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OECD: Im Kampf gegen das Virus alle Gelder einsetzen!

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OECD: Im Kampf gegen das Virus alle Gelder einsetzen!
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Die Welt erlebt die schlimmste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten, ausgelöst durch die Covid-19-Pandemie. Auch wenn viele Länder beginnen, ihre Beschränkungen aufzuheben, wird der wirtschaftliche Aufschwung nicht so bald an Fahrt gewinnen. Nach Ansicht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wird diese globale Krise weltweit schlimme Folgen haben. Darüber spricht euronews-Wirtschaftsredakteurin Sasha Vakulina mit dem OECD-Generalsekretär Angel Gurría, der aus Paris zugeschaltet ist.

Euronews-Wirtschaftsredakteurin Sasha Vakulina:
Die meisten Prognosen gehen von einer wirtschaftlichen Erholung ab der zweiten Hälfte dieses Jahres aus. Aber laut dem OECD-Ausblick könnte es eher langsamer gehen. Welches sind die lang anhaltenden wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie?

Angel Gurría, OECD-Generalseketär:
Zuerst einmal prognostizieren wir minus sechs Prozent für die Weltwirtschaft im Jahr 2020, falls die Pandemie nicht wieder auftritt. Wenn es eine zweite Welle gibt, gehen wir von einem Rückgang von bis zu siebeneinhalb Prozent aus, vielleicht sogar noch mehr. Und der Grund dafür ist unter anderem, dass sich das Vertrauen wieder erholen muss. Investitionen müssen wieder anlaufen, Handelsspannungen müssen verschwinden. Aber es gibt auch die Schulden - von den Regierungen, den Unternehmen und den Haushalten. Und das wird den Wirtschaftsaufschwung etwas schwieriger machen. Wir haben es also eher mit einer allmählichen als mit einer schnellen Erholung zu tun.

Wer bezahlt die Schulden?

Euronews:
Wenn es um das Thema Schulden geht, wächst die Sorge, dass die nächste Generation für die Krise bezahlen wird.

Angel Gurría:
Es ist immer die nächste Generation, die die Schulden bezahlt. Daran hat sich nichts geändert. Nur muss DIESE Generation genug ausgeben, um das Virus zu besiegen. Man muss alles Geld, das man hat, dafür einsetzen! Man muss den Kampf gegen das Virus gewinnen! Die Schulden sind eine Folge des Sieges gegen das Virus. Aber die Krise wird Konsequenzen haben. Deshalb müssen wir die Genesung eher nüchtern sehen. Es wird länger dauern, und es wird mehr Kraft brauchen, einfach weil wir schwer in den Seilen hängen.

Euronews:

Sollten wir Ihrer Meinung nach Schulden anders beurteilen? Sollten wir Schulden nicht mehr als etwas Schlechtes ansehen, wie wir es zum Beispiel nach der Finanzkrise getan haben?

Angel Gurría:

Verschuldung ist ein Instrument, das an sich nie schlecht oder falsch ist. Man kann Schulden klug und vernünftig einsetzen, um Wachstum, Entwicklung voranzutreiben. Einige Programme sehen im Idealfall vor, dass die Projekte, die mit den Schulden finanziert wurden, sich selbst tragen oder dass sie ein globales Gut für ihre Gesellschaft, für ihr Land erzeugen, dass es wert ist, dafür zu zahlen. Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um sich um Regeln in Bezug auf die Schuldenfrage zu kümmern. Im Moment müssen wir alles geben. Zuerst müssen wir das Virus besiegen, dann müssen wir mit den Konsequenzen fertig werden.

Euronews:
Wie hat die Pandemie den Übergang von der "großen Integration" zur "großen Fragmentierung" beschleunigt, hat sie das überhaupt?

Angel Gurría:
Ich denke, allein der Ausdruck "große Fragmentierung" ist eine Übertreibung. Genauso wie die "große Integration", weil wir nie das von uns angestrebte Integrationsniveau erreicht haben. Wir sollten nicht zulassen, dass die Pandemie den Integrationsprozess aufhält. Europa wird immer mehr zusammenwachsen. Die Zukunft Europas ist die Integration. Ein integriertes Europa wird besser dran sein. Das Wohlstandsniveau wird steigen.

Die Gesundheitssysteme fallen nicht in die Zuständigkeit der Europäischen Kommission. Sie liegen in der Verantwortung jedes einzelnen Landes. Man hat es also im Grunde genommen mit unterschiedlichen Politiken zu tun und mit unterschiedlichen Vorgehensweisen, wie die Länder die Zahlen lesen und auf die Zahlen reagieren. Aber letzten Endes wurde ein ziemlich ähnlicher und ich würde sagen, ziemlich allgemeiner Ansatz verfolgt, der darin besteht, dass man in Ermangelung eines Medikaments, in Ermangelung eines Impfstoffs das tut, was effektiv das Zweitbeste ist, nämlich Shutdown und dann soziale Distanzregeln. Und man kontrolliert diesen Prozess sehr, sehr umsichtig und schrittweise.

Geben Sie nicht der Globalisierung die Schuld!

Euronews:
Steht Ihrer Meinung nach der allgemeine Trend zur Globalisierung infrage? Denn während der Covid-19-Pandemie gab es beispielsweise massive Unterbrechungen der Lieferketten.

Angel Gurría:
Geben Sie nicht der Globalisierung die Schuld für fehlerhafte nationale Politik oder den Mangel an internationaler Zusammenarbeit. Die Globalisierung beruht an sich auf einem sehr starken Fundament der internationalen Zusammenarbeit. Wenn die internationale Zusammenarbeit fehlt und es zu Handelsspannungen kommt, kann es in einigen Fällen zu militärische Spannungen kommen. Die Welt ist immer im Fluss, das kann zu Problemen und sozialen Spannungen führen. In vielen Ländern gibt es Unzufriedenheit. Dann fehlt natürlich der Klebstoff, der das Ganze zusammenhält. Der Globalisierung die Schuld daran zu geben, kann, nun ja, im Trend oder modisch sein, aber das wird Sie nicht weiterbringen, weil es zu keiner Lösung führt.

Euronews:

Es wird viel von einer neuen Normalität gesprochen, in Bezug auf soziale Distanzierung, Testverfahren, Nachverfolgen von Ansteckungsketten und Isolierung. Wie sieht die neue Normalität für die globale Wirtschaft aus?

Angel Gurría:
Die neue Normalität wird hoffentlich die Tatsache einschließen, dass wir die Gelegenheit wahrnehmen, um uns zum Beispiel an eine der wichtigsten intergenerationellen Verantwortlichkeiten zu erinnern, nämlich den Umgang mit unserem Planeten, den Umgang mit dem Klimawandel. Und deshalb gratuliere ich den Ländern, die jetzt im Aufschwung grünere Lösungen entweder in der Automobilindustrie oder in der Flugzeugindustrie oder in der Schifffahrt usw. anstreben. Sie kombinieren die Unterstützung der am härtesten betroffenen Sektoren, der anfälligen Industrien, mit einer Politik, die in eine bessere Zukunft führt.