Deutschland rüstet auf, und das nicht nur auf der Erde: Rund 35 Milliarden Euro hat Verteidigungsminister Boris Pistorius vergangenes Jahr für die Weltraumaufrüstung bereitgestellt. Inspekteur Dr. Thomas Daum erklärt, warum das All ein neues Gefechtsfeld ist.
Mit der veränderten Gefahrenlage wird der Weltraum längst nicht mehr nur als Forschungs- und Wirtschaftsraum betrachtet, sondern zunehmend als zentraler Bestandteil der nationalen Sicherheit Deutschlands und der militärischen Abschreckung.
Nach Einschätzung des Inspekteurs des Cyber- und Informationsraums der Bundeswehr, Vizeadmiral Dr. Thomas Daum, ist der Weltraum inzwischen zu einem eigenen Gefechtsfeld geworden. Momentan verfügt die Bundeswehr über acht bis zehn eigene Satelliten im All, hauptsächlich für Aufklärungszwecke (SAR-Lupe, SARah) und Kommunikation. Diese Satelliten-Flotte gilt jedoch als veraltet.
Im Gespräch mit Euronews auf der Münchner Sicherheitskonferenz erklärte Daum, dass Satelliten eine "erhebliche Bedeutung für die Funktionen unserer Systeme am Boden" haben und damit weit über militärische Anwendungen hinausgehen. "Wenn Satelliten ausfallen, können Sie kein Geld mehr von der Bank abheben", sagt Daum.
Es bestehe das Risiko, dass "unsere Systeme im All angegriffen werden" könnten. Ein "Day without Space", also ein Satellitenausfall wäre vor diesem Hintergrund "im Grunde genommen ein Desaster", so der Inspekteur.
Ein solcher Angriff würde Satelliten gezielt außer Gefecht setzen – mit unmittelbaren Folgen am Boden, da zentrale Infrastrukturen in ihrer Leistungsfähigkeit massiv eingeschränkt wären.
Abschreckung auch im All
Auf ein solches Szenario will die Bundesregierung – wie auch in anderen militärischen Bereichen – vor allem mit Abschreckung reagieren.
Bereits im September vergangenen Jahres hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) rund 35 Milliarden Euro bis 2030 in Aussicht gestellt, darunter auch Mittel für das weltraumgestützte Aufklärungssystem "SPOCK", auf das die Bundeswehr seit Anfang des Jahres Zugriff hat.
Das System des finnischen Unternehmens Iceye, das mit der deutschen Rüstungsfirma Rheinmetall kooperiert, basiert auf einer Konstellation von Radar-Satelliten (SAR), die kontinuierlich Bilder der Erdoberfläche liefern und den deutschen Streitkräften ermöglichen, bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit Bewegungen und Veränderungen am Boden zu beobachten und auszuwerten.
Daum zufolge funktioniert Abschreckung im All vor allem über Gegenseitigkeit: Wer signalisiert, dass er über entsprechende Fähigkeiten verfügt, zeigt zugleich, dass er gegnerische Systeme beeinträchtigen kann.
Gemeint sind damit auch Mittel, mit denen ein Gegner daran gehindert werden kann, seine Weltraumsysteme effektiv zu nutzen. Statt eines direkten Angriffs auf Satelliten durch physische Gewalt, wie etwa Beschuss, setzt man dabei häufig auf nicht-kinetische Maßnahmen.
So kann etwa vom Boden aus gegen Satelliten vorgegangen werden, indem sie – sofern sie über optische Sensoren verfügen – gezielt geblendet werden. Vor allem militärische Aufklärungs- oder Spionagesatelliten arbeiten mit optischen Sensoren, also hochauflösenden Kameras oder Teleskopen, die Bilder von der Erde aufnehmen. Werden diese geblendet, werden die Systeme gezielt gestört, sodass sie vorübergehend nichts mehr erkennen oder aufzeichnen können.
Eine weitere Möglichkeit ist laut Daum das Senden von Störsignalen, etwa gegen Kommunikationssatelliten. Durch Jamming oder Dazzling lassen sich gegnerische Systeme beeinträchtigen, ohne sie physisch zu zerstören. "Das hat natürlich eine Wirkung am Boden: Wenn ein Aufklärungssatellit die Lageänderung der eigenen Kräfte nicht erkennen kann, dann hat man einen taktischen Vorteil."
