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Italiens marode Autobahnen: Sanierungsstau und krumme Geschäfte

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Italiens marode Autobahnen: Sanierungsstau und krumme Geschäfte
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Wie sicher sind Italiens Autobahnen? Der Einsturz der Morandi-Brücke im August 2018 hat Versäumnisse, Fehler und Missstände eines ganzen Systems ans Licht gebracht, von der staatlichen Verwaltung bis hin zu den Kontrollmechanismen. Das ist das Thema dieser Folge von Unreported Europe.

Der Zustand der italienischen Autobahnen: ein nationaler Skandal

In Italien fährt man seit Jahren über marode Viadukte, ohne sich der Gefahren bewusst zu sein. Heute weiß man zwar um die Problematik, aber Autofahrer haben keine Wahl:

"Das Fahren auf einer Autobahn in Ligurien erfordert Mut", meint Luca Ternavasio, Gründer von "Autostrade Chiare".

Der Zustand der italienischen Autobahnen ist ein nationaler Skandal. Derzeit werden in Italien etwa zwanzig stark beschädigte Autobahnbrücken untersucht. Außerdem gibt es 200 illegale Tunnel, die nicht den europäischen Standards entsprechen. Ligurien, das von Viadukten und Tunneln durchzogen ist, steht im Mittelpunkt dieser Krise.

"Vor anderthalb Jahren stürzte ein Viadukt ein. Dabei kamen 43 Menschen ums Leben", sagt Luca Ternavasio. "In den vergangenen zwei Monaten stürzten 2,5 Tonnen Trümmer aus einem Tunnel herab. Wer durch Ligurien fährt, geht täglich ein Risiko ein."

Viele Unglücksfälle durch schlechte Instandhaltung

Der Einsturz der Morandi-Brücke im August 2018 in Genua war der Auslöser dafür, dass eine lange Reihe von Vorfällen miteinander in Verbindung gebracht wurden. 2016 brach eine Überführung in der Nähe von Mailand unter dem Gewicht eines Lastwagens zusammen, ein Mensch starb. 2017 stürzte bei Ancona eine Brücke ein, zwei Tote. Nach der Morandi-Katastrophe gab es zwei Unfälle in Ligurien: Durch einen Erdrutsch wurde eine Autobahnbrücke auf der A6 zerstört. Im vergangenen Dezember stürzte die Decke eines Tunnels auf der A26 unweit von Genua ein. Nur durch Zufall gab es keine Opfer.

Luca Ternavasio hat "Autostrade Chiare" gegründet. Ein Bürgerkomitee, das seit Dezember über 60.000 Anhänger gewonnen hat. Sie fordern Sicherheit und Gerechtigkeit. Die euronews-Reporterin begutachtet mit dem Aktivisten die ligurischen Autobahnen. Erste Station ist unterhalb der Autobahn Savona-Turin. Von dieser Seite will man das Tecci-Viadukt lieber nicht sehen. Mit dabei ist der Statiker, der als erster auf den schlechten Zustand der Viadukte in dieser Gegend hingewiesen hatte:

"Seit Jahrzehnten wird bei der Instandhaltung dieser Autobahn gespart. Seitdem sie gebaut wurde, ist nicht mehr viel passiert", meint der ehemalige Statiker Paolo Forzano. "Manchmal ist es gut, mit technischen Daten zu überprüfen, ob es sich um eine vertrauenswürdige Infrastruktur handelt."

Viele haben Angst vor der nächsten Katastrophe

Unter der Bisagno-Brücke leben die Menschen in Angst: Sie fürchten eine Katastrophe wie in Genua. Die Brücke gilt als "strukturell gesund", aber eine dreieinhalbjährige Sanierung steht an. Chiara Ottonello lebt seit 12 Jahren vor Ort. Sie will wegziehen:

"Hier sieht man die Brücke. Unser Gebäude steht seit 1925, die Brücke wurde 1967 eingeweiht. Sie zerbröckelt über unseren Köpfen. Wir haben jetzt große Angst, hier unten zu leben." Sie kann eine Menge Fundstücke vorweisen: "Das ist unsere Sammlung von Stücken, die von der Brücke gefallen sind. Sie sind auf unsere Häuser gefallen, auf die Straßen, in die Gärten, in denen wir friedlich und sicher leben sollten. Dies ist ein Fragment einer zehn Meter langen Rinne, die auf die Bushaltestelle gefallen ist. Das ist ein Bolzen aus den Autobahnverbindungen. Er hat auch einen Identifizierungs-Code. Es ist die dritte Schraube, die wir gefunden haben."

Trotz der geplanten Sanierungsarbeiten, bleibt der Aktivist skeptisch: "Auch bei der Morandi-Brücke hieß es, es sei alles in Ordnung, aber sie stürzte ein. Es gibt Brücken mit sehr ähnlichen Problemen, deshalb glauben wir dem Autobahnbetreiber nicht", so Luca Ternavasio.

