch vom Bund das Angebot, Hilfe zu bekommen. Allerdings gilt das nur für Betriebsausgaben. Als freiberuftlicher Musiker hat man allerdings so gut wie keine Betriebsausgaben, wir üben zu Hause, wir haben keinen Dienstwagen, wir reisen im Moment nicht mehr, haben also auch keine Reisekosten, die man als Betriebskosten hätte geltend machen können. Gut, vielleicht können wir unsere Instrumentenversicherung und wenn es gut läuft ein Arbeitszimmer als Betriebskosten geltend machen, das sind aber höchstens 300 Euro pro Monat, die man da abrechnen kann, da kann man nicht viel holen. Auf der anderen Seite müssen wir einen Riesenbatzen Miete zahlen, das Essen, die Ausbildung der Kinder.

Leben von Rücklagen

Euronews:
Und von was leben Sie derzeit?

Nadja Zwiener:
Also wir leben tatsächlich im Moment zum grossen Teil von unseren Rücklagen, die wir zum Teil für unsere Rente gedacht hatten und zum Teil für die Ausbildung unserer Kinder.

Euronews:_
Und was ist mit Arbeitslosengeld?_

Nadja Zwiener:
Das Arbeitslosengeld-2 ist in unserem Fall so bemessen, dass wir die Miete bezahlt bekommen. Wenn man sich dann allerdings ansieht, was übrig bleibt, dann reicht das nicht für solche Sachen wie eine ordentliche Renteneinzahlung, das wird davon nicht gedeckt, auch nicht das Schulgeld oder der Instrumentalunterricht unserer Kinder.

Arbeitslosengeld ist Gängel-Instrument

Euronews:
Sie sind tonangebend im Londoner Ensemble "The English Concert", wie ergeht es denn ihren Kollegen auf der Insel?

Nadja Zwiener:
Ich sehe mir natürlich auch die anderen Länder an, gerade auch weil ich da Kollegen habe. Meine englischen Kollegen haben die Möglichkeit, das Durchschnittseinkommen der letzten drei Jahre zu 80 Prozent als eine Art Kurzarbeitergeld zu bekommen, vom Staat, zumindest für drei Monate. Auch in Belgien soll eine Art Kurzarbeitergeld für freischaffende Künstler eingerichtet werden, das bezieht sich auf die nachweisbaren Konzertabsagen. Das englische oder belgische Modell wäre für mich eine viel geeignetere Lösung als dieses deutsche Arbeitslosengeld, das ich als absolutes Gängel-Instrument empfinde.

Euronews:
Wie geht es denn den anderen freischaffenden Künstlern in Deutschland?

Nadja Zwiener:
Ich glaube, für viele ist das im Moment eine ganz schlimme Situation. Wenn man die Zahlen der Künstlersozialkasse zu Hilfe zieht, kommt man bei Musikern und anderen freischaffenden Künstlern in Deutschland auf ein Durchschnittseinkommen von 14.500 Euro im Jahr, das ist nicht viel, davon kann man nicht viele Rücklagen bilden, das bricht jetzt alles weg. Es wird auf Arbeitslosengeld-2 verwiesen, doch das ist für viele meiner Kollegen keine Lösung.

Euronews:
Wie sieht es in ihrem Bekanntenkreis aus?

Nadja Zwiener:
Viele sind verzweifelt, suchen sich andere Berufe. Ich habe eine Freundin, die jetzt beim Bäcker um die Ecke arbeiten darf und das durchaus als Chance sieht. Ich lasse das jetzt einfach mal so im Raum stehen. Allerdings ist sie eigentlich eine fantastische Musikerin. Ich finde es unglaublich schade, dass man in so eine Situation gedrängt wird, in der man dann denkt: Ist das wirklich ein Beruf, die Musik, der mich krisensicher durch mein Leben führt?

"Ich habe mein gesamtes Leben hier investiert und bin jetzt am Existenzminimum. Ist es wirklich wert, der Gesellschaft mein Talent zur Verfügung zu stellen, dass ich so wenig wertgeschätzt werde?"
Nadja Zwiener
Geigerin

Euronews:
Die Ausbildung zum Musiker ist ja eine sehr lange...

Nadja Zwiener:
Ich übe, seit ich sechs Jahre alt bin. Mein Instrument habe ich nicht erst nach der Schule, nach dem Abitur gelernt. Ich habe mein gesamtes Leben hier investiert und bin jetzt am Existenzminimum. Ist es wirklich wert, der Gesellschaft mein Talent zur Verfügung zu stellen, dass ich so wenig wertgeschätzt werde?

Euronews:
Die Kompetenz für Kultur ist in Deutschland Ländersache. Macht sich das bemerkbar?

Nadja Zwiener:
Der Flickenteppich in den verschiedenen Bundesländern macht es uns Musikern noch schwieriger, sich untereinander Ratschläge zu geben. Wir sind jeweils mit völlig anderen Situationen konfrontiert. Das resultiert in Unterschieden von mehreren Tausend Euro.

Euronews:
Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen freien Musikern und festangestellten Orchestermusikern, was Covid-19-Hilfen betrifft?

Nadja Zwiener:
Deutschland ist eine Kulturnation und da sind wir stolz drauf. Aus meiner persönlichen Perspektive, ich bin sozusagen Mitglied der freien Kulturszene, sieht es ein bisschen einseitig aus, weil natürlich sehr viel Geld in die Kultur fließt - aber in erster Linie für die Festangestellten bei Opernhäusern und Konzertsälen. Teilweise haben die Orchestermusiker noch nicht einmal Kurzarbeit - obwohl sie nicht auftreten - und bekommen in einigen Fällen 100 Prozent ihres Gehaltes. Das fühlt sich schon etwas ungerecht an für uns aus der freien Kulturszene, wo es plötzlich von 100 auf null geht.