Experten warnen: Im Nahen Osten geraten die „Salzwasser-Königreiche“ in Gefahr, weil Entsalzungsanlagen und Ölinfrastruktur zunehmend ins Visier geraten.
Über Iran ging am Wochenende „schwarzer Regen“ nieder, nachdem US-israelische Angriffe Öllager getroffen hatten.
In den Rauchschwaden stecken neben Vorläufern von saurem Regen – Schwefeldioxid und Stickstoffdioxid – wahrscheinlich ein Cocktail aus Kohlenwasserstoffen, Feinstaub PM2,5 und krebserregenden Verbindungen, erklärt Gabriel da Silva, außerordentlicher Professor für Chemieingenieurwesen an der University of Melbourne. Aus der zerstörten Infrastruktur können zudem Schwermetalle und andere anorganische Stoffe freigesetzt werden.
Vor Ort berichten Menschen von Atemnot sowie brennenden Augen und Schleimhäuten. Die langfristigen Gesundheitsrisiken reichen jedoch von Krebs über Fehlgeburten und Geburtskomplikationen bis zu neurologischen Erkrankungen und Herzproblemen. Setzen sich die Schadstoffe auf Gebäuden ab und gelangen in Flüsse und Küstengewässer, können sie noch lange nach dem Löschen der Brände bleiben und das ohnehin gestresste Meeresökosystem weiter schädigen.
Entsalzungsanlagen: Verwundbare Lebensader im Nahen Osten
Verschmutzung ist nur eine von vielen Gefahren für die Wasserversorgung Irans und seiner Nachbarn. Angriffe haben Entsalzungsanlagen im Nahen Osten getroffen. Sie gewinnen Süßwasser aus salzigem Meerwasser und sichern die Versorgung vieler Großstädte der Region – und werden damit in Kriegszeiten zu einem zentralen Schwachpunkt.
„Alle denken bei Saudi-Arabien und seinen Nachbarn an Petrostaaten. Ich nenne sie Salzwasser-Königreiche“, sagt Michael Christopher Low, Direktor des Middle East Center an der University of Utah. „Es sind menschengemachte, mit fossilen Brennstoffen angetriebene Wassersupermächte. Das ist eine monumentale Errungenschaft des 20. Jahrhunderts – und zugleich eine besondere Form der Verwundbarkeit.“
Iran wirft den Vereinigten Staaten vor, einen Präzedenzfall geschaffen zu haben, nachdem ein Luftangriff eine iranische Entsalzungsanlage beschädigte und die Wasserversorgung für 30 Dörfer kappte.
Am Sonntag wiederum beschuldigten mehrere Staaten Iran, eine Entsalzungsanlage in Bahrain beschädigt zu haben. Viele Entsalzungsanlagen am Golf sind als Kraft‑Wärme‑Kopplungsanlagen direkt mit Kraftwerken verbunden. Angriffe auf die Strominfrastruktur können deshalb auch die Wasserproduktion lahmlegen.
Ernste Wasserkrise rückt näher
Iran ist zwar weniger stark von Entsalzung abhängig als seine Nachbarn und bezieht den Großteil seines Wassers aus Flüssen, Stauseen und Grundwasserleitern. Doch nach fünf Jahren Dürre sind diese Reserven stark geschrumpft.
Das Land versucht mit Hochdruck, entlang der Südküste neue Entsalzungsanlagen zu bauen und einen Teil des Wassers ins Landesinnere zu pumpen. Engpässe bei der Infrastruktur, hohe Energiekosten und internationale Sanktionen begrenzen den Ausbau jedoch massiv.
„Schon vergangenen Sommer haben die Behörden darüber nachgedacht, die Hauptstadt zu evakuieren“, sagt Ed Cullinane, Middle-East-Redakteur bei Global Water Intelligence. „Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie es in diesem Sommer aussieht – unter anhaltendem Beschuss, inmitten einer anhaltenden Wirtschaftskatastrophe und einer ernsthaften Wasserkrise.“
Öllieferausfälle und erneuerbare Energien
Bombardierte Raffinerien und unterbrochene Schifffahrtswege setzen ölabhängige Volkswirtschaften schwer unter Druck. Erfahrungsgemäß greifen Regierungen in solchen Situationen zunächst zu noch schmutzigeren Brennstoffen.
Nach Russlands Angriff auf die Ukraine stiegen einige europäische Länder wieder auf Kohle um, andere zahlten Aufschläge für über den Atlantik verschifftes US-Flüssigerdgas.
Seit Iran die Straße von Hormus geschlossen hat, durch die 20 Prozent des globalen Ölhandels laufen, müssen Tanker den langen Umweg um Afrika nehmen. Das treibt die Emissionen der Schifffahrt nach oben und erhöht entlang der überlasteten Ausweichrouten das Risiko weiterer Ölkatastrophen.
Die Sperrung gefährdet auch die weltweite Nahrungsmittelversorgung. Rund ein Drittel des globalen Düngemittelhandels passiert die Meerenge. Mit den steigenden Ölpreisen wachsen auch die Kosten für Landwirtschaft und Lebensmitteltransporte.
Gleichzeitig wächst der Druck, Ernährung und Energieversorgung im eigenen Land abzusichern.
„Heimische erneuerbare Energien waren noch nie so günstig, so gut verfügbar und so leicht skalierbar“, sagt UN-Generalsekretär António Guterres. „Die Ressourcen des Zeitalters der sauberen Energie lassen sich nicht blockieren und nicht als Waffe einsetzen.“
Klima-Folgen des Krieges
Unabhängig davon, wofür sich Staaten energiewirtschaftlich entscheiden, treibt der Krieg die Emissionen in die Höhe.
Der Krieg Russlands gegen die Ukraine befindet sich inzwischen im vierten Jahr und hat bislang schätzungsweise 311 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent ausgestoßen.
Berichte zeigen, dass die Streitkräfte weltweit schon vor der Invasion Irans für 5,5 Prozent (Quelle auf Englisch) der jährlichen, die Erde aufheizenden Emissionen verantwortlich waren – mehr als jedes einzelne Land außer China, den Vereinigten Staaten und Indien.
Neta Crawford, Mitbegründerin des Costs of War (Quelle auf Englisch)-Projekts am Watson Institute for International and Public Affairs der Brown University, nennt Kampfflugzeuge, die riesige Mengen Treibstoff verbrauchen und Kohlendioxid sowie andere Schadstoffe freisetzen, nur als ein Beispiel.
„Die Folgen des Krieges für die Emissionen werden alle kleinen Einsparungen, die durch neuen Elan für die grüne Wende entstehen, bei weitem übertreffen“, sagt sie.