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Corona hat in Bergamo auch Solidarität entstehen lassen

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Corona hat in Bergamo auch Solidarität entstehen lassen
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Das Krankenhaus in Bergamo wurde im März 2020 zum europäischen Epizentrum einer sich ausbreitenden Pandemie. In einigen Orten rund um die norditalienische Stadt forderte Covid-19 in drei Wochen mehr Menschenleben als im gesamten Jahr 2019. Die Folgen sind immer noch spürbar.

Nebel umgibt die Wallfahrtskirche der Madonna des Zuccarello in Nembro, einer der am stärksten betroffenen Gemeinden Bergamos.

"Es gab einen Tag im März, an dem das Pfarrtelefon 16 Mal klingelte, jedes Mal wurde ein neuer Toter gemeldet."
Matteo Cella
Pater

Matteo Cella ist hier seit 10 Jahren Priester. In seinem Abendgottesdienst gedenkt er oft der Corona-Toten. Zwischen März und April 2020 starben fast zwei Prozent der Einwohner Nembros:

"Hinter diesen Statistiken stehen einzelne Personen, die für unsere Gemeinde etwas ganz Besonderes waren. Nehmen Sie zum Beispiel diese 58-jährige Hebamme; sie arbeitete ehrenamtlich, eine sehr bekannte Person, immer bereit, Müttern zu helfen", erzählt der Geistliche. "Sie kümmerte sich um ihre eigene alte Mutter, bevor diese an Covid verstarb. Dann kam sie selbst ins Krankenhaus und starb eine Woche später. Wenige Wochen zuvor war sie Oma geworden. Es gab einen Tag im März, an dem das Pfarrtelefon 16 Mal klingelte, jedes Mal wurde ein neuer Toter gemeldet."

Die Sterblichkeitsrate stieg 2020 um 400 Prozent. Die Kirchen läuteten keine Totenglocken mehr; Bestattungshäuser waren überlastet. Lokale Friedhöfe mussten den Betrieb vorübergehend einstellen, Pater Cella erzählt:

"Beerdigungen fanden nur mit sehr wenigen Menschen, nur mit engen Familienangehörigen statt. Es gab nur einen sehr kurzen Beerdigungsritus, eine Segnung des Leichnams und des Ortes, an dem er begraben wurde. Ein kurzer Moment, aber es waren sehr intensive Minuten, denn es war die einzige Sprache, die einzige Möglichkeit, um ein wenig Menschlichkeit in diesen Lebensabschnitt zurückzubringen, der so vernachlässigt worden war, denn viele sind einsam gestorben, ohne ihre Lieben."

Menschen, die einsam starben

Sara und Diego haben es erlebt, dass Familienangehörige einsam starben. Der Metallarbeiter verlor innerhalb von vier Tagen sowohl seine Mutter als auch seinen Vater. Auch die Sicherheitsbeamtin am Flughafen Bergamo trauert um ihren Vater.

"Ein Mann, der immer für seine Familie da war. Er starb allein, ohne seine Kinder an seiner Seite. Meine Mutter auch. Ein System, das uns alle Rechte genommen hat. Und auch mit ihrem Vater ist das mehr oder weniger eine ähnliche Geschichte", sagt Diego Federici. Sara Invernizzi erzählt:

"Ja, auch mein Vater war jung, er war 67 Jahre alt. Er hatte keine Krankheiten, es ging ihm gut. Allerdings war er seit fünf Tagen mit Fieber zu Hause, und das Fieber wollte nicht sinken. Sein Hausarzt und auch die örtliche Gesundheitsbehörde sagten, wenn er keine Atemprobleme und keinen Kontakt mit Chinesen gehabt hätte, wäre es kein Coronavirus. Wir sollten uns keine Sorgen machen, es sei nur eine Grippe. Aber das Fieber wollte nicht sinken. Also beschloss meine Mutter, ihn in die Notaufnahme zu bringen. Mein Vater stieg noch selbst ins Auto. Sie fuhren ins Krankenhaus. Das war das letzte Mal, dass wir ihn gesehen haben."

