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"Endemisch heißt nicht harmlos": Was jetzt oft missverstanden wird

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Von Alexandra Leistner
Masken sollen tragen zur Eindämmung der Pandemie bei. Doch viele Menschen sehnen sich ein Ende der Maßnahmen herbei. Ist das der Fall wenn das Virus "endemisch" wird?
Masken sollen tragen zur Eindämmung der Pandemie bei. Doch viele Menschen sehnen sich ein Ende der Maßnahmen herbei. Ist das der Fall wenn das Virus "endemisch" wird?   -   Copyright  Eugene Hoshiko/AP

Steht das Ende der Pandemie bevor? Nach zwei Jahren Restriktionen sieht es so aus, als würde Omikron die Dynamik des Virus verändern. In immer mehr Ländern fällt die Maskenpflicht im öffentlichen Raum weg, Quarantäneregeln wurden gelockert und auch andere Restriktionen werden überdacht, es gibt zudem immer weniger Reisebeschränkungen.

Es fühlt sich erstmal an wie ein Deja-Vu, denn zwischen den Corona-Wellen wurden die Maßnahmen meist gelockert, um dann wenige Monate später wieder eingeführt zu werden. Was ist also anders zu Beginn des Jahres 2022?

Im Gegensatz zu den Lockerungen im vergangenen Sommer sind die Infektionszahlen momentan auf Rekordniveaus. Bei fast 250.000 neuen Fällen wäre Gesundheitsexpert:innen und Politiker:innen vor Omikron noch schwindlig geworden.

Doch die Virusvariante, die Ende November zuerst von Forscher:innen in Südafrika identifiziert wurde, stellt trotz ihrer schnellen Verbreitung ein geringeres Risiko für schwere Krankheitsverläufe bei geimpften Personen dar.

In einem Beitrag für die Wissenschaftszeitung Nature schreibt der Oxford-Professor und Forscher Aris Katzourakis, dass das Wort "endemisch" meist in Zusammenhang mit einer Entwarnung genutzt wird. Das könne dazu führen, dass man das Virus unterschätzt. Anders als von einigen wohl angenommen, bedeute endemisch nicht "dass COVID-19 ein natürliches Ende nehmen wird", so Katzourakis.

"Endemisch bedeutet sicherlich nicht, dass die Evolution einen Krankheitserreger irgendwie gezähmt hat, sodass das Leben einfach wieder 'normal wird", erklärt Katzourakis, der unter anderem die Evolution von Viren erforscht. So seien im Jahr 2020 mehr als 600.000 Menschen an Malaria gestorben, zehn Millionen an Tuberkulose (TB) erkrankt und 1,5 Millionen starben an der TB-Infektion.

Anders als von Gesundheitspolitiker:innen suggeriert, heiße "endemisch" nicht, dass die Sars-CoV-2- Fallzahlen oder Sterbezahlen sich stabilisieren. Auch weitere Ausbrüche, wie etwa bei den Masern beobachtet, könne es weiterhin gehen.

Entscheidend sei, wie Infektionen reagiert werde. Vor allem das Auftauchen von Varianten könnte eine scheinbares Gleichgewicht wieder stören. Doch die Annahme ein Virus werde mit der Zeit harmloser, stimme nicht, so Katzourakis.

Endezimität ist weder mild noch unvermeidlich

Es gebe zum Glück ausgezeichnete Methoden, um mit dem Coronavirus - und anderen Infektionskrankheiten - umzugehen. Darunter "wirksame Impfstoffe, antivirale Medikamente, Diagnosetests und ein besseres Verständnis dafür, wie man ein über die Luft übertragenes Virus durch das Tragen von Masken, Distanzierung, Belüftung und Filterung der Luft stoppen kann".

Je mehr sich ein Virus repliziert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass problematische Varianten entstehen, höchstwahrscheinlich dort, wo die Verbreitung am größten ist.
Aris Katzourakis
Forscher und Virologe

Zudem müsse die Entwicklung von Impfstoffen vorangetrieben werden, um gegen so viele Virusvarianten wie möglich wirksam zu sein.

Allerdings könne man das Virus nur dann in den Griff bekommen - und darum geht es letztendlich bei der Hoffnung auf Normalität - wenn es eine weltweite Impfgerechtigkeit gibt. Das heißt die wirtschaftliche Situation einer Region nicht darüber entscheidet, ob ein Impftstoff dort zur Verfügung steht.

"Je mehr sich ein Virus repliziert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass problematische Varianten entstehen, höchstwahrscheinlich dort, wo die Verbreitung am größten ist.

Zu denken, dass Endemitizität sowohl mild als auch unvermeidlich ist, ist mehr als falsch, es ist gefährlich: Es bereitet der Menschheit viele weitere Jahre der Krankheit vor, einschließlich unvorhersehbarer Wellen von Ausbrüchen. Es ist produktiver, darüber nachzudenken, wie schlimm es werden könnte, wenn wir dem Virus weiterhin Gelegenheiten geben, uns auszutricksen. Dann könnten wir mehr tun, um sicherzustellen, dass dies nicht passiert", schreibt Aris Katzourakis in Nature.

Weitere Quellen • Aris Katzourakis