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Kuh-Alarm auf der Alm - viel Angst und 10 Regeln

Kuh-Alarm auf der Alm - viel Angst und 10 Regeln
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Pixabay CC AlessandroSquassoni
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So friedlich liegen sie da und käuen wieder. Doch der Schein scheint zu trügen. «Danger!», warnt ein Schild am Weidezaun nahe dem Blomberg bei Bad Tölz. «Keep distance!» Überall in den bayerischen Alpen stehen diese Tafeln, die auf Englisch auch den ausländischen Wanderer erreichen sollen.

Alm- und Alpwirtschaftliche Vereine, Tourismusämter und Bauernverband reagieren so auf eine bisher offensichtlich unterschätzte Gefahr: In Österreich endete das Zusammentreffen einer Hundebesitzerin mit Kühen tödlich. Die 45-Jährige aus Rheinland-Pfalz wurde 2014 im Stubaital von einer Herde totgetrampelt, die wohl ihre Kälber vor dem Hund schützen wollte. Nun herrschen Alarm und Angst auf den blumigen Almwiesen - auch nach weiteren Kuh-Attacken.

180.000 Euro Schadenersatz

Vor allem das Urteil des Landgerichts Innsbruck im Februar zu dem Todesfall sorgt für Verunsicherung - und zwar mehr unter Bauern als unter Touristen: Das Gericht sprach den Hinterbliebenen rund 180 000 Euro Schadenersatz und eine monatliche Rente in vierstelliger Höhe zu. «Die Angst vor der Haftung ist gestiegen», sagt Hans Stöckl, Geschäftsführer des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. Auch in Deutschland habe nach dem Urteil eine Wanderin eine Klage erwogen, nachdem sie im vergangenen Sommer bei der Gindelalm im Spitzinggebiet von einer jungen Kuh umgerannt worden war.

Aus Österreich werden indessen weitere Fälle berichtet: Vor gut drei Wochen griff eine Kuh am Hochkönig im Bezirk Pinzgau plötzlich eine vorbeigehende Wienerin an - vermutlich hatte sich das Tier erschreckt. Eine gute Woche später stieß bei Sölden ein junges Rind eine deutsche Wanderin um, es war mit anderen Jungtieren auf sie zugelaufen. Beide Frauen kamen per Heli ins Krankenhaus.

In Österreich stehen im Sommer rund 270 000 der Tiere auf Almen; in den bayerischen Alpen sind es 50 000. Vielfach kreuzen Wanderwege die Weiden. Der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern riet Bauern unter anderem zu einer Betriebshaftpflichtversicherung - und zu Warnhinweisen. So hängen an den Kuhweiden die «Danger»-Schilder, die auch auf die wichtigen Leistungen der Wiederkäuer verweisen: «Weidetiere pflegen unsere Landschaft.» Ob Warnschilder bei einem Unfall ausreichen, ist offen. Nach Auffassung des Innsbrucker Gerichts wären speziell an dem Unfallort Abzäunungen nötig gewesen.

Oft, so hört man, hätten Wanderer kein Gespür, wie sie sich zu verhalten haben. Viele hätten überhaupt keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft und oft auch nicht zur Bergwelt. Die Gefahr steigt noch, wenn Mutterkühe mit Kälbern auf den Almen sind, die sie schützen wollen. «Die Zahl der Muttertiere auf den Almen nimmt zu. Dadurch steigt auch die Spannung zwischen Wanderern und Tieren», sagt Markus Drexler vom Bayerischen Bauernverband.

Auch der zunehmende Ansturm auf die Berge verschärft die Lage. Gerade der Tagestourismus habe zugenommen, sagt Stöckl. «Es macht die Masse aus. Damit steigt auch der Anteil derer, die rücksichtlos unterwegs sind.» Hinzu kämen Mountainbiker und immer mehr E-Biker, die auch in abgelegene Winkel der Bergwelt vordringen. Die Radler beunruhigten die Kühe mehr als Wanderer. Stöckl sagt, «dass man das Mountainbiken in Almgebieten stärker einschränken müsste» - nicht zuletzt wegen der Unfallgefahr. Auch hier fürchten die Almbauern die Haftung, etwa «wenn ein Mountainbiker stürzt oder in einen Zaun oder Almfahrzeug hineinfährt.»

Österreich erließ ein paar Wochen nach dem Urteil zu dem tödlichen Kuhunfall einen «Aktionsplan für sichere Almen». Wer sich nicht an den Verhaltenskodex halte, für den habe das im Schadensfall rechtliche Konsequenzen, sagte der damalige Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP). «Es geht um das gute Miteinander von Landwirtschaft und Tourismus auf Österreichs Almen.» Ein mögliches Hundeverbot auf Almen war schnell vom Tisch. «Wir wollen kein Land der Verbote sein», sagte der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) schon im Februar nach einem «Kuh-Gipfel» in Innsbruck.

Wanderer einfach aussperren und den Durchgang verbieten, ist zumindest in Bayern nicht möglich. «Wir haben im Freistaat ein freies Betretungsrecht. Die Sache ist deshalb nicht mit Verboten zu lösen», sagt Markus Drexler. Wanderer müssten Sorgfalt walten lassen - und die Tierhalter müssten informieren. Der Bauernverband hat für Almen und Hütten ein Plakat aufgelegt: «Machen Sie keine hektischen Bewegungen. Tiere sind schreckhaft», mahnt es. Und: «Machen Sie keine Selfies mit Weidetieren.» Eine Alm sei schließlich kein Streichelzoo.

Die Maßregeln entsprechen in etwa denen der Österreicher: Hunde an die Leine, im Fall einer Kuh-Attacke aber laufen lassen; Abstand zu Herde und Kälbern, und kein Lärm, der die Tiere nervös machen könnte. Derzeit laufen laut Almwirtschaftlichem Verein auch Gespräche mit anderen Verbänden, darunter Naturschützer und Deutscher Alpenverein (DAV), um möglicherweise gemeinsam Verhaltensregeln aufzustellen.

«Man kann damit die Anzahl von Konflikten reduzieren», sagt DAV-Präsident Josef Klenner zum österreichischen Plan. «Da sind ein paar nützliche Ratschläge zusammengefasst.» Die Verhaltensregeln seien allerdings keineswegs neu und erschlössen sich auch mit gesundem Menschenverstand. «Wenn ich auf die Alm gehe, dann muss ich nicht direkt neben die Kuh treten oder das Kalb streicheln oder den Hund frei laufen lassen - das sollte ich eigentlich wissen.» Er warnt vor Hysterie. «Ich kann wenig zu dem konkreten Fall sagen, der leider tödlich ausgegangen ist. Aber: Das zu verallgemeinern, wäre nicht richtig.»