Eine 'ausgebrannte Nation'? Großbritannien kämpft mit hohen stressbedingten Arbeitsausfällen

Mehr als ein Drittel der britischen Erwachsenen erlebt ein hohes oder extrem hohes Maß an Druck und Stress.
Mehr als ein Drittel der britischen Erwachsenen erlebt ein hohes oder extrem hohes Maß an Druck und Stress. Copyright Canva
Von Laura LlachAndreas Rogal
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

Fast die Hälfte der befragten Arbeitnehmer:innen gab an, dass die Arbeitgeber nicht über einen Plan verfügen, um Anzeichen von chronischem Stress zu erkennen und Burnout vorzubeugen.

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Als sie sich um ihre beiden Kinder kümmerte und gleichzeitig versuchte, ein Psychologiestudium abzuschließen, fühlte sich Rose, 29, überfordert. Zu diesem Zeitpunkt wurde ihr klar, dass sie an einem Burnout leidet.

"Ich habe oft viel um die Ohren. Ich musste mehrmals um eine Verlängerung des Abgabedatums meiner Universitätsarbeit bitten. Mit der Zeit hat mich das zermürbt und zu einem Burnout geführt. Ich fühlte mich jeden Tag überfordert und hilflos", sagt sie.

"Schlimmer noch, das Burnout hat sich auf meine Motivation ausgewirkt, was bedeutet, dass ich Mühe habe, zu funktionieren und meine täglichen Aufgaben zu erledigen, so dass ich immer weiter zurückfalle", fügt sie hinzu.

Die Britin sagt, ihr Gemütszustand habe die Beziehung zu ihren Kindern so verändert, dass sie das Gefühl habe, nicht mehr die fröliche Mutter sein zu können, die sie sich wünschten.

Laut dem jüngsten Bericht von Mental Health UK haben mehr als 90 Prozent der Erwachsenen im Vereinigten Königreich im vergangenen Jahr ein "hohes oder extremes Maß an Druck oder Stress" erlebt.

Die Zahl der Arbeitnehmer:innen, die gezwungen sind, eine Auszeit von der Arbeit zu nehmen, um sich um ihre psychische Gesundheit zu kümmern, ist "besorgniserregend". Jeder Fünfte musste nach Angaben der Wohltätigkeitsorganisation wegen des Drucks oder Stresses, dem er ausgesetzt ist, eine Pause einlegen.

"Einfach ausgedrückt, deutet dieser Lackmustest des Wohlbefindens der Nation darauf hin, dass sich das Vereinigte Königreich schnell zu einer Burnout-Nation entwickelt, mit einer besorgniserregenden Anzahl von Menschen, die aufgrund einer schlechten psychischen Gesundheit, die durch Stress verursacht wird, eine Auszeit von der Arbeit nehmen", sagte Brian Dow, Chief Executive von Mental Health UK.

Die Zahlen des Berichts zeigen, dass das Vereinigte Königreich mit hohen Fehlzeiten und den damit verbundenen Kosten für den Einzelnen, den Arbeitgeber und den Steuerzahler zu kämpfen hat.

Die Wohltätigkeitsorganisation ist der Ansicht, dass dies ein Problem ist, das angegangen werden muss, und fordert die britische Regierung auf, dies anzuerkennen und sich für die Schaffung gesunder Arbeitsplätze und die Unterstützung von Menschen einzusetzen, die mit Stress und psychischen Gesundheitsproblemen zu kämpfen haben.

Die Umfrage deutet darauf hin, dass die Arbeitsplätze möglicherweise schlecht auf die Unterstützung von Mitarbeiter:innen mit hohem Stressniveau vorbereitet sind.
Die Umfrage deutet darauf hin, dass die Arbeitsplätze möglicherweise schlecht auf die Unterstützung von Mitarbeiter:innen mit hohem Stressniveau vorbereitet sind.Canva

"Burnout ist schädlich für unser Wohlbefinden".

Der Bericht von Mental Health UK basiert auf Zahlen einer YouGov-Umfrage unter 2 060 Erwachsenen, darunter 1 132 Arbeitnehmer:innen. Die Ergebnisse zeigen, dass Arbeitsplätze wahrscheinlich schlecht darauf vorbereitet sind, Mitarbeiter zu unterstützen, die einem hohen Stressniveau ausgesetzt sind.

Fast die Hälfte der befragten Arbeitnehmer:innen gab an, dass ihr Arbeitgeber keinen Plan hat, um Anzeichen von chronischem Stress zu erkennen und Burnout zu verhindern.

"Meine eigene Erfahrung mit Burnout hat mir gezeigt, wie schädlich es für unser Wohlbefinden sein kann und warum Arbeitgeber konkreten Maßnahmen zur Prävention Priorität einräumen müssen", sagte Deidre Bowen, Direktorin für nationale Programme bei Mental Health UK.

Für Bowen stand die Arbeit im Mittelpunkt ihres Lebens, und Burnout kam für sie völlig überraschend. In ihrem früheren Unternehmen hatte sie das Gefühl, dass sie mit mehreren Aufgaben jonglierte, rund um die Uhr arbeitete und gleichzeitig mit der durch die Pandemie verursachten Unsicherheit zu kämpfen hatte.

"Körperlich war ich erschöpft, ständig nervös und kämpfte mit Kopfschmerzen. Ich schlief schnell ein, wachte aber in der Nacht auf, weil mich die Gedanken übermannten. Ich hatte Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren und war oft abgelenkt", so Bowen.

"Ich lebte in einem Zustand der Überforderung, in dem die Grenzen zwischen der Arbeit und dem Leben außerhalb der Arbeit immer mehr verwischten", fügte sie hinzu.

Als sie schließlich erkannte, dass sie unter Burnout litt, beschloss sie, sich drei Wochen lang freizunehmen und eine Therapie zu machen, aber die Genesung dauerte länger als erwartet. Sie sagt, sie habe ihre Einstellung zur Arbeit ändern müssen.

"Jetzt zeige ich offen meine Verletzlichkeit, sie ist keine Schwäche", erklärte sie.

Zahl der Burnout Fälle auch in Deutschland "drastisch angestiegen"

Laut einer Erhebung der deutschen Onlineplattform Statista, die sich auf Zahlen der gesetzlichen deutschen Krankenkassen stützt, hat sich die Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Burnout-Erkrankungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Deutschland mehr als verzehnfacht: von 0,6 pro tausend Arbeitnehmer:innen im Jahr 2004, auf 6,8 im Jahr 2022.

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"Hochgerechnet auf alle gesetzlich krankenversicherten Beschäftigten ergeben sich daraus für 2022 rund 216 000 Burn-out-Betroffene mit kulminierten 5,3 Millionen Krankheitstagen", heißt es in der Studie, und: "Psychische Erkrankungen haben sich zu einer der Hauptursachen für Arbeitsunfähigkeit entwickelt."

Die britische Umfrage ergab auch, dass angesichts der steigenden Preise fast 38 Prozent der Arbeitnehmer:innen Stress empfinden, weil sie aufgrund der Lebenshaltungskostenkrise zusätzliche Arbeit übernehmen müssen.

Obwohl ein hohes Stressniveau die Norm zu sein scheint, fühlt sich in Großbritannien jeder vierte Erwachsene (24 %) nicht in der Lage, den Stress in seinem Leben zu bewältigen.

"Es wird keine einfache Lösung geben, die für alle passt, aber wenn wir die Herausforderungen, vor denen wir stehen, nicht richtig verstehen und angehen, wird dies unsere langfristige Gesundheit und unseren Erfolg als Nation gefährden", sagte Dow.

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