Was darf „Wurst“ heißen? Die Debatte um Verbotslisten nimmt kein Ende. Bei Euronews mischt sich jetzt auch ein veganer Fleischer mit ein.
Politische Gegner wetzen weiter ihre Messer in der (unblutigen) Schlacht um den Veggie-Burger-Wortbann: EU-Parlament und Mitgliedstaaten hatten sich im Dezember nicht einigen können, ob es tatsächlich europaweite Etikettregeln braucht - speziell für Fleischalternativen aus Pflanzen oder Pilzkulturen. Der Showdown wurde ins neue Jahr vertagt. Grund genug, einmal bei Simon Basaglia vorbeizugehen, der kann nämlich auch Messer wetzen (und zwar echt scharfe). Und als Geschäftsführer der Carne Vegana GmbH Berlin hat er ein Wort mitzureden, schließlich betrifft ihn die Brüsseler Debatte ganz direkt, in seiner "Veganen Fleischerei" im Bezirk Pankow.
Nein, das ist keine Bratwurst! Und dort der Kebab in der Kühlvitrine ist auch kein Kebab. Das appetitlich angerichtete Schnitzel ist ebensowenig ein Schnitzel wie die etwas magere Hähnchenkeule daneben eine Hähnchenkeule. Der Brie-Käse ist kein Brie-Käse, das rosa schimmernde Laxfilet (sic) kein Lachsfilet. Die Kunden drängen sich gerade deshalb. "Die vegane Metzgerei" von Simon Basaglia ist ein echter Renner in Berlin. Der Laden läuft.
Rettet man sich aus der graukalten Berliner Wintertristesse in Basaglias "Fleischerei" der ganz besonderen Sorte, betritt man ein Reich der Düfte. Es riecht nach solid bodenständigen Gewürzmischungen, durchaus vergleichbar mit den Aromen einer bayerischen Dorfmetzgerei.
Selbst einem SozialeMedien-Echtfleischbekenner wie Markus Thomas Theodor Söder, Ministerpräsident des Freistaats Bayern, fleißiger Essbild-Poster und erklärter Veggie-Gegner (Zitat: "Tofu-Wurst oder Veggie-Burger - theoretisch möglich, aber sinn- und geschmacklos.") könnte hier das Wasser im Munde zusammenlaufen.
Damit es (für Karnivoren wie Söder) keine Missverständnisse gibt, haben Basaglia und seine Veggie-Metzgersgehilfin vor jede Terrine ein gut lesbares Schildchen gesetzt. In ordentlicher Schönschrift steht dort, perfekt ausgeleuchtet: "Kein Roastbeef", "Keine Bratensoße", "Keine Lyoner", "Keine BBQ-Medaillons"...
Sollte sich Markus Söder also eines Tages in die Berliner Kastanienallee verirren und dort aus Versehen Basaglias Veganerparadies in der Hausnummer 40 betreten, hätte er keinen Grund zur Klage.
Die handschriftlichen Präzisionsschnörkel auf den Täfelchen helfen bei der Orientierung im Veggie-Wurst-Dschungel. "Keine Knoblauchbratwurst" (zwei Euro das Stück) ist da zu lesen und "keine Pflaumenbratwurst", "keine Bockwurst" (übrigens etwas billiger: das Stück für 1,50 Euro).
Sicher, das "keine" ist etwas kleiner geschrieben, aber übersehen kann es wirklich niemand. Und auch über der Ladentüre steht es ja auf der Leuchtreklame: "Die vegane Fleischerei". Firmenlogo ist ein lustiges Ferkel (oder doch eher ein Schaf?) mit keck aufgesetzter Metzgermütze. Damit der Kunde weiß, woran er ist.
"Was halten Sie denn von der EU-Debatte, was man Fleisch nennen darf und was nicht?", will ich von Veggie-Metzger Basaglia wissen. Der Mann mit dem gepflegten Schnurrbart muss nicht lange überlegen: "Das ist eine Zeit- und Geldverschwendung!" Schließlich werden, so Basaglia, die EU-Institutionen ja aus Steuergeldern finanziert, "und mein Geld als Steuerzahler sollte nicht für derart unnötige Diskussionen verwendet werden." Im Europaparlament säßen halt doch einige, "die weder Lust noch Ahnung haben".
Statt an die großen Herausforderungen der Europäischen Union zu denken, sei hier ein überflüssiger Schaukampf angezettelt worden. Simon Basaglia, der sonst durchwegs freundlich zuvorkommend auftritt und mit eher gedämpfter Stimme redet, klingt nun genervt, seine Augen blitzen: "Ich bin ein bisschen wütend!" Kein Wunder, schließlich geht es um seine (Veggie-) Wurst.
Der Berliner Veggie-Fleischer weiß, dass er mit seinem Zorn nicht allein ist. Der Vorschlag des EU-Parlaments vom vergangenen Herbst, Bezeichnungen wie "Veggie-Steaks", "Veggie-Wurst" und ähnliches unter dem Vorwand des Verbraucherschutzes zu verbieten, lösten eine europaweite Spott- und Protestwelle aus.
