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Putin, Kadyrow und Fake News: Wer ist schuld am Grauen von Butscha in der Ukraine?

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Von Euronews  mit AFP, RTS, Twitter
Butscha nach dem Massaker
Butscha nach dem Massaker   -   Copyright  Rodrigo Abd/AP Photo

Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich zunächst nicht zu den vielen Toten von Butscha in der Ukraine geäußert. Nur sein Außenminister Sergei Lawrow warf der Ukraine vor, die Szene mit den Leichen "gestellt" zu haben. In New York wiederholte der UN-Botschafter Russlands die These der Provokation und des Versuchs der Diskreditierung Moskaus. Dabei benutzte der russische Diplomat bei einer Pressekonferenz mehrmals das Wort "Krieg", das in Russland nicht für die Militäroperation in der Ukraine benutzt werden darf.

Für die BBC hat Shayan Sardarizeh nachgewiesen, dass sich anders als von Moskau behauptet, keine Leichen auf den ukrainischen Videoaufnahmen "bewegen". Vielmehr sorgen wohl Regentropfen auf der Kamera für einen Spiegeleffekt.

Viele Staats- und Regierungschefs in Europa machen Putin für die Kriegsverbrechen verantwortlich - die es aber noch zu untersuchen gilt. Verantwortlich für die juristische Aufarbeitung ist der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. Da es dem IStGH (englisch: International Criminal Court, ICC) an Geld fehlt, hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nach einem Telefongespräch mit seinem Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj 490.000 Euro zur Untersuchung von mutmaßlicher russischer Kriegsverbrechen angekündigt.

Was aus Butscha bekannt ist

US-Satellitenaufnahmen zeigen, dass die Leichen mehrere Tage in den Straßen von Butscha lagen und dass lange vor dem vergangenen Wochenende ein Massengrab in der Nähe der Kirche angelegt worden war.

Nach Angaben von ukrainischen Behörden wurden mehr als 400 Leichen gefunden.

Im Schweizer Fernsehen RTS Info erzählt ein Bewohner des Ortes in der Nähe von Kiew: "Es war wie auf einer Safari. Die Russen schossen auf jeden, sie schossen auf alles, was sie sahen. [...] Sie waren alle betrunken. Sie liefen herum und sagten 'Wir haben den Befehl, euch alle zu töten' und sie gingen von Tür zu Tür, von Keller zu Keller und holten die Leute raus...".

"Meine Leute sind aus Spaß oder aus Wut erschossen worden“, sagt der Bürgermeister von Butscha, Anatoli Fedoruk, der italienischen Zeitung "Corriere della Sera". "Die Russen haben auf alles geschossen, was sich bewegt hat: Passanten, Leute auf Fahrrädern, Autos mit der Aufschrift ‚Kinder‘." Der Bürgermeister ist überzeugt: "Butscha ist die Rache der Russen für den ukrainischen Widerstand."

Die Investigativ-Plattform Bellingcat zitiert das russische Medium TV Zvezda vom 1. April: "Luftlandeeinheiten haben in Zusammenarbeit mit den Marineinfanteristen die Aktionen der feindlichen Kräfte in Richtung Gostomel - Bucha fünf Tage lang erfolgreich aufgehalten. Dadurch konnten die Marines das Gebiet vom Fluss Irpin in Richtung Kiew mit einer Gesamtlänge von fünf Kilometern vollständig unter ihre Kontrolle bringen.(...) Der Kommandeur einer der Marineeinheiten, Alexej Schabulin, erklärte, dass die russischen Marineinfanteristen derzeit Such- und Aufklärungsoperationen durchführen und Siedlungen säubern, um dort Fuß zu fassen."

Tschetschenische Kämpfer in Butscha

Der Sender Belsat zitiert Augenzeugen aus Butscha, die berichten, dass tschetschenische Kämpfer von Ramsan Kadyrow besonders brutal vorgegangen sind.

Auch der russische Investigativ-Journalist Christo Grozev geht davon aus, dass Einheiten des tschetschenischen Anführers an den Massakern beteiligt waren. Mit "Rosgvardia" wird in Russland die Nationalgarde bezeichnet, die sogenannten Kadyrowzy - die paramilitärische Einheit von Ramsan Kadyrow - geht traditionell mit besonderer Härte auch gegen Zivilisten vor.

