Angehörige fordern Aufklärung: Mammutprozess um Brüsseler Anschläge läuft

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Von Stefan Grobe  & Grégoire Lory
Den Nebenklägerinnen stehen während des Prozesses Betreuungspersonen zur Verfügung
Den Nebenklägerinnen stehen während des Prozesses Betreuungspersonen zur Verfügung   -  Copyright  Olivier Matthys/Copyright 2022 The AP. All rights reserved

Vor einem Gericht in Brüssel hat der Prozess um die islamistischen Terroranschläge im März 2016 begonnen, bei denen 32 Menschen getötet und Hunderte weitere zum Teil schwer verletzt wurden.

Weil das öffentliche Interesse an dem Verfahren den üblichen Rahmen sprengt, findet die Verhandlung im ehemaligen Nato-Hauptquartier statt.

Drei Selbstmordattentäter der Miliz Islamischer Staat hatten sich am Brüsseler Flughafen und an einer U-Bahn-Station im EU Viertel in die Luft gesprengt.

Mitangeklagt: Salah Abdeslam

Angeklagt sind zehn Männer. Acht von ihnen wird 32-facher terroristischer Mord und versuchter Mord in 695 Fällen vorgeworfen.

Sechs der Angeklagten wurden bereits im Prozess um die Pariser Attentate vom November 2015 verurteilt, unter ihnen der mutmaßliche Haupttäter Salah Abdeslam. Die Männer gehörten nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft derselben Terrorzelle an.

Das Brüsseler Verfahren mit über 900 Nebenklägerinnen und -klägern gilt schon jetzt als umfangreichstes in der belgischen Rechtsgeschichte.

Sie kommen, um auszusagen oder dem Verfahren zuzuhören. Für einige ist dies der Beginn einer neuen Tortur.

Sie sei sehr gestresst, auch sehr ängstlich, über das, was passieren werde, sagt Loubna Selassi, eines der Opfer von damals. Sie habe bis zum letzten Moment gezögert, sei dann aber doch gekommen. Irgendwann müsse sie dabei sein, da auch Zeugenaussagen geplant seien.

Andere Zivilparteien scheinen vor allem diese schmerzhafte Seite aufschlagen zu wollen. Esmael Fazal Sarah hat ihre Schwester in der U-Bahn verloren und erwartet nicht viel von diesem Prozess. Sie hege keinen Hass, sagt sie. Der Blick der Angeklagten könne ihr nichts anhaben.

Von den zehn Angeklagten sind neun im Gerichtssaal anwesend. Die Frage ist, ob sie während der Anhörung sprechen wollen oder nicht. Für die Anwälte ist es notwendig, dass Debatten stattfinden und sich alle äußern können.

Es sei enorm wichtig, den Zivilparteien zuzuhören, sagt Vincent Lurquin, Anwalt von Hervé Bayingana Muhirwa. Das gebiete der Respekt vor ihrer Würde und ihrem Leid. Die Konsequenz für seinen Mandanten werde es sein, sich nicht hinter dem Recht zu schweigen zu verstecken. Es müsse eine gerichtliche Debatte geführt werden, es müsse gesprochen und erklärt werden. Und es müsse Verantwortung übernommen werden, nicht nur die Angeklagten seien für das, was passiert ist, verantwortlich.

Der Prozess wird voraussichtlich zwischen sechs und acht Monaten dauern. Fast allen Angeklagten droht lebenslange Haft.

Der Prozess sollte eigentlich schon im Oktober eröffnet werden. Der Termin wurde aufgrund eines Streits um Sicherheitsvorkehrungen im Gerichtssaal nicht eingehalten. Als Folge des Konflikts sitzen die Angeklagten jetzt nicht wie ursprünglich in Solo-Glaskabinen, sondern in einer gemeinsamen Glaszelle.