Der französische Energiekonzern soll im März den Markt für Rohöl aus dem Nahen Osten dominiert und wegen kriegsbedingter Störungen Dutzende Ladungen gekauft haben.
Nach Informationen der Financial Times soll TotalEnergies mehr als eine Milliarde Dollar (868 Millionen Euro) Gewinn gemacht haben. Der Konzern kaufte Ölladungen im gesamten Nahen Osten auf, der Iran-Konflikt bremste zugleich den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus massiv.
Händler des französischen Ölkonzerns kauften demnach rund siebzig Rohölladungen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Oman, die im Mai verladen werden sollten. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Februar, sagte eine dem Unternehmen nahestehende Person der FT.
TotalEnergies hat sich dazu bislang nicht öffentlich geäußert und teilte der FT mit, es kommentiere seine Handelsgeschäfte grundsätzlich nicht.
Wie der Referenzpreis aus dem Lot gerät
Die Gelegenheit ergab sich aus einer Störung bei der Preisbildung für Öl aus dem Nahen Osten.
Die Agentur S&P Global Platts betreibt den Referenzpreis für Dubai-Rohöl, der als wichtigste Orientierung für Ölexporte aus dem Nahen Osten nach Asien gilt. Am zweiten März setzte sie mit sofortiger Wirkung die Nominierung von Rohölsorten aus, die die Straße von Hormus durchqueren müssen, nachdem große Reedereien ihre Fahrten durch die Meerenge wegen gestiegener Sicherheitsrisiken gestoppt hatten.
Damit fielen drei der fünf Rohölsorten weg, die sonst den Benchmark bestimmen. Für physische Lieferung blieben nur noch Murban aus Abu Dhabi, verladen im Hafen Fudschaira, sowie Oman-Rohöl.
Platts erklärte damals, dadurch sei die im Benchmark lieferbare Rohölmenge um rund vierzig Prozent gesunken.
Mit weniger gehandelten Sorten und deutlich geringerer Liquidität wurde der Markt viel anfälliger dafür, dass ein einzelner Akteur eine dominante Position einnimmt.
TotalEnergies nutzte diese Lücke.
Im März war der Handel laut FT rund 50 Prozent lebhafter als im Vormonat. Dennoch gelang es nur TotalEnergies, genügend Teilverträge zu sammeln, um damit eine komplette Ladung zusammenzustellen.
Der Preis für Dubai-Rohöl stieg von rund 70 Dollar je Barrel kurz vor Ausbruch des Konflikts auf ein Rekordhoch von etwa 170 Dollar in der vergangenen Woche. Der internationale Referenzwert Brent erreichte Mitte März rund 120 Dollar je Barrel und fiel bis Ende der Woche wieder auf etwa 113 Dollar.
„Aus den Fugen geratene“ Märkte
TotalEnergies-Chef Patrick Pouyanné spricht offen über das Ausmaß der Verwerfungen, über die Handelsgewinne dagegen nicht.
Im Gespräch mit dem Sender CNBC sagte er vergangene Woche, die Welt habe Raffineriemargen in dieser Höhe „noch nie erlebt“. Den Markt für Ölprodukte bezeichnete er als „aus den Fugen geraten“.
Er warnte, dass die europäischen Erdgaspreise auf 40 Dollar je eine Million British Thermal Units steigen könnten, falls sich der Konflikt bis in den Sommer hinzieht. Das wäre mehr als das Doppelte des derzeitigen Niveaus von rund 18 Dollar.
Die eigenen Angaben des Konzerns zeigen ein Unternehmen, das vom Krieg zugleich getroffen wird und profitiert.
In einer am 13. März veröffentlichten Mitteilung erklärte TotalEnergies, die Produktion in Katar, im Irak und vor der Küste der Vereinigten Arabischen Emirate sei bereits eingestellt oder werde gerade heruntergefahren. Diese Standorte stünden für rund 15 Prozent der weltweiten Förderung.
Zugleich wies der Konzern darauf hin, dass die Barrel aus dem Nahen Osten wegen höherer Besteuerung nur etwa zehn Prozent des operativen Cashflows im Fördergeschäft ausmachen. Ein Anstieg des Brent-Preises um acht Dollar pro Barrel reiche aus, um den Produktionsausfall vollständig zu kompensieren.
Asiatische Abnehmer unter Druck
Der Preissprung bei Dubai-Rohöl setzt asiatische Raffinerien stark unter Druck. Einige von ihnen drängen laut dem Informationsdienst Argus darauf, dass Saudi Aramco seine Preisformel vom Platts-Dubai- auf den ICE-Brent-Referenzwert umstellt.
Am 20. März ging Platts einen weiteren Schritt, um den Referenzpreis zu stabilisieren: Die Agentur setzte den negativen Qualitätsabschlag für Murban-Rohöl aus, um die im Preisbildungsprozess verfügbare Liefermenge zu maximieren.
Die Agentur erklärte, sie habe zuvor umfangreiche Rückmeldungen von Marktteilnehmern zugunsten dieser Maßnahme eingeholt.