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Schockierende Massen-Vergewaltigung sorgt für Rufe nach chemischer Zwangskastration in Italien

Menschen marschieren während einer Demonstration gegen Gewalt an Frauen in Rom, Samstag, 27\. November 2021.
Menschen marschieren während einer Demonstration gegen Gewalt an Frauen in Rom, Samstag, 27\. November 2021. Copyright AP Photo/Gregorio Borgia
Copyright AP Photo/Gregorio Borgia
Von Giulia Carbonaro
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

Die Behandlung ist bereits in mehreren EU-Ländern auf freiwilliger Basis erlaubt, aber nur in Polen ist sie derzeit für Vergewaltiger und Kinderschänder obligatorisch.

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Nach einer entsetzlichen Gruppenvergewaltigung, die das Land schockierth hat, fordert Italiens rechtspopulistischer Politiker Matteo Salvini eine umstrittene drastische Lösung: die Einführung der chemischen Zwangskastration für Vergewaltiger.

Sieben Männer im Alter zwischen 18 und 22 Jahren werden beschuldigt, Anfang Juli in der sizilianischen Stadt Palermo eine 19-jährige Frau vergewaltigt und den Angriff gefilmt zu haben.

Entsetzen und Wut über die Schilderungen

Der Fall, der erst Mitte August mit dem Beginn des Prozesses gegen die mutmaßlichen Vergewaltiger der jungen Frau bekannt wurde, hat die öffentliche Debatte in Italien angeheizt. Die Einzelheiten des Angriffs - einschließlich der Gespräche zwischen den sieben Männern - wurden von den lokalen Medien verbreitet. Sie sorgten für Entsetzen und Wut.

In der Diskussion um den Fall erklärten einige, dass "nicht alle Männer" beschuldigt werden sollten, während andere auf Italiens düstere Bilanz bei Frauenmorden und grassierender Gewalt gegen Frauen verwiesen, um zu zeigen, dass das Problem systemisch ist.

Matteo Salvini, der Chef der rechtspopulistischen Partei Lega und derzeit Italiens Minister für Infrastruktur und Verkehr in Melonis Koalitionsregierung, schaltete sich in die öffentliche Debatte ein, indem er vorschlug, Vergewaltiger sollten zur Strafe für ihre Taten chemisch kastriert werden.

"Eine Gefängnisstrafe ist nicht genug"

"Wenn man eine Frau oder ein Kind vergewaltigt, hat man eindeutig ein Problem. Eine Gefängnisstrafe ist nicht genug", sagte er.

Sechs der sieben Männer, die an der Vergewaltigung der Frau in Palermo beteiligt waren, wurden bereits verhaftet, während einer - der zum Zeitpunkt des Angriffs noch minderjährig war - nach seinem Geständnis auf freien Fuß gesetzt wurde. Nach Berichten der Familien der Männer und ihrer Anwälte haben die sechs jetzt eine harte Zeit im Gefängnis, wo sie von anderen Häftlingen bedroht werden.

Gregorio Borgia/Copyright 2022 The AP. All rights reserved
Matteo Salvini talks to journalists during a press conference to present the 2023 proposed budget in Rome, Tuesday, Nov. 22, 2022.Gregorio Borgia/Copyright 2022 The AP. All rights reserved

Salvini schlug vor, seinen Vorschlag zur Einführung einer chemischen Zwangskastration für Vergewaltiger im Parlament einzubringen. Nach seinem Plan könnte die medizinische Behandlung von einem Richter angeordnet werden, der einen Kinderschänder oder Vergewaltiger verurteilt, und würde im Falle wiederholter Straftaten automatisch erfolgen.

Die Idee wurde von vielen kritisiert, unter anderem von der Abgeordneten Laura Boldrini von der Mitte-Links-Partei Partito Democratico (PD). Boldrinen sagte, dass der Vorschlag Salvini zwar einen "politischen Konsens" verschaffen könnte, dass aber zur Lösung des Problems ein "kultureller Wandel" erforderlich sei, der in den italienischen Schulen beginnen müsse.

Chemische Kastration in einigen Ländern eingeführt

Salvini ist nicht der erste, der eine chemische Zwangskastration für Sexualstraftäter fordert - eine Maßnahme, die bereits von Ländern wie Pakistan (das sie für Wiederholungstäter eingeführt, aber 2021 wieder abgeschafft hat) und Indonesien (nur für Kinderschänder) eingeführt wurde und die Russland Berichten zufolge für Pädophile am Ende ihrer Haftstrafe einführen will.