Wann ist die Wurst eine Wurst?
Losgetreten wurde die Debatte von Céline Imart, einer konservativen französischen Europaabgeordneten. Es gehe ihr nicht darum, aus Pflanzen hergestellte Nahrungsmittel zu verbieten, sondern die "wahre Bedeutung" traditioneller Bezeichnungen zu verteidigen.
Das zentrale Argument sowohl der in Brüssel extrem gut vernetzten Fleisch-Lobby wie auch vieler EU-Abgeordneter: Man müsse einer Verwirrung der Verbraucher vorbeugen. Einer Argumentationslinie, der im Oktober überraschenderweise eine Mehrheit im EU-Parlament folgte, nach dem Motto: Wann die Wurst eine Wurst ist, das bestimmen wir.
Jetzt grätscht wieder unser Berliner Veggie-Fleischer in die Debatte. Gegenüber dem Euronews-Reporter vor der Pflanzenfleischtheke meint Basaglia: "Die deutschen Verbraucherzentralen und auch viele große Produzenten und Supermarktketten haben sofort reagiert und genau wie ich gesagt: Leute, das macht keinen Sinn! Die Verbraucher wissen schon, was sie kaufen."
Nicht zu vergessen: Die Erbswurst!
Ein Argument, das einleuchtet: Wer wäre denn so bescheuert, seinen Morgenkaffee mit Scheuermilch zu weißen? Ganz zu schweigen von der bereits anno 1867 in Berlin erfundenen "Erbswurst", einem Vorläufer der heutigen Brühwürfel und ganz ohne Fleisch - trotz der Wurst im traditionsschweren Namen.
Die historisch belegte Veggie-Wurst war übrigens absolut kein Nischenprodukt. 1870 entstand in Berlin eine riesige Erbswurstindustrie, angeführt von der "Königlich Preußischen Fabrik für Armeepräserven". Rund 5000 Arbeiter stellten hier jeden Tag bis zu 65 Tonnen Erbswurst als "eiserne Ration" für Soldaten her, doch bald fanden die historischen Veggie-Würste ihren Weg auch in deutsche Zivilkochtöpfe (ohne dass jemand je auf die Idee gekommen wäre, den nach Erbsen riechenden Eintopf für eine Fleischwurstsuppe zu halten).
Der Renner: Vegane Bratwurst
Doch zurück ins hier und jetzt. "Herr Basaglia, was läuft denn besonders gut bei Ihnen?", will ich wissen. Simon Basaglia zählt auf: "Alle deutschen Traditionsprodukte, also (vegane) Bratwurst, Leberwurst, Bouletten, (veganer) Leberkäse, aber auch neue Produkte der veganen Szene, wie beispielsweise (vegane) Steaks und Hähnchenkeulen."
Und wo kommen die Proteine her? "Aus Erbsenmehl, aus Sonnenblumenmehl, wir führen auch Produkte auf Seitanbasis (Weizeneiweiß). Wir verwenden alle möglichen pflanzlichen Proteine."
Und was ist mit Nahrungsmitteln, die aus Pilzkulturen hergestellt werden? Basaglia: "Da haben wir besonders zwei Produkte im Sortiment, ein Lachsfilet und ein weiteres Fischfilet. Die sind aus Pilzprotein und wurden dann im Drei-D-Drucker gedruckt, damit das Aussehen stimmt."
Veggie-Fleischer Basaglia erzählt aus dem Geschäftsalltag: "Es kommen ganz unterschiedliche Kunden: Da sind die Sportler, die interessieren sich in erster Linie für den Proteingehalt. Andere kommen aus weit entfernten Stadtteilen wie Charlottenburg quer durch Berlin zu mir nach Pankow angereist, weil sie den Geschmack meiner Ware mögen."
Basaglia weiter: "Und dann gibt es gelegentlich auch die Helikopterkunden, wie wir sie nennen: Die sind neugierig, wollen sich das einfach einmal genau aus der Nähe ansehen, aber nicht unbedingt kaufen, die drehen quasi einmal eine Flugrunde durch den Laden und überlegen es sich dann nochmal. Aber auch die sind bei uns willkommen."
Die meisten Zutaten sind bio und kommen aus der Region. Wo das nicht möglich ist, versucht Basaglia trotzdem Lieferwege kurz, den CO2-Fußabdruck niedrig zu halten. Auf eines ist der Veggie-Fleischer besonders stolz: "Wir kommen ohne Zusatzstoffe, ohne Geschmacksverstärker aus und wir verwenden fast keine Konservierungsstoffe, nur Zitronensäure, Branntweinessig und Punkt."
Und? Einmal aus der Geschäftsperspektive betrachtet: Rechnet sich das? Basaglia bejaht gleich doppelt, "ja, ja", und erzählt von den "bis zu hundert Kunden täglich", die sich vor Weihnachten und Ostern bei ihm die Klinke in die Hand geben. "Man muss bedenken, dass wir hier in Berlin erst seit 14 Monaten geöffnet haben und üblicherweise benötigt ein neues Geschäft so seine zwei bis drei Jahre, um sich erfolgreich zu etablieren. Aber für die vegane Fleischerei kann ich schon heute sagen: Ja, es lohnt sich. Übrigens nicht nur finanziell, sondern es lohnt sich auch darum, weil wir etwas Gutes tun." Nicht nur für die Veganer und Vegetarier - sondern für die Allgemeinheit.
