Flüge am Boden zu lassen ist komplexer als nur Schnee und Eis von der Startbahn zu räumen. Luftfahrtexperten erklären, warum.
Vergangene Woche strandeten im Norden Finnlands Tausende Touristen. Am Flughafen Kittilä wurden wegen strenger Kälte Flüge gestrichen.
Das nordische Land gilt als besonders versiert im Umgang mit Winterwetter. Der Flugverkehr gerät dort viel seltener ins Stocken als in weiter südlich gelegenen europäischen Staaten.
Was legte den Betrieb dennoch lahm? Luftfahrtfachleute erklären: Starts zu stoppen ist mehr als nur Schnee und Eis von der Piste zu räumen.
Warum kommen Finnlands Flughäfen mit Winterwetter so gut zurecht?
In Finnland gehören eisige Temperaturen und starker Schneefall im Winter zum Alltag. Die Flughäfen arbeiten deshalb nach etablierten Wartungsprogrammen.
Der Flughafen Helsinki etwa führt tägliche Wartung durch und setzt auf gezielte Schneeräumung.
"Der Begriff 'gezielte Schneeräumung' beschreibt das Betriebsmodell für Tage mit ungewöhnlichem Schneefall auf den Vorfeldern (wo Flugzeuge abgestellt werden)", sagte Anssi Väisänen, Leiter der Vorfeldoperationen von Finavia am Flughafen Helsinki, in einer Mitteilung.
"Der Abstellplan wird rund zwölf Stunden im Voraus erstellt, damit auf dem Vorfeld mehrere freie Positionen nebeneinander liegen.
So kann die Wartung ihre Kräfte bündeln und das Areal räumen. Danach beginnt der Turnaround der Flugzeuge."
Die Abstellflächen für Flugzeuge werden abschnittsweise freigeräumt. So können die Teams in einem Durchgang möglichst große Flächen fegen und räumen.
Auch Start- und Rollbahnen müssen schneefrei bleiben. Am Flughafen Helsinki steht eine Flotte von 200 Fahrzeugen und Maschinen bereit, von Pflügen bis zu Sprühanlagen für Chemikalien, um seine drei Pisten zu räumen.
Die Giganten dieser Flotte sind die Kehrblasgeräte Vammas PSB 5500. Die 31-Tonnen-Maschinen räumen einen 5,5 Meter breiten Pistenabschnitt in nur elf Minuten. Möglich wird das durch drei kombinierte Räumfunktionen.
"Kehrblasgeräte laufen in der Wintersaison bis zu 800 Stunden", ergänzte Pyry Pennanen, Leiter der Flugfeldinstandhaltung von Finavia am Flughafen Helsinki, in der Mitteilung.
Die Geräte bedienen 135 geschulte Wartungskräfte, davon 75, die nur für die Wintersaison eingestellt werden.
Für das Räumen der 3.500 Meter langen und 60 Meter breiten Pisten bleiben in Helsinki 13 Minuten.
Dabei helfen Enteisungsmittel und sorgfältig geplante, eingeübte Räummuster. Meist schaffen sie es in elf Minuten.
Eine der drei Pisten wird geräumt. Die beiden anderen bleiben derweil in Betrieb.
Warum mussten am Flughafen Kittilä Flüge am Boden bleiben?
Selbst Flughäfen weiter nördlich, jenseits des Polarkreises, schließen wegen Winterwetter nur selten.
Am Flughafen Ivalo fiel das Thermometer beim jüngsten Extremereignis im Jahr 2023 auf minus 35 Grad. Selbst dann strich der Flughafen nur einen einzigen Flug; ansonsten lief der Betrieb normal weiter.
Am Flughafen Kittilä sank die Temperatur am elften Januar nach mehreren ähnlich eisigen Tagen auf minus 37 Grad Celsius. Der Betrieb war jedoch deutlich stärker beeinträchtigt als in Ivalo.
Treffen Schnee und Eis zugleich, stoßen die Kapazitäten an ihre Grenzen. Ausschlaggebend war jedoch das Eis an den Flugzeugaußenflächen. Es kann mechanische Teile und Klappen an den Tragflächen festfrieren lassen.
"Mit Eis auf den Tragflächen zu fliegen, ist extrem gefährlich. Die Umströmung des Flügels wird gestört. Es kommt zum Strömungsabriss, das Flugzeug stürzt ab", sagte Joris Melkert, Dozent für Luft- und Raumfahrttechnik an der Technischen Universität Delft, der niederländischen Zeitung De Telegraaf.
Um das zu verhindern, wird das Eis zuerst mit warmem Wasser entfernt und das Flugzeug anschließend mit Enteisungsflüssigkeit besprüht. Der Vorgang dauert zwischen zehn Minuten und einer halben Stunde.
Bei strengem, aber trockenem Frost kann Enteisung entfallen. Ist Feuchtigkeit in der Luft, steigt der Bedarf in der Regel, sagte ein Sprecher von Finavia, dem Betreiber des finnischen Flughafennetzes.
"Wegen der extrem schwierigen Bedingungen mussten Airlines am Freitag, Samstag und Sonntag Flüge nach Kittilä streichen", hieß es.
Finavia teilte dem öffentlich-rechtlichen Sender Yle zudem mit, dass beim Betanken Anschlüsse des Bodengeräts und Klappen an Fahrzeugen festgefroren seien. Enteisung sei dadurch unmöglich gewesen.
Das Enteisungsdebakel am Flughafen Schiphol
Anfang Januar wurden am Flughafen Schiphol in Amsterdam mehr als 3.000 Flüge gestrichen, als eisiges Wetter aufzog.
Starker Schnee setzte die Räumung der Pisten unter Druck. Entscheidend war jedoch erneut die Enteisung der Flugzeuge, die den Betrieb ausbremste.
De Telegraaf berichtet, Schiphol habe aus Kostengründen darauf verzichtet, an jeder Piste Enteisungsanlagen zu installieren. Flugzeuge müssen dadurch länger rollen, bei schwerem Wetter entstehen Engpässe.
Das Hauptproblem: Die lang anhaltenden Frostbedingungen setzten dem Betreiber KLM zu. Die Airline erledigt den Großteil der Enteisung für abgehende Maschinen am Flughafen.
Für die Enteisung sind 100 Mitarbeitende und 25 Fahrzeuge im Einsatz. In der Woche mit Extremtemperaturen wurden alle aufgeboten.
Nach einigen Tagen Dauereinsatz ging der Vorrat an Enteisungsflüssigkeit zur Neige, teilte die niederländische Airline mit. Sie musste weitere Flüge streichen.
KLM schickte Mitarbeitende nach Deutschland, um Nachschub zu beschaffen, mehr als 100.000 Liter Flüssigkeit. Dadurch konnte der Betrieb nach einigen Tagen schrittweise wieder anlaufen.
"Dieser Dominoeffekt lässt Schiphol an solchen Schneetagen völlig stillstehen. Wir sind das Gespött Europas", sagte ein KLM-Mitarbeitender anonym gegenüber De Telegraaf.