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Bosnien und Herzegowina: Die Müllkippe des Todes

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Von Hans von der Brelie
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Vor der tintenblauen Wand der Gewitterwolken schraubt sich ein surreales Ballett unzähliger Plastiktüten in den Himmel. Eine massive Kaltluftfront wälzt sich das Tal der Neretwa von Norden herab Richtung Mostar, trifft auf schwülwarme Mittelmeerluft. Die Böen greifen unter den Müllberg von Mostar, wirbeln ihn auf. Eine Staubsäule türmt sich, fegt wie ein rauher Besen aus Deponie-Dreck und Gestank durch die Gassen der Vorstadtdörfer. Inmitten des unterweltlichen Herbststurmszenarios tanzen unzählige Vögel, krankes Krächzen mischt sich in das Gebrüll des Unwetters.

Uborak – aus dem Monstermüllberg quillt schwarzes Sickerwasser. Es stinkt. Ich muss kotzen.

Uborak – für die Menschen hier klingt der Namen der Müllkippe wie: Krebs, Gift, Missbildungen, Tod.

Uborak – das ist eine der umstrittensten Mülldeponien in Bosnien und Herzegowina. Die Deponie ist voll. Voller geht nicht. Sagen selbst die Offiziellen hier. Und doch herrscht emsiges An- und Abfahren der orangenen Mülllaster aus der Großstadt Mostar, hunderttausend Einwohner. Wohin soll er auch gebracht werden, der Müll der Großstadt. Eine andere Kippe ist nicht Sicht, weit und breit.

Zusammen mit Omer schlage ich mich durch dichtes Gestrüpp. Seit Omer Proteste organisiert, zusammen mit seinen Nachbarn, mehrfach die Deponie blockiert hat, ganz Mostar lahm gelegt hat mit seinen Aktionen, seitdem darf Omer nicht mehr das Deponiegelände betreten, nun, gewissermaßen verständlich. Omer will trotzdem dahin. Wieder einmal. Eine leere Plastikflasche in der Hand, eine Lederjacke über den Schultern, entschlossener Gesichtsausdruck. Wenn er schon nicht zum berühmt-berüchtigten Sickerwasserbecken von Uborak kann, dann will er zumindest an den Rand des Müllbergs. Der ist nämlich nicht ganz dicht.

Schwarze Brühe sammelt sich am Fuß der Deponie. Omer hat an alles gedacht – selbst an Schutzhandschuhe. Sorgfältig streift er sich die babyblauen Plastikdinger über die Finger, kniet sich über die Drecksbrühe, taucht vorsichtig die Flasche hinein. Kleine Bläschen blubbern auf der Oberfläche der Sickerwasserpfütze. Dann ist die Flasche voll mit den Ausscheidungen der „Müllkippe des Todes“. So nennen Omer und seine Nachbarn die Kippe hier.

Die Deponie begann ihre Karriere in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die jugoslawische Volksarmee wusste nicht so richtig, wohin mit all dem Dreck aus Baracken und Geräteschuppen. Praktisch, dass da dieser 50 Meter tiefe Karst-Trichter direkt vor dem Standort war. Rein und weg, so war das damals eben. Dumm nur, dass ein Karst-Trichter ein Karst-Trichter ist, kein abgedichteter Grund für eine Deponie. Karst, das heißt: Kalkstein, Untergrundkanäle, Löcher, Gänge, Erosion, tausendundeine Verbindungen zum Grundwasser…

"14 oder 15 meiner Nachbarn sind an Krebs verstorben"

In den 80er Jahren übergab das Militär die wilde Kippe der Stadt Mostar. Die Geburtsstunde der „offiziellen“ Großstadtdeponie. Kleiner Haken: An so etwas wie eine Umweltverträglichkeitsprüfung dachte damals wirklich absolut niemand hier in der Gegend. Später auch nicht.

Omer kommt aus dem Erzählen gar nicht mehr raus, man spürt, der Mann will sich die Sorgen von Jahren von der Seele laden. Omer redet und redet und redet… berichtet von Deponiebränden, toten Schafen, die auf die Kippe gekarrt wurden, von Krankenhausmüll, von illegal abgeladenem Klärschlamm voll mit PCB.

