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Libanon: Angeschlagenes Gesundheitssystem

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Libanon: Angeschlagenes Gesundheitssystem
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Der Beiruter Hafenbezirk bietet auch zwei Wochen nach der katastrophalen Explosion eines Ammoniumnitratlagers ein Bild der Verwüstung. Die Druckwelle zerstörte auch benachbarte Stadtviertel. Weiterleben nach der Katastrophe - eine Reportage aus der Hauptstadt des Libanon von Euronews-Reporterin Lea Fayad.

Wo einst das Leben tobte, Menschen lachten, flirteten und feierten, dort fehlen heute Fensterfronten. Mauern sind von Rissen durchzogen, zehntausende Menschen leben in Ruinen. Wieviele Menschen sind obdachlos? Sind es zehntausende? Hunderttausende? Erste Schätzungen wurden nach oben korrigiert, mittlerweile kursiert die Zahl von 300.000 Menschen, deren Wohnung ganz oder teilweise zerstört oder schwer beschädigt wurde.

Noch sind sie in aller Erinnerung, die grauenhaften Bilder jener Sekunden, die das Antlitz der libanesischen Hauptstadt wohl für lange Zeit verändert haben. Noch haben die Menschen hier den Nachklang der Explosion, der Schreie der Tausenden Verletzten im Ohr. Noch können die Einwohner Beiruts nur schlecht in den Schlaf finden, werden heimgesucht von Albträumen, wachen nachts auf. Die Explosion hat Familien auseinandergerissen, Menschen getötet, Körper und Seelen verstümmelt. Doch das Leben geht weiter.

Die vierköpfige Familie Mitri sprach mit unserer Libanon-Korrespondentin vor Ort, im Stadtviertel Mar Mikhael. Beiruter Bausachverständige haben die Statik des Gebäudes untersucht. Es ist einsturzgefährdet. Die Experten rieten der Familie dringend zu einem Wegzug. Das Dach ist weg, die Türe kaputt. Die Familie will trotzdem bleiben.

Joseph Mitri erklärt diese Entscheidung so: "Wir haben weder Strom noch Telephon, die Schäden sind enorm. Aber wo sollen wir denn hin? Die Türen unserer Wohnung schließen nicht mehr, es könnten Diebe kommen. Hier bei uns wurde bereits eingebrochen."

Angst vor Plünderern

Viele Menschen im Viertel äußern sich ähnlich. Die Angst vor Plünderern ist allgegenwärtig. Insbesondere zahlreiche ältere Menschen hängen an ihrem Stadtbezirk, ihrer Straße, wollen nicht in eine Notunterkunft ziehen. Doch die Risiken des Bleibens sind real, die Bausubstanz und Statik unzähliger Gebäude ist derart "angeschlagen", dass man hier echte Einsturzrisiken nicht von der Hand weisen kann.

Für die Geschädigten ist es fast unmöglich, den Wideraufbau aus eigener Tasche zu finanzieren. Bereits vor der Explosion steckte der Libanon in einer schweren Wirtschaftskrise mit galoppierender Inflation und Kapitalverkehrskontrollen. Die Menschen hier sind wütend auf die herrschende Elite.

Es steht noch Schlimmeres bevor

Anulla Armao aus dem Karantina-Viertel Beiruts deutet auf ihren Gesichtsverband: "Uns steht noch Schlimmeres bevor. Zuviele Menschen starben. Ich bin verzweifelt. Mein Auge ist weg."

Samira Helou lebt im Gemmayze-Bezirk: "Von der Regierung kam niemand hier vorbei - nur freiwillige Helfer." Und ihr Mann Tony Helou sagt: "Ich muss noch einmal operiert werden. Das ist teuer, wie alles hier im Libanon. Wir haben weder Geld für den Arzt noch für den Wiederaufbau."

Krankes Gesundheitssystem

Die Explosion erschütterte den Libanon zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Das unterfinanzierte Gesundheitssystem leidet seit Jahren an massiven Problemen, es fehlt an medizinischem Gerät und Medikamenten.

Die Weltgesundheitsorganisation bewertet die medizinische Infrastruktur der Hauptstadt Beirut als zur Hälfte nicht mehr funktionierend. Hinzu kommt COVID-19: die Infektionszahlen schnellen in die Höhe, auch die Zahl der Toten.

Der Arzt Eid Azar arbeitet im Universitätskrankenhaus Sankt Georg: "Zweierlei muss nun geschehen: Die zerstörte Medizin-Infrastruktur muss wieder aufgebaut werden und das, was noch funktioniert, benötigt direkte Finanzhilfen. Wir brauchen kreative Lösungen, damit diese Einrichtungen weiterlaufen."

Einen Generationenwechsel braucht das Land

Medizinische Soforthilfe, Feldlazarette, technische Hilfe... die Solidarität der internationalen Staatengemeinschaft ist rasch ins Rollen gekommen. Die Regierung des Libanon ist zurückgetreten. Doch der Volkszorn kocht weiter, die Menschen hier beklagen jahrelange politische Miss- und Vetternwirtschaft, Korruption. Und sie fordern nach wie vor eine internationale Untersuchungskommission.

Euronews-Korrespondentin Lea Fayad: "Die Libanesen glauben, dass jetzt nur noch ein Generationenwechsel helfen könnte: die Jugend soll regieren und neues Vertrauen aufbauen, nach innen wie nach außen."