Laufende Untersuchungen ergaben Fälschungen

Laufende Untersuchungen haben ergeben, dass der wichtigste Autobahnbetreiber, Autostrade per l'Italia, über den Zustand der Infrastruktur, angefangen bei der Morandi-Brücke, jahrelang gelogen hat. Euronews traf einen der Chefermittler im Hangar, in dem die Überreste der eingestürzten Brücke untersucht werden. Nur wenige Meter entfernt wird die Ersatzbrücke gebaut.

"Ausgehend vom Fall Morandi, und damit auch von der Art und Weise, wie die Kontrollen durchgeführt wurden, haben wir die gleichen Fälschungs-Schemata gefunden", erklärt Ivan Bixio, Colonello bei der Guardia di Fianza. "Einige Kontrollen wurden nur teilweise durchgeführt, bei anderen waren die Dokumente gefälscht. Das geschah sowohl vor als auch nach dem Einsturz der Morandi-Brücke."

Die Staatsanwaltschaft stellte fest, dass Autostrade per l'Italia ein untergeordnetes Unternehmen mit den Inspektionen seines Autobahnnetzes beauftragte. Kurz gesagt, der Betreiber kontrollierte sich selbst.

Die Regierung vergab insgesamt 25 Konzessionsverträge für gebührenpflichtige Straßen. Das italienische Autobahnnetz ist eines der komplexesten Systeme Europas. Autostrade per l'Italia ist der führende italienische Privatbetreiber mit über 3.000 Kilometern Autobahnen. Er ist ein Tochterunternehmen vom Infrastrukturbetreiber Atlantia, der der Familie Benetton gehört. Sie hat, wie andere Betreiber auch, Parteien aller politischen Couleur finanziell unterstützt. Luca Ternavasio ist der Meinung:

"Die Regierung hat ihre Arbeit nicht getan, angefangen bei den Konzessionen, die sie vergeben hat. Es gibt eine Konzessionsvereinbarung, in der es heißt, dass wir, d.h. die Regierung, selbst im Falle einer totalen Fahrlässigkeit oder Insolvenz des Konzessionärs verpflichtet sind, die entgangenen Gewinne bis zum Ende des Konzessionsvertrags zu erstatten. Es ist also wie die Unterzeichnung eines Bankschecks im Wert von rund 20 Milliarden Euro an ein Privatunternehmen, das ein öffentliches Gut verwaltet. Das ist ein Vertrag, den niemand jemals unterschreiben würde."

Mangelnde Konsequenzen, die nicht greifen

Die Regierung erwägt die Aussetzung der Konzession für Autostrade per l'Italia. Außerdem soll das Überwachungssystem verschärft werden. Bisher wurde eine Aufsichtsbehörde geschaffen, die noch nicht funktionsfähig ist. Sie hat einen "Superinspektor" entsandt, um den Zustand der gefährdeten Brücken und Tunnel zu überprüfen. Felice Morisco, Direktor der Generaldirektion für die Überwachung von Autobahnkonzessionen, antwortet im Namen des Ministeriums:

"Der Autobahn-Konzessionär ist direkt für die gesetzlich vorgegebenen Kontrollen verantwortlich. Die Anzahl der Techniker im Ministerium ist sehr begrenzt, wohl wissend, dass diese spezifische Tätigkeit nicht zu ihrem Aufgabengebiet gehört. Die laufenden Kontrollen gelten als Kontrollen außergewöhnlicher Art."

Außergewöhnlich ist auch die Geschwindigkeit, mit der die neue Brücke in Genua gebaut wird. Sie wird in diesem Frühjahr eröffnet, bezahlt von Autostrade per l'Italia. Der Betreiber scheint schnell zu handeln, um die Straßen und sein Image zu reparieren. Etwa hundert Baustellen sind auf den ligurischen Autobahnen im Gange. Sie sind Zeichen eines Investitionsplans, dessen Höhe sich für die kommenden vier Jahre fast verdreifacht hat.

Die Tunnelarbeiten begannen vor einem Monat: "Laut unseren Schätzungen haben wir in drei, vier, fünf Monaten alle Tunnel inspiziert, sowohl die zwischen 1930 und 1979 gebauten, die nicht wasserdicht sind, als auch die zwischen 1980 und heute gebauten, die zwar eine Abdichtung, aber keinen Wasserablauf haben," so Alessandro Damiani, technischer Direktor bei Lombardi Ingegneria.

Die Straßenbauarbeiten sind im vollen Gang. Aber denjenigen, die auf Autobahnen angewiesen sind, macht es weiterhin Angst, was sie sehen. Sie befürchten, dass es auch in Zukunft krumme Geschäfte und tödliche Unfälle geben könnte.