12-Std-Tage und kaum Gehalt: Spanien prüft Arbeitsbedingungen bei 'Big Four'-Beratungsfirmen

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Von Laura Llach
Ein Mann läuft durch das Finanzviertel von Madrid, das im Jahr 2020 Covid-bedingt abgesperrt war.
Ein Mann läuft durch das Finanzviertel von Madrid, das im Jahr 2020 Covid-bedingt abgesperrt war.   -   Copyright  Paul White/AP

Der Arbeitstag von Sergio Padilla, ein fiktiver Name auf Wunsch des Befragten, dauerte von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends. Zwölf Stunden am Tag. In Spitzenzeiten saß er bis ein Uhr nachts an seinem Schreibtisch.

Etwas, das für ihn völlig normal war, denn alle seine Kolleginnen un Kollegen in der Beratungsfirma in Madrid befanden sich in der gleichen Situation. Marathon-Arbeitstage waren in allen Abteilungen die Norm.

Freizeit wurde für Padilla immer seltener. Er kam nach Hause, schlief wenig undging wieder ins Büro. Unter der Woche hatte er nicht einmal Zeit, in den Supermarkt zu gehen. Essen bestellte er sich nurnoch.

Er sagt, dass er in den zwei Jahren, in denen er für das Unternehmen arbeitete, "verbittert" war, dass sich seine Stimmung änderte und er kaum ein Sozialleben hatte.

Anfang 2020 beschloss er, seine Stelle zu kündigen. Er schaffte es einfach nicht mehr.

In Spanien ist jetzt die Arbeitsaufsichtsbehörde auf die so genannten "Big Four" aufmerksam geworden, die großen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen. Eine Razzia im November in den Hauptquartieren von Deloitte, PwC, EY und KPMG war der Beginn einer großen Ermittlung, die weiter andauert, wie Quellen aus dem Ministerium für Arbeit und Sozialwirtschaft gegenüber Euronews bestätigten.

Eine Abteilung des von Yolanda Díaz geleiteten Ministeriums für Arbeit und Sozialwirtschaft überprüft die Zeitenprotokolle, der alle spanischen Unternehmen seit 2019 unterworfen sind.

Ihr Ziel ist es, Beweise dafür zu finden, dass die Arbeitszeiten der Arbeitnehmer:innen viel länger sind als in den Aufzeichnungen angegeben.

Paul White/AP
Die Straßen des Madrider Finanzviertels im Schnee, im Januar 2023.Paul White/AP

Wenn die Arbeit 80 % des Lebens ausmacht

Als Enrique Martín erfuhr, dass er als Analyst in der valencianischen Zentrale von Deloitte einen Job bekommen sollte, wusste er sofort, dass damit harte Arbeit verbunden wäre.

"Ich wusste, dass ich mich für eine nach vorne zukunftsgerichtete Position und Dynamik entschied, aber ich dafür würde ich mich extrem anstrengen müssen. Die Beratungsbranche hat den Ruf, hart arbeiten zu müssen", sagt er.

Wie im Fall von Sergio war es auch für Enrique normal, Überstunden zu machen und Arbeitstage von 12 Stunden pro Tag aneinanderzureihen. Er arbeitete neun Monate lang für das Unternehmen, bis sein Vertrag endete.

"Mein Leben bestand nur aus Arbeit, daran habe ich mich gewöhnt. Ich habe es nicht gemerkt, aber von Montag bis Donnerstag war ich 80 % der Zeit im Büro", sagt sie.

Die vier großen Beratungsunternehmen rühmen sich ihres Engagements und ihrer Verpflichtung gegenüber ihren Kund:innen. Doch für die Angstellten heißt das 80 Stunden pro Woche.

Quellen im Arbeitsministerium zufolge ist es das erste Mal, dass gegen die Big Four ermittelt wird. In Spanien gab es bisher keinen Präzedenzfall. Zurzeit wird die gesamte Vertragssituation überprüft, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist: Regelungen für die Sozialversicherungsbeiträge und -zahlungen usw.

Marathon-Arbeitszeiten für Angestellte, Rekordgewinne für Unternehmen

Laut Raúl de la Torre, Leiter des Sektors Beratung und Informationstechnologie der Comisiones Obreras, einer der wichtigsten Gewerkschaften Spaniens, hat der Arbeitgeberverband vor einigen Monaten ein Gefühl der Unzufriedenheit in der Branche ausgelöst.

"Vor einigen Monaten wollten sie in den Vertrag aufnehmen, dass wir von Montag bis Samstag bis zu 12 Stunden pro Tag arbeiten müssen, ohne einen zusätzlichen Ausgleich zu erhalten. Wir haben eine Kampagne in den sozialen Netzwerken gestartet, die den ersten Streik in der Branche ausgelöst hat", sagt er.

