Drohnenüberflüge, Desinformation und Sabotage: Ein Experte erklärt, warum Deutschland im hybriden Konflikt nicht weniger gefährdet ist als die NATO-Ostflanke – und wo Europas Abschreckung an Grenzen stößt.
Neben der kinetischen Kriegsführung in der Ukraine wird Russland von den westlichen Partnern Kyjiws beschuldigt, einen hybriden Krieg gegen Europa zu führen. Darunter versteht man ein verdecktes, koordiniertes Vorgehen, bei dem Staaten militärische Mittel mit Cyberangriffen, Desinformation, wirtschaftlichem Druck, Sabotage und politischer Einflussnahme kombinieren.
Das Ziel: Destabilisierung von Gesellschaften ohne offene Kriegserklärung.
Zu den "bekanntesten" Anschuldigungen hybrider Kriegsführung gehören unter anderem Drohnenüberflüge über militärischen Anlagen, sowie kritischer Infrastruktur oder auch Desinformationskampagnen vor der vergangenen Bundestagswahl, wie beispielsweise die "Sei grüner"-Aktion gegen den Kanzlerkanditaten der Grünen, Robert Habeck.
Ein aktueller Bericht des Verteidigungstechnologieunternehmens OpenMinds zeigt, wie sich diese Aktivitäten seit Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine in Europa verdichtet haben.
Demnach wurden seit 2022 Dutzende mutmaßlich russischer Drohnen- und Luftraumverletzungen sowie Fälle von Sabotage, Spionage und Einschüchterung registriert.
Sviatoslav Hnizdovskyi, Gründer und CEO von OpenMinds, erläutert im Interview mit Euronews, wie Europa auf Moskaus Vorgehen reagieren sollte und wie er die Bedrohungslage für Deutschland einschätzt.
Euronews: Wann werden wiederholte "Vorfälle" nicht länger als Grauzonenaktivitäten eingeordnet, sondern als Aggressionen bewertet?
Inzwischen ist die Unterscheidung weniger eine juristische als eine politische Frage.
Wiederholte Desinformationskampagnen, Einflussnahmen und andere Formen hybrider Kriegsführung üben bereits einen dauerhaften Druck auf europäische Gesellschaften aus.
Treten sie gemeinsam mit wiederkehrenden militärischen Drohungen auf – auch wenn diese teils an ein innenpolitisches Publikum gerichtet sind –, lässt sich ihre Gesamtwirkung kaum noch als zufällig oder als einzelne Vorfälle erklären.
Euronews: Handelt Europa noch immer reaktiv von Einzelfall zu Einzelfall – oder legen die Daten nahe, dass Russland einer übergeordneten Strategie folgt, die die EU bisher nicht klar benannt hat?
Europa hat in den vergangenen Jahren durchaus wirksame Schritte unternommen, um gegenzusteuern – etwa durch Sanktionen, die Unterstützung der Ukraine und Maßnahmen zur Stärkung der eigenen Resilienz.
Die grundlegende Strategie hinter dem russischen Vorgehen wird innerhalb der EU jedoch bislang nicht einheitlich benannt oder eingeordnet.
Zwar wächst die Abstimmung zwischen vielen europäischen Staaten – darunter Deutschland, Frankreich und Schweden –, doch bestehen weiterhin sichtbare interne Differenzen, die Entscheidungsprozesse deutlich verlangsamen.
Diese uneinheitliche Einordnung schafft zusätzliche Unklarheit.
Euronews: Wie verwundbar ist Deutschland im Vergleich zu Polen oder Litauen bei Drohnen, GPS-Störungen und Sabotage kritischer Infrastruktur?
Im Austausch mit Partnern in der Region zeigt sich klar, dass die geografische Nähe zu Russland in Polen und den baltischen Staaten zu einem höheren Alarmniveau führt. In der heutigen Lage – in der Informationsoperationen, psychologischer Druck, Cyberangriffe und Störmaßnahmen eine zentrale Rolle spielen – ist geografische Nähe jedoch nicht mehr der entscheidende Faktor für Verwundbarkeit.
Deutschland ist diesen Bedrohungen keineswegs weniger ausgesetzt als Staaten an Russlands Grenze, wie etwa mit Stromausfällen oder Sabotageversuche im gesamten Bundesgebiet zeigen.
Eine glaubwürdige europäische rote Linie im hybriden Bereich müsste deswegen klar benannt, gemeinsam getragen und durchsetzbar sein. Sie dürfte sich nicht an einzelnen Vorfällen orientieren, sondern an wiederkehrenden Mustern – etwa an anhaltender Informationskriegsführung, koordinierter Einflussnahme oder fortgesetztem Druck auf kritische Infrastrukturen und das öffentliche Vertrauen.
Entscheidend für ihre Glaubwürdigkeit ist zudem Gegenseitigkeit.
Einer der Gründe, warum diese Aktivitäten fortgesetzt werden, liegt darin, dass sie als kostengünstig und risikoarm wahrgenommen werden.