Aber funktioniert das? Euronews hat einen Experten gefragt, wie sich die chemische Kastration auf Sexualstraftäter auswirkt und ob das Verfahren mit Blick auf die Menschenrechte überhaupt vertretbar ist.

Was ist eine chemische Kastration - und funktioniert sie?

Die Kastration kann entweder durch die physische Entfernung der Hoden eines Mannes erfolgen - die so genannte chirurgische Kastration - oder, wie von Salvini vorgeschlagen, durch die Verabreichung von Medikamenten in Form von Injektionen und Tabletten, die den Testosteronspiegel eines Mannes senken.

Zwar wurde bereits festgestellt, dass diese Praxis die Libido und die Samenflüssigkeit bei Männern verringert und mit niedrigeren Rückfallquoten in Verbindung gebracht wird. Allerdings hat sie nach Ansicht von Experten nur geringe oder gar keine Auswirkungen auf die Fähigkeit einer Person, einer anderen Person Schaden zuzufügen - einschließlich Übergriffen oder Vergewaltigungen. Die Rolle, die die Machtdynamik bei dieser Art von Aggression spielt, wird nicht thematisiert, und es wird auch nicht versucht, die gesellschaftlichen und psychologischen Probleme zu lösen, die diesen Taten zugrunde liegen.

Sexualstraftaten nicht nur wegen Testosteron

"Menschen werden nicht allein aufgrund bestimmter Hormone oder eines hormonellen Ungleichgewichts zu Sexualstraftätern", sagte Dirk Baier, Kriminologe am Institut für Delinquenz der ZHAW der Universität Zürich in der Schweiz, gegenüber Euronews.

"Die Entwicklung zum Sexualstraftäter findet in einem längerfristigen Sozialisationsprozess statt. Die Persönlichkeit, die sich in diesem Prozess herausbildet, kann dann nicht einfach durch eine medikamentöse Therapie verändert werden", sagte er weiter.

"Nach diesen Überlegungen können die Ursachen von Sexualstraftaten nicht allein auf eine Überproduktion des Hormons Testosteron zurückgeführt werden. Die medikamentöse Behandlung von Sexualstraftätern wird daher als Interventionsmaßnahme überschätzt; es gibt keine wissenschaftlichen, experimentell validierten Belege für die Wirksamkeit dieser Maßnahme."

Hinzu kommt, dass die chemische Kastration nur während der Behandlung wirksam ist und nach dem Absetzen des Verfahrens mit der Zeit wieder rückgängig gemacht werden kann - was bedeutet, dass der sexuelle Drang, der einen Straftäter dazu gebracht hat, eine andere Person zu missbrauchen, wieder aufleben kann.

Unmenschlich und entwürdigend

Es gibt auch ethische und medizinische Gründe, die gegen eine chemische Kastration sprechen: Es ist bekannt, dass die Behandlung Nebenwirkungen hat, darunter Depressionen, Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hitzewallungen, Unfruchtbarkeit und Blutarmut.

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Auch wenn die Gesundheit von Sexualstraftätern in der Öffentlichkeit wohl eher wenig Interesse weckt, so ist das Wohlergehen von Verurteilten in staatlicher Obhut doch eine Frage der Gerechtigkeit in demokratischen Systemen.

"Amnesty lehnt die chemische Zwangskastration ab, weil sie gegen das Verbot von Folter und anderer grausamer, unmenschlicher und erniedrigender Behandlung verstößt", sagte Elisa de Pieri, eine Forscherin von Amnesty International, gegenüber Euronews.

"Es stellt sich auch die Frage nach der Zustimmung der Ärzte, die gezwungen wären, etwas zu tun, was gegen das Verbot der Folter verstößt. Deshalb können wir natürlich keine Gesetzesvorschläge in dieser Richtung unterstützen", fügte sie hinzu.

Paul White/Copyright 2018 The AP. All rights reserved
FILE: Protesters against female violence & rape demonstrate while blocking the street outside the Justice Ministry in Madrid, Spain, Friday, June 22, 2018.Paul White/Copyright 2018 The AP. All rights reserved

"Aber der andere Aspekt, den wir betonen wollen, ist, dass dies eine vermeintliche Lösung ist, die sich nur an die Täter wendet, während wir aus vielen Ländern, in denen wir die Entwicklung von Vergewaltigungen beobachtet haben, wissen, dass Vergewaltigungen auf eine viel komplexere kulturelle Situation in der Gesellschaft zurückzuführen sind."

