Warum die Coronavirus-Variante Omikron mild verläuft - aber nicht mild ist

Ein Tag an einer Wand in Rom "Want the pandemic to end?" (Du willst, dass die Pandemie vorbei geht?)
Ein Tag an einer Wand in Rom "Want the pandemic to end?" (Du willst, dass die Pandemie vorbei geht?) Copyright Gregorio Borgia/AP
Von Alexandra Leistner
Diesen Artikel teilenKommentare
Diesen Artikel teilenClose Button

In der letzten Dezemberwoche sind in Südafrika fast 900 Menschen im Krankenhaus an Covid-19 gestorben. Omikron-Infektionen verlaufen zwar in der großen Mehrheit der Fälle schwächer, die Auswirkungen sind aber dennoch nicht "mild".

WERBUNG

Als Ende November die Nachricht über eine neue, offenbar besonders ansteckende Virusvariante aus Südafrika kam, läuteten bei vielen Menschen die Alarmglocken. Gerade hatte man das Gefühl, die Pandemie mit einer Drittimpfung vielleicht in den Griff zu bekommen, da wurde die nächste Infektionswelle prophezeit.

Wissenschaftler:innen aus Südafrika hatten bei der Variante besonders viele Mutationen im sogenannten Spike-Protein ausgemacht, unter anderem soll das die Übertragung auf menschliche Zellen begünstigen.

Expert:innen machten sich sofort an die Nachforschung: Wird die Impfung gegen die Variante wirksam sein? Wie schwer verlaufen die Ansteckungen? Welche Symptome löst die Omikron-Variante aus?

Schnell gab es die ersten Omikron-Fälle auch in Europa und im neuen Jahr ist die Variante in vielen Ländern auf dem Weg die vorherige Delta-Variante zu verdrängen. Denn die ersten Vermutungen lagen richtig: Omikron verbreitet sich besonders schnell. Frankreich verzeichnet derzeit täglich mehr als 300.000 Neuinfektionen, der Ausfall zahlreicher Arbeitnehmer:innen führt langsam zu Problemen in der kritischen Infrastruktur.

Trotz der vielen Infektionen, die auch in Deutschland weiter ansteigen, scheint der Krankheitsverlauf bei Omikron-Infizierten meist milder zu verlaufen als bei Infektionen mit seinem Vorläufer Delta. Studien zeigen, dass infizierte mit der Variante ein geringeres Risiko haben, im Krankenhaus behandelt zu werden. In Großbritannien kamen halb so viele Menschen mit Omikron ins Krankenhaus wie mit Delta.

Auf Twitter warnt der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, dennoch davor, die Variante zu unterschätzen.

"#Omikron verläuft milder als #Delta. Ja das sieht stark so aus, bedeutet aber nicht Omikron ist mild!"

Nach Zahlen des südafrikanischen Gesundheitsministeriums sind in der letzten Dezemberwoche des vergangenen Jahres in Südafrika mehr als 900 Menschen durch das Coronavirus ums Leben gekommen.

Das Problem ist die schiere Anzahl an Infektionen. Auch wenn prozentual weniger Menschen schwer an Covid-19 erkranken mit Omikron, sind es mengenmäßig mehr Fälle, die stationäre Behandlungen benötigen. Dazu kommt, dass sich mehr und mehr Kontaktpersonen und positiv getestete isolieren müssen und es deswegen zu einem erheblichen Personalausfall in den Krankenhäusern kommt.

Ein US-Intensivmediziner Craig Spencer, der täglich über seine Erfahrungen in einem New Yorker Krankenhaus berichtet, schrieb am Dienstag: "Zum Glück sind die Covid-Patienten nicht ganz so krank. Aber es sind SO VIELE. (...) Selbst wenn also nur ein winziger Teil der Fälle im Krankenhaus bleiben muss, kann dies zu einem enormen Zustrom führen", so Spencer.

Die USA erfassten an diesem Dienstag zum ersten Mal mehr als eine Million Neuinfektionen an einem einzigen Tag.

WHO: Omikron ist nicht "mild"

Am Donnerstag warnte auch die Weltgesundheitsorganisation WHO davor, die Omikron-Variante als "mild" abzutun. Gefährlich, so WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus, sei die Schnelligkeit, mit der Krankenhäuser wegen der vielen Fälle an ihre Belastungsgrenze kämen.

"Wie bei früheren Varianten werden auch bei Omikron Menschen in Krankenhäuser eingeliefert und sterben", erklärte er. "Tatsächlich ist der Tsunami an Fällen so groß und schnell, dass er die Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt überfordert."

Ghebreyesus gab auf der Pressekonferenz am Donnerstag dem Westen eine Teilschuld am Auftauchen der neuen Variante. Die reichen hätten für die ärmeren Länder kaum Impfungen übergelassen und somit einen Nährboden für eine neue Variante und das weitere grassieren des Virus.

"Eine Auffrischungsimpfung nach der anderen in einer kleinen Anzahl von Ländern wird eine Pandemie nicht beenden, während Milliarden von Menschen völlig ungeschützt bleiben", sagte er.

Einig sind sich alle Gesundheitsexpert:innen darin, dass eine Drittimpfung besonders gut gegen eine Infektion und einen schweren Verlauf von Covid-19 schützt.

Welche Spätfolgen gibt es nach einer Omikron-Infektion?

In einer vorläufigen Studie fanden Forscher:innen Hinweise darauf, dass bei Personen, die mit Sars-CoV-2 infiziert waren noch lange nach einer Infektion und Auftreten der Symptome Viren etwa im Gehirn nachgewiesen werden können.

Auch der jetzige deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach wies bereits im Juli 2020 darauf hin, dass die Spätfolgen einer Corona-Infektion in Gehirn und Leber gravierender sein könnten als Lungenschäden.

WERBUNG

In einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte Lauterbach 2020, die Langzeitfolgen von Covid könnten unterschiedlichste Formen annehmen. Besonders besorgniserregend sei das Chronic-Fatigue-Syndrom (CFS), bei dem Patient:innen noch Monate nach einer Infektion Schmerzen, Schwäche, extreme Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten hätten.

Diesen Artikel teilenKommentare

Zum selben Thema

Skepsis gegenüber Grippe-Einstufung: "Nach jeder Welle ein neuer Vorschlag"

Europa: Impfverweigerer haben es zunehmend schwer

Schulstart zum Jahresbeginn: Corona-Tests werden vielerorts knapp