Informationskriegsführung hält auch deshalb an, weil sie bislang kaum spürbare Konsequenzen nach sich zieht.
Damit rote Linien wirken, muss Europa nicht nur bereit sein, sie klar zu benennen, sondern auch angemessen zu reagieren – entlang des gesamten hybriden Spektrums, etwa durch öffentliche Aufklärung, Gegen-Narrative, koordinierte Zuschreibungen und andere verhältnismäßige, nicht-kinetische Maßnahmen.
Was will Russland mit Luftraumverletzungen erreichen?
Euronews: Vergangenes Jahr haben wir in Polen und über der Ostsee mehrfache Luftraumverletzungen mit Drohnen und Kampfjets gesehen. Geht es Russland dabei, die militärische Bereitschaft der NATO oder deren politischen Zusammenhalt zu testen?
Sie testen beides, doch im Kern geht es um den politischen Zusammenhalt. Militärische Einsatzbereitschaft lässt sich anpassen, politische Geschlossenheit hingegen ist unter dauerhaftem, bewusst mehrdeutigem Druck deutlich schwerer zu bewahren.
Russland muss dafür keine offene Konfrontation suchen – es genügt, Zweifel zu säen, Uneinigkeit zu fördern und Spannungen innerhalb von Bündnissen zu verstärken.
Hinzu kommt, dass laut einem Bericht von OpenMinds rund fünf Prozent der Reaktionen russischer Regierungsvertreter auf die Luftraumverletzungen unter Verweis auf einen angeblich "unbekannten Akteur" erfolgen – ein typisches Ablenkungsmanöver, bei dem der Kreml Verantwortung zurückweist und lokale "Bürgerinitiativen" ins Feld führt.
Diplomatisches Engagement ist zwar auch hier wichtig, bleiben jedoch sichtbare Konsequenzen oder Maßnahmen zur Stärkung der eigenen Resilienz aus – einschließlich glaubwürdiger strategischer Abschreckung durch den Ausbau europäischer defensiver und offensiver Fähigkeiten –, kann genau diese Zurückhaltung als Duldung wahrgenommen werden.
Langfristig fördert diese Wahrnehmung weiteren Druck statt Deeskalation.
Genau dieses Muster hat das OpenMinds-Forschungsteam in seiner Jahresanalyse der Luftraumverletzungen festgestellt: In den ersten zehn Monaten des Jahres 2025 wurden mehr Vorfälle registriert als im gesamten Zeitraum von 2022 bis 2024 zusammen.
Uneindeutige Reaktionen tragen demnach dazu bei, dass Russland seine Grenzen gegenüber dem Westen weiterhin austestet.
Euronews: Welche Rückschlüsse lässt der zunehmende Fokus Moskaus auf Europa statt auf die USA zu?
Der verstärkte Fokus auf Europa deutet darauf hin, dass Moskau gezielt auf eine Schwächung des europäischen Zusammenhalts abzielt. In Europa lassen sich hybride Druckmittel besonders wirksam einsetzen, um Sanktionen, die militärische Unterstützung für die Ukraine und den inneren Zusammenhalt von Bündnissen zu beeinflussen.
Aus dieser Perspektive ist Europa der zentrale Schauplatz für politischen und informationellen Druck. Dass die Zahl der Vorfälle bereits 2025 deutlich gestiegen ist, lässt für 2026 kaum auf eine Entspannung schließen.
Die Rhetorik russischer Spitzenpolitiker und staatlicher Medien deutet vielmehr darauf hin, dass der Druck mindestens auf dem aktuellen Niveau anhalten dürfte – mit einem Risiko weiterer Eskalation, zumal sich die Beziehungen Europas zu den USA spürbar eintrüben. Alternativ könnte Moskau seine Strategie anpassen und stärker auf andere Mittel setzen, etwa auf Wahlbeeinflussung.
2025 analysierte OpenMinds entsprechende Aktivitäten in Deutschland, Rumänien und Moldau – mit aus Moskauer Sicht begrenztem Erfolg.
2026 dürfte jedoch neue Herausforderungen bringen: In Ungarn, sowie in Schweden, einem der wichtigsten Unterstützer der Ukraine, stehen richtungsweisende Wahlen an.
Euronews: Steuert Europa auf einen dauerhaften Zustand niedrigschwelliger Konfrontation zu, ohne ihn so zu benennen?
Ob Europa das will oder nicht – es befindet sich bereits in diesem Zustand. Die fortlaufende Kombination aus Informationsoperationen, psychologischem Druck, Cyberaktivitäten, Störmaßnahmen und wiederholten militärischen Signalen hat eine Realität dauerhafter Konfrontation geschaffen.
Offen ist daher nicht die Frage, ob dieser Zustand existiert, sondern ob Europa bereit ist, ihn auch klar zu benennen.
Das Interview wurde aus dem englischen übersetzt und aus Gründen der Klarheit gekürzt.