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Streit zwischen Paris und Ankara: Was bringt der Boykott französischer Produkte?

Bei Protesten in Bagdad, Irak, wurde die französische Fahne angezündet, 26.10.2020
Bei Protesten in Bagdad, Irak, wurde die französische Fahne angezündet, 26.10.2020   -   Copyright  Khalid Mohammed/AP
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Im Streit um die Aussagen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zu den Mohammed-Karikaturen haben viele arabische Länder damit begonnen, französische Produkte zu boykottieren. Händler und Supermärkte nahmen sie aus ihrem Sortiment.

Am vergangenen Montag hatte auch der Präsident der Türkei Recep Tayyip Erdoğan die Türken dazu aufgerufen, keine französischen Produkte zu kaufen. "Scheren Sie sich nicht um Waren mit französischem Etikett, kaufen Sie sie nicht", hatte Erdoğan erklärt.

Innerhalb weniger Stunden hatte die Türkische Jugendstiftung (TÜGVA), eine regierungsnahe Organisation, eine "Boykottliste" französischer Marken in Umlauf gebracht. Sie riet der Bevölkerung, diese Produkte zu meiden.

Auf der Liste finden sich viele bekannte Namen, wie beispielsweise die Supermarktkette Carrefour, der Energieriese Total oder auch der Lebensmittelkonzern Danone, aber auch die Autohersteller Peugeot und Renault. Louis Vitton und Chanel sind ebenfalls genannt.

Während die Kampagne in den sozialen Medien Zuspruch bekam, wurde sie von anderen schnell verspottet.

Einige scherzten, dass an einem Tag, an dem die türkische Währung auf einen historischen Tiefststand von 8,55 zum Euro abrutschte, kein Grund für einen Boykott französischer Luxusmarken bestehe. Diese könne man sich ohnehin nicht leisten.

Doch es scheint nicht so, als ob Erdoğans Aufruf bald zur offiziellen Politik in der Türkei gemacht wird.

Boykott-Aufruf: "Kindisch"

Ali Babacan, ein ehemaliger Finanzminister Erdoğans, der sich inzwischen der Opposition angeschlossen hat, bezeichnete den Boykottaufruf als "kindisch".

Gegenüber der konservativen Zeitung "Karar" erklärte er: "Natürlich gibt es Produkte französischer Marken, die in der Türkei hergestellt werden. Sie werden hier hergestellt, aber die Marke ist französisch. Was werden wir tun, diese auch boykottieren? Unsere Bevölkerung arbeitet dort. Glauben Sie mir, in einer globalisierten Welt sind das nur kindische Dinge."

Eine Entscheidung der türkischen Verbraucher, sich in großer Zahl gegen den Kauf französischer Waren zu entscheiden, könnte erhebliche Auswirkungen haben - auf beide Länder.

Das türkische Statistik-Institut führt Frankreich als zehntgrößte Importquelle und als siebtgrößten Exportmarkt für die Türkei an.

So hat beispielsweise der Automobilhersteller Renault seinen Sitz in der Türkei. Im Nordwesten des Landes steht die größte Renault-Fabrik außerhalb Westeuropas. Dort arbeiten mehr als 6.000 Menschen.

Auch die Supermarktkette Carrefour ist in der Türkei vertreten. Ihre türkische Tochtergesellschaft betreibt 643 Geschäfte im ganzen Land und beschäftigt 10.500 Mitarbeiter.

Regale werden geleert

Die ersten Anzeichen für einen Boykott wurden am Wochenende in mehreren muslimischen Ländern beobachtet.

Unter den Ersten, die französische Produkte aus den Regalen sortieren, gehörten die Mitarbeiter der Lebensmittelgeschäfte Al-Meera und Souq al-Baladi in Katar,

Hani Mohammed/AP
Mitarbeiter nehmen französische Produkte aus dem Regal in Sanaa, Jemen, 26.10.2020Hani Mohammed/AP

Pakete mit Instanthefe und Schokoladenpulver, Marmeladengläser und Dosen mit Tomatenmark - alle mit dem Label "Made in France" gehörten zu den Gegenständen, die in Einkaufswagen landeten und aussortiert wurden.

Einige Geschäfte in Kuwait entfernten französische Produkte wie Kiri-Käse, Perrier-Sprudelwasser und Activia-Joghurt.

Die Universität von Katar verschob eine französische Kulturwoche auf unbestimmte Zeit mit der Begründung, sie betrachte Beleidigungen des Islam und seiner Symbole als inakzeptabel.

Aber es gab auch vorbeugende Maßnahmen von der Majid Al Futtaim Group in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), dem u.a. die Lebensmittelgeschäfte mit der Marke Carrefour in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gehören. Das Unternehmen erklärte, es beschäftige 37.000 Mitarbeiter und sei "stolz darauf, aus der Region zu kommen und für die Region zu arbeiten."

Kein "offizieller" Boykott im Nahen Osten

Professor Dlawer Ala'Aldeen, der Präsident des Nahost-Forschungsinstituts in Erbil, Irak, erklärte, es sei bezeichnend, dass noch kein muslimisches Land einen offiziellen Boykott erklärt habe.

Gegenüber euronews erklärte er: "Einige Länder, die möglicherweise die Türkei unterstützen, wie Katar, und viele Organisationen oder Unternehmen, die im Besitz ihrer Verbündeten sind, wie die Muslimbruderschaft und andere, könnten ihn umsetzen, ohne dass es eine offizielle Erklärung oder eine offizielle Verabschiedung dieser Politik gibt. Aber die meisten Länder im Nahen Osten wollen nicht so weit gehen."