Ok, ok – hört sich nicht gerade nach einem Rezept aus der Küche eines Sterne-Kochs an, aber muss man deswegen gleich von einer „Müllkippe des Todes“ sprechen?, frage ich mich dann doch. – Omer nimmt mich mit zu einem seiner Freunde. Auch Nasuf wohnt in Sichtweite der Deponie. Wir trinken erst einmal einen selbstgebrauten starken Kaffee, draußen fallen die ersten schweren Regentropfen vom Himmel. Die Katze Tiki versucht, mir den mausgrauen Windschutz vom Kameramikrofon zu greifen. Nasufs Frau muss lachen – obwohl ihr zum Weinen zumute ist. Sie hat Angst. Vor der Deponie. Vor dem Wind. Vor dem Staub, der mehrmals in der Woche einen dichten Schleier über Dorf und Vorgarten legt. Dann rennt sie zu allen Fenstern, auch im Hochsommer. Alles zu.

Nasuf nimmt mich mit im Auto. Die Fahrt ist kurz, drei Quergassen weiter halten wir an einer niedrigen Mauer. Der neue Friedhof. Nasuf geht traurigen Blicks in eine Ecke des Geländes. Eine grauweiße Stele. Goldene Lettern: Vahid, 1959 bis 2017. Vahid, das war ein guter Freund, ein Nachbar aus derselben Straße im Dorf, jemand, mit dem Nasuf durch dick und dünn gehen konnte. Nasuf erinnert sich: Raki haben wir zusammen getrunken, uns gegenseitig besucht, Familienausflüge unternommen, Spaß gehabt, gemeinsam gelacht...

Dann kam der Krebs. Vahid starb. Vahids Bruder starb. Auch an Krebs. Nasufs Vater starb. Wieder: Krebs. Und so ging es weiter… Der Krebstod wanderte durch die Gassen des Dorfes neben Uborak, senste sich durch die Nachbarschaft. „Hier im Dorf leben etwa 140 Familien“, sagt Nasuf mit belegter Stimme. „Ich habe mich heute morgen mal in Ruhe hingesetzt und alles durchgerechnet: 14 oder 15 meiner Nachbarn sind in den vergangenen zehn Jahren an Krebs verstorben.“

Hundertfach überhöhte Arsenwerte und viel zu viel Schwermetall

Inzwischen ist die Dunkelheit über Uborak hereingebrochen. Omer und Nasuf treffen sich mit ihren Nachbarn in einem bescheidenen Vereinslokal. Omer hat einen Stapel eng bedruckter Papiere dabei, legt ihn vor sich auf den Tisch. Es sind die Laborergebnisse der Sickerwasseruntersuchung vom Sommer. Zusammen mit dem Investigativ-Recherchezentrum CIN in Sarajewo haben sie sich den Luxus geleistet, die Probe beim besten Labor des Landes einzureichen. Nicht ganz billig – aber seriöser geht es nicht mehr. Da stimmt jede Stelle hinter dem Komma… - „Die Ergebnisse sind grauenhaft“, sagt Omer. „Die Verschmutzung ist enorm: Kupfer, Blei, Zink. Aber das Schlimmste ist der hohe Arsenanteil – der liegt um den Faktor hundert über dem gesetzlich erlaubten Limit!“

Die Selbsthilfegruppe der Nachbarn hat Klage eingereicht. Und wurde ihrerseits verklagt. Denn die Anwohner haben sich etwas getraut, was hier eigentlich nicht zum Alltag gehört: Sie haben mit Sitzblockaden die Deponie lahm gelegt. Mehrfach. Tagelang. Bis die Polizei kam.

Wer ist verantwortlich für den Müllskandal? Warum wurde immer noch kein anderer Standort gefunden? Warum dauert es so lange? Was ist der Grund, dass die Deponieberge immer noch das giftige Sickerwasser absondern? – Viele meiner Gesprächspartner sagen, es liegt am System. Nun, es stimmt schon. Bosnien und Herzegowina ist nicht gerade der einfachste Staat der Welt, die Institutionen sind organisiert wie ein Blätterteig aus unzähligen Schichten. Da ist es einfach, sich wechselseitig die Verantwortung zuzuschieben, von der Stadt auf den Kanton. Vom Kanton auf die Bundesebene. Oder sonst wohin. Das wird in Bosnien-und-Herzegowina gerne und oft gemacht, dieses Verschieben der Zuständigkeit. Nicht immer zum Besten der Bevölkerung.

Aber da sind auch Faktoren, die es nur in Mostar gibt. Die Stadt liegt direkt auf einer Konfliktlinie des jugoslawischen Bürgerkrieges – dessen Wunden immer noch nicht ganz verheilt sind. Die Großstadt wird seit Jahrzehnten von kroatischen und bosnischen Nationalisten verwaltet. Beide ethno-zentristischen Parteien haben ihre Gefolgsleute an die Spitze der wichtigsten öffentlichen Betriebe und Verwaltungen platziert. In Mostar gibt es fünf Müllentsorgungsunternehmen. Fünf. – Manche Bewohner von Mostar sprechen von Müll-Mafia.