"Chemische Kastration funktioniert nicht"

Letztendlich gibt es keine schlüssigen Studien über die Wirksamkeit der chemischen Kastration bei der Verhinderung von Sexualstraftaten. "Für mich funktioniert die chemische Kastration nicht, weil die Resozialisierung von Straftätern mehr erfordert als nur die Verabreichung eines Medikaments", so Baier.

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"Solche 'technokratischen Ansichten' haben in der Vergangenheit nie funktioniert", fügte er hinzu. "Die Resozialisierung von Straftätern ist ein ebenso langwieriger und intensiver Prozess wie die Sozialisierung von Straftätern zu Kriminellen. Sie erfordert spezialisierte Fachleute - Psychologen, Sozialarbeiter - sowie ein breites soziales Netz und eine intensive Arbeit mit dem Straftäter."

Der Grund, warum einige Politiker immer wieder die Einführung der chemischen Zwangskastration fordern, ist, dass "sie Sicherheit verspricht", so Baier.

"Es ist eine Maßnahme, die in bestimmten Bevölkerungsgruppen eine hohe Zustimmung genießt und zu einem höheren Sicherheitsgefühl beiträgt. Die Mehrheit der Bevölkerung denkt: Wenn jemand kastriert ist, kann er kein Sexualverhalten mehr zeigen und somit auch nicht mehr sexuell übergriffig sein; das stimmt aber in der Regel nicht", so Baier weiter.

"Die chemische Kastration ist, wie die immer wieder geforderte Verschärfung der Strafen in der Politik, ein Narrativ, das Sicherheit verspricht, weil es einen starken Staat markiert, der gegen Verbrechen und Gewalt vorgehen kann."

Wie ist die Situation in Europa?

Eine Reihe von EU-Mitgliedstaaten bietet die chemische Kastration auf freiwilliger Basis an, da die Behandlung von Sexualstraftätern in den meisten Ländern nicht zwingend vorgeschrieben werden kann.

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In Ländern wie Deutschland und Großbritannien können gefährliche oder psychisch kranke Sexualstraftäter auf freiwilliger Basis chemisch kastriert werden, wobei die Behandlung häufig mit einer Verringerung ihrer Haftstrafe verbunden ist.

Polen ist das einzige EU-Land, das seit 2009 die Möglichkeit bietet, Sexualstraftäter zu einer obligatorischen chemischen Kastration zu verurteilen.

Im Oktober 2011 verabschiedete Russland ein Gesetz, das es gerichtlich bestellten forensischen Psychiatern erlaubt, verurteilten Sexualstraftätern, die Kinder misshandelt haben, eine chemische Kastration zu verordnen.

Die Republik Moldau, die nicht Mitglied der EU ist, stimmte 2012 dafür, die chemische Kastration für Personen vorzuschreiben, die des gewalttätigen Missbrauchs von Kindern unter 15 Jahren und der Vergewaltigung überführt wurden, wobei im letzteren Fall jedoch von Fall zu Fall entschieden wird.

Das ukrainische Parlament hat 2019 für ein Gesetz gestimmt, das die obligatorische chemische Kastration von verurteilten Pädophilen, die älter als 18 und nicht älter als 65 Jahre sind, erlaubt,

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In Europa ist die Tschechische Republik das einzige Land, das eine chirurgische Kastration zulässt - eine Option, die auf freiwilliger Basis angeboten wird. In Deutschland gab es diese Möglichkeit bis 2012, als das Land das Verfahren aufgrund der Kritik des Ausschusses des Europarats zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Strafe abschaffte.

AP Photo/Gregorio Borgia
Since the beginning of the year, 75 femicides have been reported in Italy.AP Photo/Gregorio Borgia

Was ist eine wirksame Alternative?

Anstelle der chemischen Kastration - eine Praxis, die von Menschenrechtsgruppen wie Amnesty verurteilt wird - sollten laut Baier über wirksamere Methoden zur Bekämpfung von Vergewaltigung und Sexualdelikten nachgedacht werden.

"Wirklich sinnvoll sind Lernprogramme und Therapien, die Sexualstraftätern helfen, ihr Verhalten zu reflektieren, Verantwortung zu übernehmen und alternative Handlungsstrategien zu entwickeln und einzuüben", sagte er.

"Das ist ein langwieriger, ressourcenintensiver Prozess und deshalb bei Politikern weniger beliebt. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein: Es gibt keine Abkürzung bei der Behandlung von Sexualstraftätern, indem man ihnen eine Pille gibt; es braucht viel mehr, um Menschen zu verändern."

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