Im Iran in Haft: Auch Europäern drohen Folter und die Todesstrafe

Kämpfen für Menschenrechte im Iran
Kämpfen für Menschenrechte im Iran Copyright Martial Trezzini/AP2011
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Von Estelle Nilsson-Julien, Eva Kandoul
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Im Iran inhaftierten Europäern drohen Folter, lange Haftstrafen und einigen sogar die Todesstrafe. Die Familien einiger dieser Gefangenen haben ihre Geschichten öffentlich gemacht.

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"Mein ganzes Leben, meine Arbeit, alles ist anders, seit meine Mutter verhaftet wurde."

Mariam Claren

Mariams Mutter, die Deutsch-Iranerin Nahid Taghavi, wurde im Oktober 2020 verhaftet. Taghavi wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt und wegen Störung der nationalen Sicherheit und Verbreitung staatsfeindlicher Propaganda angeklagt. Taghavi war eine iranisch-deutsche Aktivistin, die ihr Leben den Frauen- und Arbeitnehmerrechten im Iran gewidmet hatte.

_"Es war ein Freitagabend, als sie vom Geheimdienst der Islamischen Revolutionsgarden verhaftet wurde. Meine Mutter ist deutsche Staatsbürgerin und war auf einer Reise zwischen Iran und Deutschland. Seit mehr als vier Jahrzehnten setzt sie sich für Frauen- und Arbeitsrecht, deshalb wurde sie verhaftet."
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Mariam Claren

Trotz ihrer doppelten Staatsbürgerschaft war Taghavi nicht durch ihren deutschen Pass geschützt. Der Iran respektiert das Völkerrecht nicht und erkennt die doppelte Staatsangehörigkeit nicht an", erklärt Raphaël Chenuil-Hazan, Präsident der französischen Nichtregierungsorganisation Ensemble Contre la Peine de Mort, die gegen die Todesstrafe kämpft.

"Ich schäme mich, dass ich mich vor der Verhaftung meiner Mutter nicht um die Menschenrechtsverletzungen im Iran gekümmert habe."

Taghavi, die gesundheitlich angeschlagen ist, hat mehrere Monate in Einzelhaft verbracht. Im vergangenen Sommer durfte sie das Evin-Gefängnis verlassen, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Dies wurde jedoch abgebrochen.

Unmittelbar nach der Rede der deutschen Bundeskanzlerin, in der sie die Menschenrechtsverletzungen in der Islamischen Republik Iran verurteilte, wurde sie von den Behörden aus dem Krankenhaus abgeholt", berichtet ihre Tochter. "Sie sehen, es gibt immer eine Verbindung zwischen den Aktionen des Irans und Deutschlands. Die Reaktion ist immer, den Gefangenen zu schaden."

Die psychische und physische Misshandlung der Inhaftierten ist kaum nachvollziehbar für die, die um ihre Verwandten bangen:

"Du bist immer mit verbundenen Augen in deinem kleinen Raum, nur zwei oder drei Meter groß, also ein sehr klein. So wirst du immer schwächer und schwächer. Jeden Tag bringen sie dich in die Verhörräume. Nie siehst Du die Agenten, die mit Dir sprechen. Du hast immer die Augen verbunden und bekommst keine Luft."

Mariam Claren

Ahmad Redza Djalali: 2016 verhaftet und inzwischen zum Tod verurteilt

Vida Mehrannias Ehemann Ahmad Reza Jalali mit  schwedisch-iranischer Doppelstaatsbürgerschaft, wurde 2016 von den iranischen Behörden verhaftet.

Jalali wurde wegen Spionage angeklagt und von der Islamischen Republik Iran zum Tode verurteilt, nachdem er nach Teheran gereist war, um an einer wissenschaftlichen Konferenz teilzunehmen.

"Als mein Mann in den Iran ging, war mein Sohn vier Jahre alt, meine Tochter 13. Jetzt ist sie 20, mein Sohn ist 11. Ich kann mir nicht vorstellen, in einem Zimmer zu leben, ohne medizinische Versorgung?"

