Polen setzt nach 70 Jahren Planung auf Atomkraft als Schlüssel für Energiesicherheit, stabile Strompreise und CO₂-arme Zukunft. Mega-AKWs starten 2028.
Das polnische Kernenergieprogramm sieht den Bau von zwei Kernkraftwerken mit einer Gesamtleistung von bis zu 9 GW vor. Der Baubeginn des ersten Reaktors ist für 2028 geplant, die Inbetriebnahme soll 2036 erfolgen.
Die Geschichte der Kernenergie in Polen reicht bis in die 1950er Jahre zurück. Am 14. Juni 1958 ging in Świerk bei Otwock mit Unterstützung der UdSSR der Forschungsreaktor EWA (Experimental Water Atomic) in Betrieb. In den 1970er Jahren folgte der Bau des MARIA-Reaktors, der bereits von polnischen Fachleuten entworfen wurde. Die 30-MW-Anlage ist bis heute am Nationalen Zentrum für Kernforschung in Betrieb und hat kürzlich eine unbefristete Betriebsgenehmigung erhalten.
Milliardeninvestition an der Ostsee
Das staatliche Unternehmen Polskie Elektrownie Jądrowe (PEJ) hat Staatsanleihen im Umfang von 4,6 Mrd. PLN erhalten. Mit diesen Mitteln wird die nächste Phase des ersten Kernkraftwerks finanziert, darunter weitere Planungs- und Vorbereitungsarbeiten sowie der Ausbau der begleitenden Infrastruktur.
Energieminister Miłosz Motyka bezeichnete das Projekt als eine der obersten Prioritäten der Regierung. Die Finanzierung sei möglich geworden, nachdem die Europäische Kommission in Rekordzeit ihre Zustimmung zu staatlichen Beihilfen erteilt habe. Kernenergie werde Polen über Jahrzehnte hinweg eine stabile, berechenbare und emissionsfreie Energiequelle sichern und zugleich die Energiesicherheit, wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit und Unabhängigkeit von externen Rohstofflieferanten stärken.
Investor und Betreiber des Projekts ist PEJ, das sich vollständig in Staatsbesitz befindet. Als Baupartner wurde das Konsortium Westinghouse–Bechtel ausgewählt, das die AP1000-Reaktortechnologie liefert. Der Standort des ersten Kraftwerks liegt in Lubiatowo-Kopalino in der Woiwodschaft Pommern.
Der erste Beton soll 2028 gegossen werden, die kommerzielle Inbetriebnahme des ersten Blocks ist für 2036 vorgesehen. Nach Berechnungen des Polnischen Wirtschaftsinstituts könnten die sechs geplanten Reaktoren jährlich zwischen 53 und 80 TWh Strom erzeugen. Damit ließen sich 31–46 % des heutigen Strombedarfs sowie 26–38 % des für 2043 prognostizierten Bedarfs decken.
Parallel dazu laufen Vorbereitungen für ein zweites Kernkraftwerk. Der Standort soll noch in diesem Jahr festgelegt werden. Zur Diskussion stehen Konin und Bełchatów. Ministerpräsident Donald Tusk sieht insbesondere den bisherigen Kohlekomplex in Bełchatów als aussichtsreich. Zu einem wettbewerblichen Dialog wurden unter anderem Westinghouse (AP1000), EDF (EPR), KHNP (APR1400) und AtkinsRéalis (CANDU) eingeladen.
Breite Zustimmung in der Bevölkerung
Eine Regierungsumfrage aus dem November/Dezember 2025 zeigt eine außergewöhnlich hohe Akzeptanz der Kernenergie: 91,9 % der Befragten befürworten den Bau von Kernkraftwerken, nur 5,4 % sprechen sich dagegen aus. Rund 80 % würden ein Kernkraftwerk sogar in der Nähe ihres Wohnorts akzeptieren.
Laut Energieminister Motyka belegen diese Ergebnisse ein ausgereiftes Verständnis der Energiewende. Kernenergie werde nicht nur ein zentraler Pfeiler der Energiesicherheit, sondern auch ein Stabilitätsfaktor für die Strompreise. Zudem sehen 94 % der Befragten Kernkraft als Schlüssel zur Energiesicherheit, fast 90 % als wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.
Der Ausbau der Kernenergie erfordert nicht nur Infrastruktur, sondern vor allem qualifiziertes Personal. Mit dem Programm "Atom an Universitäten" vernetzt das Energieministerium Studierende technischer Hochschulen mit mehr als 60 Partnern aus der Nuklearindustrie. Ziel ist es, bereits während des Studiums praktische Erfahrungen in realen Projekten zu ermöglichen.
Marie Curie als Botschafterin
Ergänzend dazu startet in Kürze das Forschungsförderprogramm NUKLEOSTRATEG, das nationale Kompetenzen in Nukleartechnik, Sicherheits- und Strahlenschutz stärken und polnische Forschung stärker international vernetzen soll.
Begleitet wird der Kurswechsel durch die Informationskampagne "Zeit, das Atom zu verstehen", deren Gesicht die polnische Wissenschaftlerin Maria Skłodowska-Curie ist. Mit TV-Spots, Online-Formaten und barrierefreien Bildungsangeboten sollen Mythen abgebaut und die technologischen sowie ökologischen Vorteile der Kernenergie verständlich vermittelt werden.
Nach Einschätzung von Experten von Polskie Elektrownie Jądrowe machen jahrzehntelange Betriebserfahrungen moderne Kernkraftwerke zu sicheren und effizienten Erzeugern sauberer Energie. Die nach Fukushima eingeführten Sicherheitsstandards hätten das Sicherheitsniveau nochmals deutlich erhöht.
Die Entwicklung der Kernenergie in Polen ist langfristig angelegt. Wird das aktuelle Tempo beibehalten, könnte das Land in den kommenden Jahrzehnten zu einem der führenden Energieknotenpunkte Mittel- und Osteuropas aufsteigen.