Denn die weltweiten Ressourcen sind begrenzt, der tägliche Tierfleischkonsum beschleunigt den Klimawandel und mittelfristig muss die Menschheit ihre Ernährungsgewohnheiten anpassen, will sie langfristig überleben. Auch Basaglia hat aufgehört, Fleisch von Tieren zu essen. Vor vier oder fünf Jahren war das. Zunächst nur ein Versuch, "einfach mal ausprobieren, wie es schmeckt - und es schmeckte richtig gut!" Und so blieb er dabei, "denn Geschmack ist für mich das Wichtigste."
Basaglia kommt ursprünglich aus Norditalien, einem Ort zwischen Verona und Modena. Der Mann kennt sich aus mit Speis und Trank: "Seit 25 Jahren bin ich in der Gastronomie", sagt er nicht ohne Stolz in der Stimme. Wie würde er denn das vegane Angebot heute mit dem von früher vergleichen. 2000 und 2025, hat sich da was verändert? "Ja, auf jeden Fall", meint Basaglia. Statt immer nur Gemüse, Reis und Tofu gibt es heute "eine richtige Auswahl, ein riesiges Angebot". Weshalb vielen Menschen die Entscheidung heute leichter falle, umzustellen auf vegetarische oder vegane Ernährung.
Vegan-Fleischerei auf Franchise-Basis
Und wie fühlt er sich heute, Jahre nach dem Umstieg auf fleischlos? "Besser", sagt Basaglia, "sowohl mental wie auch körperlich: Ich bin fit wie ein Turnschuh." Interessanterweise ist "Die vegane Fleischerei" ähnlich wie eine nicht ganz unbekannte internationale Schnellimbisskette (die mit dem großen gelben M) nach dem Franchise-System aufgebaut. Die jeweiligen Geschäftseinheiten (in Deutschland gibt es mittlerweile ein halbes Dutzend) agieren weitgehend autonom, haben sich aber untereinander auf gewisse Standards (Sortiment, Erscheinungsbild, Qualitätskontrolle usw) geeinigt.
Nach Dresden, wo das Abenteuer "Vegane Fleischerei" seinen Anfang nahm, existieren heute auch Ableger in Köln, Augsburg, Hamburg, München, Stuttgart. Für Berlin hat Basaglia die Lizenz erworben - und überlegt derzeit, ob und wann er expandiert. Eine zweite "vegane Fleischerei" in einem anderen Stadtteil eröffnen? "Vielleicht probiere ich auch so etwas wie eine vegane Osteria aus, da ich selber gerne koche. Oder ich erweitere das Konzept mit veganen Foodtrucks für Märkte."
Basaglia hat schon bei der Berliner "Vetzgerei" mitgemacht, Deutschlands allererster veganer Metzgerei, sammelte dort wertvolle Erfahrung als "Vetzger". Zwar musste die "Vetzgerei" schließen, doch den Kundenstamm hat er mitgenommen zu seinem eigenen Projekt. Und das floriert. Kein Wunder: EU-weit hat sich der Verzehr pflanzenbasierter Fleischersatzprodukte im Vergleich zu 2011 glatt verfünffacht (Quelle: BEUC). Und die meisten Veggie-Konsumenten tummeln sich in Deutschland.
Das erklärt auch, warum sich insbesondere deutsche Stimmen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft eindeutig gegen die Herbstidee des EU-Parlaments positioniert haben. Lidl und Aldi wollen keine Veggie-Wurst-Wörter-Verbotsliste aus Brüssel, genausowenig wie die deutschen Verbraucherverbände und parteiübergreifend auch eine große Anzahl führender Politiker. Und Simon Basaglia natürlich auch nicht.
Übrigens verwies auch Manfred Weber darauf, dass die Veggie-Debatte nicht länger die Schlagzeilen bestimmen sollte. Der CSU-Mann steht an der Spitze der Europäischen Volkspartei (dem Zusammenschluss der konservativ-bürgerlichen Parteien im EU-Parlament) und weiß, es gibt für die Parlamentarier wichtigeres zu diskutieren, als Veggiefleisch-Etikettenregeln.
Die vollständige Euronews-Reportage (mit Video) geht übrigens am Freitagabend, 16. Januar, auf Sendung. Da geht es nicht nur um Veggie-Metzger, sondern auch um ein neues Geheimrezept, das die Menschheit (vielleicht) retten könnte. Die Zutaten: eine marode Bierindustrie, weltweit verfügbare Braukessel, eine geniale Entdeckung - und eine nicht minder geniale Geschäftsidee aus Leipzig. Mehr sei hier noch nicht verraten: Schauen Sie einfach am Freitagabend nochmal rein, on-air oder online. Wo? "Made in Europe - Erfolgsgeschichten aus Europa!"