Kanzler Merz und Premierministerin Meloni schmieden ein neues Power-Bündnis. Mit ihrer deutsch-italienischen Agenda wollen sie Europas Wirtschaft aufmischen. Frankreichs Macron bleibt außen vor.
So sehr knisterte es zwischen Italien und Deutschland schon lange nicht mehr. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) geht auf Tuchfühlung mit Italiens Premierministerin Giorgia Meloni. Dafür zeigt er offenbar einem seiner engsten Verbündeten, Emmanuel Macron, die kalte Schulter.
Am Donnerstag findet im belgischen Wasserschloss Alden Biesen bei Lüttich ein informelles Treffen der europäischen Staats- und Regierungschefs statt. Das Thema: "Competitiveness" – Wettbewerbsfähigkeit. Initiiert wurde die Tagung offenbar von Merz, Meloni sowie dem belgischen Premierminister Bart De Wever.
Das deutsch-italienische Duo will Europas Wirtschaft mit seinen Ideen in Fahrt bringen. Und davon haben sie offensichtlich viele. Ende März veröffentlichten die beiden Regierungschefs nach Konsultationen in Rom ein Positionspapier, in dem sie einen Handlungsplan für die europäische Wirtschaft darlegten.
Sie fordern, den EU-Binnenmarkt zu stärken, noch existierende Hürden für den freien Handel innerhalb der EU abzuschaffen sowie die Bürokratie-Kettensäge anzulegen. "Ziel muss es sein, ein einfaches und vorhersehbares regulatorisches Umfeld zu schaffen und bürokratische Überregulierung auf allen Ebenen zu vermeiden", heißt es in dem Papier, das einem Reformfahrplan gleicht.
Wie wichtig Merz die Beziehung zu Bella Italia ist, zeigte sich auch an seiner damaligen Delegation: Zehn Minister hatte er im Gepäck, darunter Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD), Außenminister Johann Wadephul (CDU) sowie Innenminister Alexander Dobrindt (CSU), wie der Deutschlandfunk schreibt.
Neues europäisches Power-Couple
Im Anschluss an die Regierungskonsultationen lobte Merz die neu aufgeflammte Partnerschaft: "Sie finden uns, die beiden Regierungen, aber auch Giorgia Meloni und mich, in einer sehr weitgehenden Übereinstimmung in der Beurteilung der wirtschaftspolitischen und der außenpolitischen Lage", so der Kanzler. "Ich gehe so weit zu sagen, dass die deutsch-italienischen Beziehungen schon seit langer Zeit nicht mehr so gut waren, wie sie heute sind."
Auch Meloni schätzt die Vorzüge der Liaison: "Wenn Italien und Deutschland zusammenarbeiten, wenn Europas zwei wichtigsten Industrieökonomien zunehmend gemeinsame Grundlagen finden und auf einer gemeinsamen Aktionsplattform zusammenarbeiten, dann können äußerst bedeutende Ergebnisse erzielt werden", sagte sie während Merz’ Rombesuch und betonte die Vorreiterrolle Deutschlands und Italiens.
Es scheint für beide vor allem eine pragmatische Beziehung zu sein. Merz und Meloni als Power-Couple – das wäre vor mehreren Jahren noch undenkbar gewesen. Die CDU stand der italienischen Regierungschefin anfangs skeptisch bis kritisch gegenüber. Meloni ist Vorsitzende der postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia. Faschismus – ein Begriff, der in Deutschland keine Freude weckt.
Vor ihrem Amtsantritt zeigte Italiens Regierungschefin zudem offen ihre damalige anti-deutsche Einstellung: "Ich bin allergisch gegen Deutschland, auch bei Büchern", hieß es von Meloni in einem 2019 erschienenen Interview mit der italienischen Tageszeitung "Libero", aus dem das Handelsblatt zitiert.
Bei ihrem Antrittsbesuch im Jahr 2023, damals noch mit Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), distanzierte sie sich von ihrer Aussage aus Oppositionszeiten: "Keine Ahnung, wann ich das gesagt haben soll."
Mittlerweile scheinen für die deutschen und italienischen Regierungschefs vor allem die Gemeinsamkeiten im Fokus zu stehen. Auch in den Bereichen Migration und Verteidigung sind Merz und Meloni auf einer Linie. Damit scheint ein Verbündeter des Kanzlers zunehmend in den Hintergrund zu rücken: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.
Mercosur-Absage wird zum Fallstrick für Macron
Auslöser könnte sein, dass Macron kaum noch Unterstützung im französischen Parlament findet. Innenpolitisch gilt er als blockiert. Zudem scheinen seine Tage gezählt: Bei der Präsidentschaftswahl Anfang 2027 darf er nicht erneut antreten, da er aktuell bereits seine zweite Amtszeit innehat.
Ein weiterer wunder Punkt dürfte das Mercosur-Abkommen sein. Frankreichs Staatschef versuchte es bis zuletzt im Europäischen Parlament zu blockieren. "Mercosur: Die Zahlen gehen einfach nicht auf. Frankreich wird nicht nachgeben. Europa muss seine Landwirte und die Lebensmittel unserer Mitbürger schützen", schrieb er im Dezember 2025 auf X.
Für den Kanzler hingegen scheint das Freihandelsabkommen der Türöffner schlechthin zum wirtschaftlichen Aufschwung Europas zu sein. "Die Einigung zum EU-Mercosur-Abkommen ist ein Meilenstein in der europäischen Handelspolitik und ein wichtiges Signal unserer strategischen Souveränität und Handlungsfähigkeit", so Merz.
Auf Handlungsfähigkeit kann Merz bei Meloni zudem bei potenziellen Konflikten mit US-Präsident Donald Trump setzen. Als einzige EU-Staats- und Regierungschefin nahm Italiens Numero Uno an der Amtseinführung Trumps im Januar 2025 teil.
Sie gilt als Trump-Flüsterin, die sich offenbar traut, Klartext mit dem US-Präsidenten zu reden: "Ich bin in vielen Dingen nicht einer Meinung mit Trump", zitiert das italienische Medium Ansa Meloni. "Wenn ich nicht mit ihm übereinstimme, sage ich es ihm." Für Merz, der selbst als Transatlantiker und Außenkanzler gilt, könnte sich die Nähe zu Meloni als strategisch kluge Partnerschaft erweisen.