Der Psychologe Hans-Werner Reinfried sagt im Interview mit 20 Minuten: "Ein paar krankhafte Sadisten, die ihre Neigungen ausleben, gibt es wohl leider in jedem Krieg. Ein Beispiel dafür ist Ramsan Kadyrow, der Krieg mit seiner Truppe blutiger Schlächter zum Beruf gemacht hat. Solche Männer sind aber klar zu unterscheiden von den jungen russischen Soldaten. Auch sie wurden zwar seit Jahren mit Putins Ideologie verseucht, müssen in den Schulen Loblieder auf den russischen Staat singen und geloben, dass sie ihn verteidigen und vergrössern werden. Doch auf die Realität, die sie im Krieg antreffen, hat sie das nicht vorbereitet."

Russland-Expertin Geneviève Piron - die in Tschetschenien für das IKRK gearbeitet hat, sagt, dass sie die vielen Toten von Butscha nicht überrascht haben. "Es ist ein Krieg, und wir wissen, wie Kriege verlaufen (...) es ist wie ein Feuer, und es wird immer schlimmer".

Butscha erinnert an Grosny und Aleppo

Der GUARDIAN erinnert daran, dass Wladimir Putin in Tschetschenien zunächst auf mehr Widerstand stieß als erwartet und dann mit brutaler Härte vorging: "Die Vereinten Nationen bezeichneten Grosny im Jahr 2003 als die am stärksten zerstörte Stadt der Welt, bei deren Belagerung zwischen 5.000 und 8.000 Zivilisten getötet wurden. Während der Schlacht um Aleppo im Jahr 2016 eroberte Russland die von Rebellen gehaltenen Gebiete der Stadt für den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad durch eine einmonatige Luftangriffskampagne zurück und tötete Männer, Frauen und Kinder."

Nach dem Tschetschenien-Krieg machte Putin den Sohn des ermordeten tschetschenischen Präsidenten zum Oberhaupt der russischen Teilrepublik. Gegen Ramsan Kadyrows brutales Vorgehen ist keine Kritik des russischen Präsidenten bekannt.

Auf Twitter hat die ukrainische Gruppe "Inform Napalm" die Namen von einem mutmaßlich für das Massaker von Butscha verantwortlichen russischen Kommandeur - mit Foto - veröffentlicht. Es soll sich um eine Einheit handeln, die aus der Chabarowsk-Region an der Grenze zu China kommt.

Die Rolle des russischen Staatsfernsehens

Der inhaftierte Kreml-Kritiker Alexej Nawalny berichtet auf Twitter, wie er als ganz normaler russischer Fernsehzuschauer von den ungeheuerlichen Geschehnissen in Butscha in der Ukraine erfahren habe. In den Nachrichten war von einer Sitzung der UN-Sicherheitsrates die Rede wegen eines Massakers - verübt von ukrainischen Nazis in Butscha.

Nawalny nennt die Mitarbeiter der russischen Staatsmedien "Goebbels Erben" und schreibt: "Die ungeheuerlichen Gräueltaten in Buka, Irpin und anderen ukrainischen Städten wurden nicht nur von denen begangen, die friedlichen Menschen die Hände auf dem Rücken fesselten, nicht nur von denen, die ihnen in den Hinterkopf schossen. Sondern auch von denen, die daneben standen und flüsterten: "Komm schon, schieß los, gib uns schönes Material für unsere Late-Night-TV-Show"."

Schuld für die kommenden Generationen

Die russische Journalistin Yevgenia Albats schreibt in einem Kommentar für die Moscow Times: "Die ukrainischen und internationalen Ermittler werden ohne Frage den Namen der Einheit, alle Namen und Nachnamen der Männer, die diese Verbrechen begangen haben, herausfinden. Aber Russland - die russische Seite - hat ein ebenso großes Interesse daran, dass alle Namen genannt werden, denn dies ist ein Urteil. Ein Urteil gegen uns alle. (...) Selbst wenn wir offen und vollständig ermitteln, die Ergebnisse öffentlich machen und Buße tun, werden wir nicht von der Schande befreit. Aber zumindest können unsere Kinder das Argument vorbringen, dass 'unsere Eltern schreckliche Taten begangen haben, aber wir haben sie untersucht, zugegeben und um Vergebung gebetet...' Bucha, Irpin, Motyzhin - wir werden nun für immer mit ihnen leben müssen."