Nachhaltigkeit – auch im Weltraum
Dass diese Fähigkeiten bewusst auf nicht-zerstörerische Effekte ausgelegt sind, hat auch politische Gründe: Deutschland ist 2023 den von den USA initiierten "Artemis Accords" beigetreten und hat sich damit verpflichtet, keinen Weltraumschrott zu erzeugen. Ein gegnerischer Satellit kann daher nicht einfach abgeschossen werden – stattdessen setzt man auf reversible Eingriffe, die seine Nutzung einschränken, ohne Trümmer im All zu hinterlassen.
Bislang hält die aktuelle politische Linie weiterhin daran fest, doch laut Daum gibt es politische Stimmen, die die sogenannte "Zero Debris"-Regel infrage stellen. "Wenn wir auch die Fähigkeit haben, ein System zu zerstören, dann heißt das ja gar nicht, dass wir das wollen", erklärt er im Euronews-Interview.
Ihm zufolge ist es ein Signal für den Gegner, dass "wir die gleiche Fähigkeit haben wie er", denn so würde sich der Abschreckungsweg, "Deterrence by Punishment", ergeben. "Das kann natürlich eine abschreckende Wirkung haben, bedingt aber im Grunde genommen Anpassen der Weltraumsicherheitsstrategie und ist damit eine politische Entscheidung", so der Inspekteur.
Neu: Ein Netz aus tausend kleinen Satelliten
Neben Aufklärung sind auch verlässliche Kommunikationsstrukturen für die Truppe sowohl in Krisen- als auch in Friedenszeiten von zentraler Bedeutung.
Auch die Bundeswehr ist für ihre Kommunikation auf Satelliten angewiesen. Für große Distanzen nutzt sie bislang vor allem geostationäre Systeme – eigene oder angemietete. Wenn etwa ein Kriegsschiff von Europa nach Afrika verlegt, läuft die Kommunikation über diese Infrastruktur, so Daum.
Das Projekt "SATCOMBw Stufe 4" gilt dabei als größter einzelner Weltraumauftrag in der Geschichte der Bundeswehr. Ziel ist es, Panzer, Schiffe, Flugzeuge und Soldatinnen und Soldaten weltweit über Satellitenkommunikation zu vernetzen und insbesondere Einsätze an der NATO-Ostflanke abzusichern, darunter auch die deutsche Brigade in Litauen.
Aber auch "SATCOMBw Stufe 4" ist ein klassisches Satellitenkommunikationssystem und keine Konstellation aus tausenden kleinen Satelliten, wie zum Beispiel Starlink. Statt weniger großer Satelliten wird bei Starlink auf Konstellationen aus vielen kleinen Einheiten gesetzt, die untereinander vernetzt sind.
Jeder Satellit kann mit den anderen kommunizieren, wodurch deutlich mehr Zugangspunkte entstehen und die Möglichkeiten der Satellitenkommunikation insgesamt erweitert werden. Welche strategische Bedeutung solche Systeme haben, zeigt auch der Krieg in der Ukraine.
Sowohl Russland als auch die Ukraine waren in den vergangenen Jahren in gewissem Maße auf das von SpaceX bereitgestellte Satellitennetz angewiesen – insbesondere für den Einsatz und die Steuerung von Drohnen. Offiziell war die Nutzung des Systems in Russland nicht erlaubt. Dennoch tauchten ab 2023 erste Starlink-Terminals auch bei russischen Einheiten auf, die laut Berichten über Staaten im Persischen Golf oder in Zentralasien ins Land gelangt sein sollen.
Seit rund zwei Wochen blockiert die US-Firma russischen Truppen den Zugang zu ihren Starlink-Terminals. Aus der Ukraine hieß es, die aktuelle Blockade habe russische Operationen "deutlich beeinträchtigt". Moskau weist das zurück und betont, es gebe keine Auswirkungen auf die Drohnenkriegsführung.