Mehr Stromausfälle durch Extremwetter: Ein Elektroauto hält den Haushalt am Laufen und verdient im Schlaf Geld.
Extremwetter durch den Klimawandel setzt Europas Stromversorgung immer stärker unter Druck. Hitzewellen treiben den Bedarf an Kühlung nach oben, hohe Temperaturen verringern die Effizienz der Netze und führen zu Störungen. Stürme und Waldbrände beschädigen zusätzlich die Strominfrastruktur.
Da diese Ereignisse immer häufiger und heftiger auftreten, überlegen sich viele Haushalte, wie sie sich auf die nächste Krise vorbereiten. Dazu gehört auch eine eigene Notstromversorgung.
Für Besitzer eines Elektrofahrzeugs steht die Lösung oft schon vor der Haustür.
Immer mehr Modelle lassen sich direkt an den Stromzähler eines Hauses anschließen und versorgen zentrale Geräte bei einem Stromausfall. Die Technologie endet nicht beim Notbetrieb: Manche Fahrzeuge schicken Strom auch in die andere Richtung, speisen ihn ins Netz zurück und bringen ihren Haltern Einnahmen.
Das ist Teil eines Trends. Autobauer erweitern ihre milliardenschweren Elektrifizierungsprogramme um Energieangebote für Haushalte und Netze – nicht mehr nur um Autos.
„Sie versuchen, neue Geschäftsfelder zu finden, in die sie hineinverkaufen können“, sagt Parth Vaishnav, Assistenzprofessor für nachhaltige Systeme an der Universität Michigan.
Vehicle-to-Grid-Technik spart Europa Milliarden
Vehicle-to-Grid-Technologie (V2G) ermöglicht es, überschüssige erneuerbare Energie in Batterien von Elektrofahrzeugen zu speichern und bei Bedarf wieder ins Stromnetz einzuspeisen.
Ein breit ausgerolltes V2G-System könnte in Europa laut Berechnungen der Fraunhofer-Gesellschaft im Auftrag von Transport & Environment bis 2040 jedes Jahr bis zu 22 Milliarden Euro an Kosten im Energiesystem einsparen, etwa für Netzausbau. Zwischen 2030 und 2040 summiert sich das Potenzial auf bis zu 175 Milliarden Euro.
Gleichzeitig würde V2G den Bedarf an Abregelung senken. Darunter versteht man, dass Betreiber von Wind- oder Solaranlagen Geld dafür bekommen, ihre Anlagen abzuschalten, weil das Angebot die Nachfrage übersteigt.
Deutschland hat allein im Jahr 2024 rund 9.374 GWh erneuerbaren Strom abgeregelt – genug, um ungefähr drei Millionen Elektrofahrzeuge ein Jahr lang zu versorgen. In einem V2G-System ließe sich diese Energie speichern und nutzen statt ungenutzt zu bleiben.
E-Auto verdient im Schlaf Geld
Von dem Modell können auch einzelne Autobesitzer profitieren. Sie können Strom zurück ins Netz verkaufen und so ihre Energiekosten senken.
Volkswagen bereitet zusammen mit seiner Energiemarke Elli ein komplett integriertes V2G-Angebot für Privatkunden in Deutschland vor. Der Marktstart ist für das vierte Quartal 2026 geplant, die Vorregistrierung läuft bereits.
Das Paket umfasst das Elektrofahrzeug, einen Smart Meter, einen bidirektionalen Ladepunkt und einen passenden Stromtarif. Unter günstigen Bedingungen könnten VW zufolge Halter zwischen 700 und 900 Euro im Jahr verdienen, indem sie die Batterie ihres Autos nachts nach den Signalen des Energiemarktes arbeiten lassen, während das Fahrzeug geparkt ist.
„Elektrische Mobilität kann ihr volles Potenzial nur ausschöpfen, wenn sie sich auch wirtschaftlich für unsere Kundinnen und Kunden lohnt“, sagt Martin Sander, VW-Vorstand für Vertrieb und Marketing. „Mit Vehicle-to-Grid liefern wir genau das.“
Nissan will 2026 eine bezahlbare bidirektionale Ladelösung einführen, zunächst im Vereinigten Königreich und später in weiteren europäischen Märkten. Kia und Hyundai bieten Medienberichten zufolge bereits einen V2G-Dienst in den Niederlanden für ausgewählte Modelle an. Mercedes-Benz hat über eine Kooperation mit The Mobility House bidirektionales Laden für seinen elektrischen GLC angekündigt. Im Vereinigten Königreich koppelt BYD eines seiner Modelle an einen Tarif des Energieversorgers Octopus Energy, damit Fahrer Strom zurück ins Netz liefern können.
Ein Teil der Technik hinter diesen Angeboten kommt aus Europa. Die in mehreren Pilotprojekten eingesetzten bidirektionalen Ladegeräte stammen von Wallbox, einem auf Elektrofahrzeug-Laden spezialisierten Unternehmen aus Barcelona.
E-Auto als Notstromquelle nutzen
Über die Einnahmen hinaus bieten V2G-fähige Elektrofahrzeuge mehr Sicherheit. Eine geladene Fahrzeugbatterie kann zentrale Systeme im Haus – Kühlschränke, medizinische Geräte, Beleuchtung, eine Wasserpumpe – in einem Stromausfall meist für mehrere Tage am Laufen halten. Die genaue Dauer hängt vom Verbrauch der angeschlossenen Geräte ab.
Ford hat in den USA ein System entwickelt, mit dem Halter bestimmter Hybrid- und Elektro-Pick-ups ihr Fahrzeug über einen Adapter und einen Umschalter direkt an den Stromzähler des Hauses anschließen können. Die Installation kostet ab etwa 1.000 Euro und ist damit deutlich günstiger als ein klassischer Notstromgenerator.
„Aus unserer Sicht, gerade für Kundinnen und Kunden mit einem bereits kompatiblen Fahrzeug, gilt: Die Stromquelle gehört Ihnen schon, sie steht in Ihrer Einfahrt“, sagt Amanda Roraff, bei Ford verantwortlich für die Beschleunigung des Geschäfts mit Netz- und Energiedienstleistungen.
US-Hersteller setzen auch deshalb stärker auf diese Technik, weil die Verkäufe von Elektrofahrzeugen dort zuletzt eingebrochen sind. Laut Cox Automotive lagen sie im ersten Halbjahr 2026 fast ein Viertel unter dem Wert des Vorjahres.
In Europa ist das Interesse an E-Autos weiterhin deutlich größer. Die gleiche Technologie wird hier zu einem wichtigen Kaufargument – neben niedrigeren Betriebskosten und geringeren Emissionen.
Noch kein echtes Plug-and-Play
Ganz ohne Haken kommt die Technik jedoch nicht aus. Nur wenige Modelle unterstützen derzeit echtes bidirektionales Laden. Die Hardware – eine bidirektionale Wallbox plus Installation – kostet mehrere tausend Euro mehr als ein normaler Heimladepunkt.
Versorger müssen die Anlagen vor dem Anschluss ans Netz genehmigen. Das kann dauern. Zudem warnen manche Hersteller vor möglichen Auswirkungen auf Garantie und Lebensdauer der Batterie durch zusätzliche Lade- und Entladezyklen.
Trotzdem sehen Fachleute eine klare Entwicklung.
„Wir kennen die Wirkung bereits, wenn ein Fahrzeug während eines Ausfalls Strom ins Haus liefert“, sagt Scott Samuelsen, emeritierter Professor für Ingenieurwesen an der Universität von Kalifornien in Irvine. „Das wird sehr, sehr verbreitet werden.“