Vida Mehranni

Seine Hinrichtung wurde von Josep Borrell, dem Hohen Vertreter der EU, in einer am 6. Mai veröffentlichten Erklärung "scharf verurteilt". Eine Stament, das Jalalis Familie jedoch nicht zufriedenstellte - ihre Verzweiflung wurde durch die Nachricht noch vergrößert.

"Es war furchtbar, von der Todesstrafe zu erfahren. Wir sind so nervös und gestresst, was mit meinem Mann geschehen wird. Er hat bereits viermal einen Termin für seine Verurteilung erhalten, aber er wurde noch nicht vollstreckt."

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Vida Mehranni

Vida hat zweieinhalb Jahre lang nicht mit ihrem Mann gesprochen, während er lange Zeit in Einzelhaft saß. Jetzt kann sie ihn jedoch regelmäßig für kurze Telefonate erreichen.

Laut Vida wurde ihrem Mann die Freilassung versprochen, wenn er im iranischen Staatsfernsehen ein Geständnis ablegt: "Sie sagten ihm, wenn du dieses Geständnis nicht ablegst, wird deine Familie in Schweden in Gefahr sein. Sie haben ihm gesagt, was er sagen soll."

Im Laufe der Jahre schwindet ihre Hoffnung: "Am Anfang hatte ich viel Hoffnung. Aber es ist viel Zeit vergangen, es ist ein auf und ab, weil es so hart ist. Ich kann nicht glauben, dass wir jeden Tag so weitermachen müssen."

Viele der politischen Gefangenen Iraner und auch Europäer sind im Evin-Gefängnis im Teheraner Stadtteil Evin untergebracht.

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Mehrannia erklärt, dass die Kommunikation mit anderen Geiselfamilien der Schlüssel zur Bewältigung der Situation ist: "Wir sind Teil einer Whatsapp-Gruppe, in der wir uns gegenseitig darüber informieren, wie es uns geht."

Der Austausch mit anderen Familien ist jedoch auch eine Erinnerung an die Schwere der Situation ihres Mannes: "Wir können nicht vergleichen, jeder Fall ist anders. Manche werden zu fünf oder zehn Jahren verurteilt - aber mein Mann zum Tode."

Obwohl viele europäische politische Gefangene vor der jüngsten Welle politischer Unruhen im Iran, die durch den Tod von Jina Mahsa Amini im vergangenen September ausgelöst wurde, verhaftet wurden, hat dies die Hinrichtungsraten beeinflusst. Nach Angaben der französischen Nichtregierungsorganisation Ensemble Contre la Peine de Mort (ECPM) ist die Zahl der Hinrichtungen im Jahr 2022 um 75 % gestiegen.

Jalali ist nicht der erste in Schweden lebende Iraner, der auf die vollstreckung einesTodesurteils wartet. Anfang Mai wurde Habib Chaab, ebenfalls in Besitz eines schwedischen Passes, hingerichtet. 

Chaab, dem vorgeworfen wurde, 2018 ein Verbrechen gegen eine Militärparade organisiert zu haben, lebte seit über zehn Jahren in Schweden, als er 2020 von iranischen Agenten aus der Türkei entführt wurde.

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Die, die entkommen konnten

Ehemalige Gefangene setzen ihren Kampf aus dem Ausland fort, für einige Exil-Iraner ist Europa jetzt ihre Heimat. 

Raouf war erst 20 Jahre alt, als sie im September 1981 auf der Straße verhaftet wurde. Sie wurde beschuldigt, mit den Mojahedin-Organisationen der iranischen Bevölkerung zu kollaborieren.

"In einem zehnminütigen Scheinprozess von einem Richter, der sich an die Scharia hielt, wurde ich zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt."

Massoumeh Raouf

Nach acht Monaten im Gefängnis gelang ihr die Flucht, sie suchte in den 1980er Jahren politisches Exil in Frankreich. Sie setzt ihren Kampf für die iranische Justiz fort, mit dem Nationalen Rat des iranischen Widerstands. 

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"Ich bin dankbar, dass Frankreich mir die Chance gegeben hat, hierher zu kommen."

Und es gibt immer wieder gibt es Hoffnung für die Gefangenen im Iran - am 12. Mai wurden zwei französische Staatsbürger, Benjamin Briere und Bernard Phelan, freigelassen.

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