Sara und Diego lernten sich in dieser Trauerzeit kennen. Heute leben sie zusammen. Sie sind Mitglieder bei "Noi Denunceremo", einem Verein, der Antworten und Gerechtigkeit fordert für das, was so furchtbar schiefgelaufen ist - zuerst in der Provinz Bergamo, dann überall in Italien:

"Ich bin wütend, weil meine Eltern zu früh gegangen sind", so Diego Federici. "So hätte es nicht laufen dürfen. Sie haben dieses Ende nicht verdient. Genau wie 60.000 andere Menschen es nicht verdient haben. Familien wurden ruiniert und für immer gezeichnet von dieser verdammten Sache. Jetzt kämpfen wir. Wir kämpfen für Gerechtigkeit, wir versuchen zu verstehen, was möglich war und was nicht. Wir wollen wissen, ob die Regeln befolgt wurden."

Tage voller Tragödien

In diesem Durchgangstestzentrum in Mailand werden zwischen 300 und 500 Personen pro Tag getestet. Zum medizinischen Personal gehört der 29-jährige Hauptmann Karim Rachedi. Der Militärarzt ist ein Veteran, der in Afghanistan und im Libanon im Einsatz war. Zu Beginn der ersten Corona-Welle wurde er im Krankenhaus von Bergamo eingesetzt, das damals an der Belastungsgrenze war.

An einem seiner freien Tage geht er mit dem Reporter zurück zu seinem alten Arbeitsplatz, an dem sich damals täglich Tragödien abspielten:

"Ich erinnere mich an einen Mann, der weinte, er konnte nicht aufhören zu weinen", erzählt Rachedi. "Ich sprach ihn an. Er erzählte mir, dass sein Sohn seit mehreren Tagen hier im Krankenhaus liegt und er sehr besorgt sei. Also schaute ich im Computer nach, wie es seinem Sohn ging. Der war 1977 geboren, er war sehr jung. Ich sah, dass er auf der Intensivstation lag. Also rief ich dort an, um zu erfahren, wie es ihm ging. Man sagte mir, dass er vor ein paar Minuten gestorben sei. Ich war noch nie in einer solchen Situation gewesen. Ich drehte mich um, um einem Vater zu sagen, dass sein Sohn gerade gestorben war."

Und doch waren seine 2 Monate im Krankenhaus auch ermutigend, erzählt der Militärarzt: "Meine schönste Erinnerung ist, als einer unserer Patienten zurückkam, den wir ein paar Tage zuvor entlassen hatten und der in einer ziemlich kritischen Situation eingeliefert worden war. Er war Schreiner und kam mit einem kleinen Holzherzen zurück, auf dem stand 'mola mia', das ist Bergamo-Dialekt für 'non mollare mai' niemals aufgeben."

Lernen mit der Pandemie zu leben

Bergamo und die Gemeinden der Provinz lernen immer noch, mit der Pandemie zu leben. Pater Matteo bietet oft Unterstützungstreffen für Teenager an, deren Leben aus den Fugen geriet. Neben Trauer und Schmerz hat die Tragödie laut dem Geistlichen ein neues Gefühl der Zugehörigkeit und Solidarität entstehen lassen:

"Einige haben die Pandemie genutzt, um intensiv nach Wegen zu suchen, der Gemeinschaft, der Welt nützlich zu sein", meint der Pater. "Andere haben verstanden, dass sie ihr Leben ernster nehmen, dass sie mehr Verantwortung übernehmen müssen, und sie haben entsprechend an sich gearbeitet. Natürlich haben nicht alle Menschen so reagiert, nicht jeder hat diese Gefühle durchlebt. Aber es gibt die positiven Beispiele von Menschen, die sich nicht von Angst und Resignation haben besiegen lassen."