Die maximale Länge des Arbeitstages wird nicht eingehalten, die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten werden nicht eingehalten und die Bezahlung wird jeden Tag schlechter.

Dies erregte die Aufmerksamkeit der Arbeitsaufsichtsbehörde. "Es handelte sich um ein Verfahren von Amts wegen, es wurde keine Klage eingereicht. Die Inspektoren entdecken über die Presse oder soziale Netzwerke Praktiken, die ihrer Meinung nach gegen das Arbeitsrecht verstoßen könnten, und werden tätig", so das Arbeitsministerium.

Für de la Torre haben sich die Arbeitsbedingungen seit 2008 nur verschlechtert, während die Unternehmen Rekordgewinne verzeichnen. Im Jahr 2021 erwirtschafteten sie nach Angaben der Zeitung Expansión einen Umsatz von 2,5 Milliarden Euro im Geschäftsjahr.

"Die maximale Länge des Arbeitstages wird nicht eingehalten, die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten werden nicht eingehalten und die Bezahlung wird jeden Tag schlechter. Wir haben Kopien der Verträge in diesem Sektor und es gibt Leute, die in Madrid arbeiten und 14.000 Euro im Jahr verdienen", sagt der Sprecher der Comisiones Obreras.

Die Gewerkschaft ist besorgt über die Gleichstellungspläne, die mit dem Unternehmen ausgehandelt werden, und fragt sich, welchen Sinn es hat, sich auf eine Reihe von Schlichtungsmaßnahmen einzulassen, wenn die Arbeitnehmer keine andere Wahl haben, als zwölf, vierzehn oder sogar sechzehn Stunden am Tag zu arbeiten. "Es ist unmöglich, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren", sagt de la Torre.

Im Jahr 2008 war man für einen Arbeitsplatz dankbar

Obwohl sich die Gesellschaft verändert hat und die Prioritäten der jungen Menschen eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben verlangen, weisen sowohl Padilla als auch Martín darauf hin, dass Marathonarbeitszeiten in den Big Four völlig normal sind.

"Im Jahr 2008, als die Krise ausbrach, suchten vier Personen nach einer Stelle. Es hat sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt, dass wir für die Arbeit sehr dankbar sein müssen", sagt de la Torre.

Hinzu kommt, dass das Profil, das die großen Beratungsunternehmen suchen und mit dem sie einen großen Teil ihres Personals ausstatten, Hochschulabsolventen sind. Laut dem jüngsten Bericht des Spanischen Verbands der Beratungsunternehmen gingen 29 % der von diesen Unternehmen im Jahr 2021 neu abgeschlossenen Verträge an Hochschulabsolventen, die noch keine Berufserfahrung hatten.

Junge Menschen sehen dieses Opfer als berufliches Katapult. "Die meisten von ihnen arbeiten einige Jahre in dem Unternehmen, mit dem Ziel, von einem der Kunden eingestellt zu werden. Sie wollen auf sich aufmerksam machen, um bessere Bedingungen und ein höheres Gehalt zu erhalten", sagt Martín.

Dies wird durch das soziale Netzwerk LinkedIn bestätigt, wo ein Blick auf die Profile ehemaliger Mitarbeiter zeigt, dass sie durchschnittliche weniger als zwei Jahre in den Beratungsfirmen bleiben. In anderen großen Unternehmen sind es bis zu sieben Jahre.

"Diese Unternehmen sagen, dass sie 5.000 Leute pro Jahr einstellen, aber der wahre Grund, warum sie so viele Leute einstellen, ist, dass die Mitarbeiter es nicht aushalten und gehen", sagt de la Torre.

Hohe Strafen?

Da zum ersten Mal gegen die großen Beratungsunternehmen ermittelt wird, ist unklar, wie hoch die Strafen ausfallen könnten. Bekannt ist nur, dass sie das Ergebnis der Untersuchung fürchten.

"Oft ist nicht nur die Sanktion, sondern auch das Liquidationsverfahren von Bedeutung. Das wirklich Schlimme für das Unternehmen ist, dass es nicht nur alle Überstunden für jeden Arbeitnehmer und jede Arbeitsnehmerin bezahlen, sondern auch noch Beiträge dafür entrichten muss", heißt es aus dem Arbeitsministerium.

Für den Sprecher der Comisiones Obreras ist dies jedoch nicht genug. "Die kleinsten Bußgelder sind lächerlich. Ein Unternehmen mit 7.500 Euro zu bestrafen, weil es die Arbeitszeiten nicht korrekt erfasst und die Mitarbeiter:innen zu Überstunden zwingt, ist rentabel", sagt er.

"Das Problem ist, dass die Inpección de Trabajo (Die Arbeitsinspektion) Tausende von Unternehmen überwachen muss und es nur relativ wenige Inspektoren gibt. Sie sollten viel mehr Mittel erhalten", sagt er.