Einige europäische Länder haben sich für ihre koloniale Vergangenheit entschuldigt. Reicht das?

Ein Schild mit der Aufschrift "Museum des kolonialen Denkraums" für eine "dekolonialen Tour" zu Orten, die mit dem Sklavenhandel in Verbindung stehen, 5. Juli 2020, Paris.
Ein Schild mit der Aufschrift "Museum des kolonialen Denkraums" für eine "dekolonialen Tour" zu Orten, die mit dem Sklavenhandel in Verbindung stehen, 5. Juli 2020, Paris. Copyright AP Photo/Francois Mori
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Von Alice Tidey
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Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte hat sich für die Rolle seines Landes beim Sklavenhandel entschuldigt. Leere Geste oder wichtiger Schritt? Wir fragten eine Expertin.

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Die Entschuldigung europäischer Länder für ihre koloniale Vergangenheit und ihre historische Rolle im Sklavenhandel ist "ein wichtiger erster Schritt", aber es ist noch viel mehr nötig, um die Wunden der Vergangenheit zu heilen, so ein Experte gegenüber Euronews.

Die Niederlande waren am Montag das jüngste Land, das eine formelle Entschuldigung aussprach.

Almaz Teffera, die für Human Rights Watch zum Thema Rassismus in Europa forscht, bezeichnete dies als "eine große Sache" und "einen wichtigen ersten Schritt", der "auch den Weg für die Rechenschaftspflicht der Niederlande" ebnen und eine "Heilung für die Nachkommen" ermöglichen werde.

"Ein Signal für den Wandel, der in die Tat umgesetzt werden muss"

"Man könnte sagen, dass diese Entschuldigung 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei zu spät kommt, aber sie ist dennoch ein Signal, dass sich die Dinge ändern werden, und dieser Wandel muss nun in die Tat umgesetzt werden", fügte sie hinzu.

Die Niederlande schließen sich damit Dänemark, Frankreich, dem Vereinigten Königreich und dem Europäischen Parlament an, die sich bereits entschuldigt oder Sklaverei und Sklavenhandel offiziell als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt haben.

Papst Johannes Paul II. entschuldigte sich bereits 1992 für die Rolle der katholischen Kirche bei der Sklaverei.

Deutschland entschuldigte sich 2021 für den Völkermord an den Herero und Nama in Namibia und bezeichnete diesen als solchen. Laut Teffera kann diese Erklärung jedoch nicht als echte Entschuldigung angesehen werden, da sie das von den Deutschen begangene Unrecht nicht wirklich anerkennt.

Belgiens König Philippe drückte bei einem Besuch in der Demokratischen Republik Kongo im Juni sein "tiefstes Bedauern für die Wunden" aus, die seine Vorfahren dem Land zugefügt haben, bot aber keine formelle Entschuldigung an.

Belgisches Parlament kann sich nicht auf Entschuldigung einigen

Ein belgischer parlamentarischer Ausschuss zur kolonialen Vergangenheit, der 2020 im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste eingesetzt wurde, beendete seine Arbeit am Montag mit dem Ergebnis, dass die Gesetzgeber keinen Konsens über eine "Entschuldigung" an die ehemaligen Kolonien erzielen konnten.

Die Forscherin von Human Rights Watch argumentierte, dass eine Entschuldigung zwar positiv sei, aber "nicht der letzte Schritt zu einer Abrechnung mit der Sklaverei-Vergangenheit und den Auswirkungen auf die Nachkommen der versklavten Menschen heute".

"Damit eine Entschuldigung wirklich so weit gehen kann, wie sie sollte, muss man anerkennen, dass während der Kolonialzeit Verbrechen begangen wurden, und sich auch wirklich verpflichten, dieses Unrecht wiedergutzumachen", sagte sie.

Auch die königlichen Familien haben ihren Teil beizutragen und sollten sich in ähnlicher Weise entschuldigen, so Teffera.

"Das niederländische Königshaus sollte sich ebenfalls entschuldigen, da es ebenfalls vom niederländischen Sklavenhandel profitiert hat. Das Argument, dass königliche Entschuldigungen zu einer Polarisierung in der Gesellschaft führen würden, oder andere Argumente, die dagegen sprechen, sind einfach nicht stichhaltig", sagte sie.

"Entschädigung für die Nachkommen der Opfer gehört dazu"

Finanzielle Entschädigungen für die ehemals kolonisierten Länder und die Nachkommen der Opfer der Sklaverei sowie eine ehrlichere Darstellung des Kolonialismus in den Lehrplänen, in denen die begangenen Verbrechen detailliert beschrieben werden, um künftige Generationen besser aufzuklären, gehören zu den Maßnahmen, die laut Teffera erforderlich sind.

Der EU-Aktionsplan gegen Rassismus, der 2020 vorgestellt wurde, als die Proteste gegen Rassismus und Polizeibrutalität nach dem Tod von George Floyd durch die USA und Europa wogten, sei ein willkommener Schritt, so Teffera.

Der Plan verlangt von den EU-Ländern, nationale Aktionspläne zu verabschieden, die ihre koloniale Vergangenheit berücksichtigen, um Probleme des strukturellen Rassismus besser zu bekämpfen.

Sehen Sie sich unser Interview mit Almaz Teffera im Videoplayer oben an.

Journalist • Andreas Rogal

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