Müll-Mafia und Müllentsorgungsunternehmen als schwarze Kasse

Der Bürgermeister der Stadt hat „keine Zeit“ für ein Interview. Angefragt habe ich rechtzeitig. Na ja, gehört mit zum Job. Also reden wir halt mit anderen Leuten, beispielsweise mit Amna Popova. Die Frau ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Nicht nur wegen ihres Engagements für die Umwelt. Sie ist einer der Motoren der Zivilgesellschaft, kennt sich aus mit IT und Schiffsbau, stand an der Spitze eines Radiosenders, sitzt im Aufsichtsrat einer Einrichtung für Behinderte, meldet sich zu Wort, wenn so etwas wie eine öffentliche Debatte entsteht.

Bei den jüngsten Lokalwahlen hatte sie für den Stadtrat von Mostar kandidiert – und um Haaresbreite verloren. Es lag an wenigen Dutzend Stimmen, die am Ende fehlten. Wahlbetrug, sagt Popovac. Sie bestand auf einer Neuauszählung der Stimmen und in der Tat, die Wahlkommission gab ihrem Gesuch nach und ließ zumindest einen Teil der Stimmen nachzählen. Einige Unregelmäßigkeiten kamen zutage. Für Popovac reichte es trotzdem nicht bis in den Stadtrat.

Derzeit reist sie quer durch Bosnien und Herzegowina, trifft sich mit Organisationen und Vereinen, versucht quer durch alle Bevölkerungsschichten und Gruppenzugehörigkeiten so etwas wie eine „grüne Partei“ auf die Beine zu stellen – in der es keine Rolle mehr spielen soll, ob man „kroatische“, „serbische“ oder „bosnische“ Eltern hat.

Bei einem Spätnachmittagsspaziergang über eine der unzähligen wilden Müllkippen rings um Mostar versucht mir Popovac Zusammenhänge auseinanderzusetzen, die schwer zu verstehen sind. Die Frau im roten Blazer nimmt kein Blatt vor den Mund. HDZ und SDA, die kroatische und bosnische Partei, die hier in Mostar das Sagen haben, hätten sich die Stadt unter sich aufgeteilt, seit Jahrzehnten schon. „Die hier regierenden Parteien missbrauchen die Müllentsorgungsunternehmen als ihre schwarze Kasse“, legt Popovac den Finger auf die Wunde.

Ist das Missmangagement beim Müll Schuld an steigenden Krebszahlen?

„Wenn hier mal die Finanzinspektion einen Blick drauf werfen würde, dann würde jemand recht schnell im Gefängnis landen!“ – Dann kommen die Details, es geht um Wahlkampffinanzierung im gesetzlichen Graubereich, die Rede ist von Fake-Werbekampagnen der Müllentsorgungsunternehmen, also bezahlte Werbezeit in Fernsehen und Radio – genutzt von HDZ und SDA. Vetternwirtschaft, wechselseitiges Zuschanzen von Aufträgen, Koffer voller Geld… es wird rasch sehr dubios.

Ich habe immer noch nicht das Gefühl, alles verstanden zu haben. Es gibt doch Ärzte hier, ein Gesundheitsamt, Aufsichtsbehörden, oder? Also auf zum Gesundheitsamt. Der Direktor wurde gerade ausgetauscht, vor wenigen Tagen erst. Er zeigt mir den spartanisch ausgestatteten Labor-Keller. „Früher arbeiteten hier 60 Angestellte“, sagt der Mann mit den buschigen Augenbrauen und freundlichem Blick. „Heute sind es nur noch 30.“

Mitleidstour gilt nicht, denke ich mir und packe den Papierstapel mit den Laborergebnissen des Uborak-Sickerwassers aus, den mir Omer geliehen hat. „Hundertfach überhöhte Arsenwerte, viel zu viel Schwermetall – kann denn das nicht ein Grund für die hohen Krebszahlen sein, von denen die Anwohner der Deponie berichten?“, will ich wissen.

Der Gesundheitsamtleiter setzt sich seine Brille auf, wirft einen kurzen Blick auf den Ausdruck. Dann stimmt er mir zu, ja doch, das könnte ein Grund sein! – Unglaublich, denke ich mir. „Ja und warum können Sie mir dann keine konkreten Zahlen vorlegen zu Uborak, wie viele Leute dort in der Nachbarschaft an Krebs erkrankt sind“, will ich wissen. Nun, das sei halt ein Budgetproblem, meint der Direktor, „aber wenn es ein Projekt gibt und jemand dafür bezahlt, dann machen wir alle Analysen, die möglich sind!“