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Simon Wallfisch ist einer von 3.000 britischen Juden, die einen deutschen Pass wollen

Maya Jacobs Lasker-Wallfisch, Anita Lasker-Wallfisch und Simon Wallfisch
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AP Photo/Markus Schreiber
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Seine Großmutter hat Auschwitz überlebt und geschworen, nie in das Land zurückzukehren, das ihre Eltern und sechs Millionen weitere Juden ermordet hat. Doch jetzt hat der Brexit Simon Wallfisch gezwungen, etwas für die Großmutter Undenkbares zu tun: Er beantragte die deutsche Staatsbürgerschaft.

Siebzig Jahre nach dem Holocaust ist der 36-jährige Wallfisch unter den Tausenden britischer Juden, die seit Juni 2016 einen deutschen Pass beantragt haben. In den vergangenen zweieinhalb Jahren gab es 3.802 solcher Anträge unter einer Sonderregelung für Menschen – und ihre Nachkommen –, denen von 1933 bis 1945 aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen die deutsche Staatsbürgerschaft verweigert wurde.

"Diese Katastrophe, die wir Brexit nennen, hat dazu geführt, dass ich nur einen Weg sehe, meine Zukunft und die meiner Kinder zu sichern", sagte Wallfisch der Nachrichtenagentur Associated Press. Der bekannte klassische Sänger und Cellist erhielt im Oktober seinen deutschen Pass und kann sich damit – egal was die Zukunft bringt – innerhalb der EU-Staaten frei bewegen.

Zwei Jahre in Auschwitz und Bergen-Belsen

Briten, deren Verwandte Verbindungen zu anderen EU-Ländern – insbesondere Irland – haben, beantragen ebenfalls Pässe in ganz Europa. Aber für Juden, deren Vorfahren aus Deutschland flohen, um den Nazis zu entkommen, ist das eine ganz andere, schwierigere Entscheidung.

Wallfischs Großmutter, Anita Lasker-Wallfisch, war 1943 18 Jahre alt, als sie nach Auschwitz, einem nationalsozialistischen Vernichtungslager im besetzten Polen, deportiert wurde. Dort wurden mehr als eine Million Juden getötet. Sie überlebte, weil sie einen Zweck erfüllte: Als Cellistin spielte sie klassische Musik, während andere Juden in die Gaskammern gebracht wurden.

Im November 1944 wurde sie in das Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht, in dem auch die Tagebuchschreiberin Anne Frank starb. Frank war etwa zur gleichen Zeit aus Auschwitz versetzt worden. Anita Lasker-Wallfisch wurde im Gegensatz zu ihr im April 1945 von der britischen Armee befreit.

Im Jahr 1946 wanderte sie nach Großbritannien aus, heiratete und bekam zwei Kinder. Ihre Karriere als berühmte Cellistin führte sie um die Welt, aber es dauerte Jahrzehnte, bis sie ihren Groll überwunden hatte: In den 90er Jahren betrat sie wieder deutschen Boden.

"Jüdische Menschen fühlen sich nie sicher"

In den vergangenen Jahren wurde die 93-Jährige zu einem regelmäßigen Besucher im Land. Sie sprach als Zeitzeugin auf Veranstaltungen und informierte deutsche Kinder über den Holocaust.

Am Sonntag, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, traten Lasker-Wallfisch, ihr Enkel Simon und ihre Tochter Maya Jacobs Lasker-Wallfisch zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne des Jüdischen Museums Berlin zum Gedenken an ihre Familie auf.

Vor der Ausstellung saßen die drei auf der roten Couch in der Garderobe des Museums und erzählten, wie emotional die Entscheidung der beiden Jüngeren war, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.

"Wir dürfen nicht Opfer unserer Vergangenheit werden. Wir müssen Hoffnung auf Veränderung haben", sagte Maya Jacobs Lasker-Wallfisch, eine 60-jährige Psychotherapeutin, die in London parktiziert. Sie ist Simon Wallfischs Tante und wartet immer noch auf die Genehmigung ihrer deutschen Staatsbürgerschaft. "Ich fühle mich irgendwie auf eine seltsame Weise triumphierend. Der Kreis schließt sich."

"Ich fühle hier [in Berlin] eine Lebendigkeit, die ich noch nie erlebt habe, aber es macht absolut Sinn, denn schließlich bin ich Deutscher", sagte Jacobs Lasker-Wallfisch. Nur Anita Lasker-Wallfisch bleibt skeptisch.

"Jüdische Menschen fühlen sich nie sicher", sagte sie zu ihrer Tochter und ihrem Enkel. "Ich hatte die deutsche Staatsbürgerschaft – das hat mir keine Sicherheit verschafft."