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Stecken wir uns alle immer wieder an? Omikron macht nicht immun gegen Corona

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Von Kirsten Ripper  & Euronews  mit SCIENCE, The Guardian
Leute in London - Symbolbild
Leute in London - Symbolbild   -   Copyright  Frank Augstein/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved

Eine Coronavirus-Studie des Imperial College London, die die Immunantwort von 731 Beschäftigten im britischen Gesundheitswesen untersucht hat, kommt zu beunruhigenden Ergebnissen. Denn sie widerlegt die allgemeine Annahme, dass wer sich mit Corona infiziert, einen natürlichen Immunschub bekommt und weitere Infektionen besser abwehren kann. Stecken wir uns also alle immer wieder mit Corona an?

Befürchtet wurde schon, dass eine Ansteckung mit der Omikron-Variante nicht wirklich vor allen weiteren Ansteckungen mit SARS-CoV-2 schützt. Doch die in der Fachzeitschrift SCIENCE veröffentlichte Untersuchung zeigt, dass dreifach geimpfte Personen, die sich bereits während der ersten Welle mit dem Coronavirus infiziert hatten, nach einer Ansteckung mit Omikron gar keine verbesserte Immunantwort aufweisen.

Professor Rosemary Boyton, Immunologin und Hauptautorin der Studie, erklärt: "Eine Infektion mit Omikron bietet keinen starken Schub für die Immunität gegen eine zukünftige erneute Infektion mit Omikron. Eine frühere SARS-CoV-2-Infektion wirkt sich auf die Fähigkeit aus, die Immunität gegen eine nachfolgende SARS-CoV-2-Infektion durch einen als "immune imprinting" ("Immunprägung") bezeichneten Prozess zu stärken, und dies kann für die Untervarianten von Omikron gelten, auch für BA.4 und BA.5. " 

Einfacher gesagt: Wer schon zuvor an Covid-19 erkrankt war, bekommt gar keinen zusätzlichen Immunschutz durch eine weitere Ansteckung. Dass der Aufbau der Immunität - die Immunprägung - je nach Kontakt mit dem Virus sehr unterschiedlich sein kann, war vorher nicht untersucht worden. Doch was lernen wir daraus?

"Wie in einer Achterbahnfahrt im Horrorfilm"

Der Immunologe Professor Danny Altmann - einer der weiteren Autoren der Studie - schlägt im GUARDIAN Alarm: "Entgegen dem Mythos, dass wir in eine bequeme evolutionäre Beziehung mit einem Erkältungs-ähnlichen, freundlichen Virus schlittern, sieht es eher so aus, als seien wir in einer Achterbahnfahrt in einem Horrorfilm gefangen."

Er berichtet von der Schwierigkeit, mit dem Virus zu leben, und sagt: "Wir haben festgestellt, dass Omikron weit davon entfernt ist, ein einfacher natürlicher Booster der Impfimmunität zu sein." Zudem verweist der Forscher auf die mehr als 619.000 Fälle von Long Covid, die die Omikron-Welle laut der ONS-Daten 2022 in Großbritannien verursacht hat.

Experte Eric Topol kommentiert die Lage: "Es ist sowohl verwirrend als auch nicht wenig verheerend, dass diese mysteriöse, anhaltende Krankheit einen Weg findet, angesichts einer weitgehend geimpften Bevölkerung und einer angeblich milderen Variante weiterhin Verwüstungen anzurichten."

Die in Genf forschende Virologin Isabella Eckerle meint auf Twitter, es gebe keine einfache Lösung für das Dilemma. Wer schlau sei, versuche, bei den "sich regelmäßig wiederholenden Durchseuchungswellen" nicht mitzumachen. 

Wie ihr britischer Kollege Altmann glaubt Eckerle nicht mehr an die Herdenimmunität. Sie schreibt auf Twitter: "Die Schweiz kann immerhin interessante Daten liefern zur erhofften #Herdenimmunität: einige Kantone sind schon bei 97-98% Seroprävalenz. Trotzdem massives #Omicron BA.5 Infektionsgeschehen hier mit Hospitalisierung & Positivitätsraten".

Unterschiedliche Immunreaktionen

Bei den dreifach geimpften Proband:innen, die keine vorherige SARS-CoV-2-Infektion hatten, führte die Omikron-Infektion zu einem Immunschub gegen frühere Varianten (Alpha, Beta, Gamma, Delta und den ursprünglichen sogenannten Wuhan-Stamm), aber weniger gegen Omikron selbst. Denjenigen, die sich während der ersten Welle der Pandemie und dann später noch einmal mit Omikron infiziert hatten, fehlte jegliche Auffrischung der Immunantwort.

Nach jeder Infektion produziert der Körper Gedächtnis-B-Zellen. Es stellte sich heraus, dass 2 bis 3 Wochen nach der dritten Impfdosis die Nachweishäufigkeit von Gedächtnis-B-Zellen, die für den ursprünglichen Stamm und die Delta-Variante spezifisch sind, ähnlich war, aber gegenüber der Omikron-Variante signifikant verringert.

Neben der B-Zellen-Immunität untersuchte die Studie ihre T-Zellen-Immunität je nachdem, ob die Personen noch nie mit SARS-CoV-2 infiziert oder ob sie mit dem ursprünglichen Stamm, der Alpha- oder der Delta-Variante infiziert waren.

Bei der Fähigkeit der T-Zellen, Stellen (Epitope) des Spike-Proteins zu erkennen, beobachteten die Immunolog:innen, dass die Reaktion in T-Lymphozyten auf die Epitope des Spike-Proteins (S1-Domäne) des ursprünglichen Stamms und der Alpha- und Delta-Varianten viel stärker war als auf die der Omikron-Variante.

Immunologin Boyton stellt fest: "Unsere erste Begegnung mit dem Spike-Antigen, entweder durch Infektion oder Impfung, prägt unser nachfolgendes Immunitätsmuster durch Immunprägung."

Und auch wenn die auf Omikron angepassten Vakzine noch auf sich warten lassen: schwere Erkrankungen verhindern die aktuellen Impfstoffe in den allermeisten Fällen.