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"Bleib daheim, Idiot!": Wenn Nachbarn sich gegenseitig überwachen und verpetzen

"Bleib daheim, Idiot!": Wenn Nachbarn sich gegenseitig überwachen und verpetzen
Copyright  Alvaro Barrientos/AP
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Nur wenige Tage vor seinem 58. Geburtstag und nach fast einem Monat Quarantäne in seinem Haus in Rom rastete der Choreograf Luciano Mattia Cannito schließlich aus.

"Botschaft an all die neuen Sheriffs und Krieger der Nacht, die vor Hass von ihren Balkonen schreien", schrieb er auf seiner Facebook-Seite, "warum nutzt ihr diese Energie nicht, um ein Wort des Trostes, der Positivität und Liebe zu verbreiten?"

Wenige Tage zuvor war sein Bruder, ein Arzt in der Toskana, auf dem Weg zur Arbeit, als jemand ihm von einem Balkon entgegenschrie: "Idiot! Bleib zu Hause!".

"Mein Bruder arbeitet 12 Stunden am Tag an der vordersten Front dieses Krieges - an dem gefährlichsten Ort von allen", sagte Cannito gegenüber Euronews.

Italien ist mit fast 17.700 Toten nach wie vor das am schlimmsten vom Coronavirus betroffene europäische Land und hat die schärfsten Ausgangssperren, die am 8. März verhängt wurden. So soll verhindert werden, dass Menschen ihre Häuser verlassen, selbst Sport treiben ist mittlerweile eingeschränkt.

Gestatten, die Balkonpolizei!

In den letzten Wochen gab es in mehreren italienischen Städten Bürgermeistern, die es so satt hatten, dass Personen die Regeln brachen, dass sie kurzerhand selbst auf den Straßen patrouillierten, um die Menschen wieder nach Hause zu schicken. Mehr als 40.000 Menschen wurden in Italien bisher wegen Verstoßes gegen die Auflagen zu einer Geldstrafe verurteilt.

Doch nicht nur Polizei und Behörden setzen sich durch.

In ganz Europa haben sich normale Bürger selbst zu Vollstreckern der Abriegelungsregeln ernannt. In Spanien hat man ihnen sogar einen Namen gegeben: "die Balkonpolizei".

Ein Phänomen, das man in ganz Europa beobachtet.

Wegen euch werden die Leute krank
Balkonpolizist
Deutschland

Alice aus London erzählte Euronews, dass sie in ihrer Wohnstraße verbal angegriffen wurde, weil sie ihre zweieinhalbjährige Tochter vor ihrem Haus auf dem Bürgersteig spielen ließ.

"Wir haben keinen Garten, in dem sie spielen kann, also müssen wir rausgehen", sagte sie. "Es ist ja nicht so, dass sie eine lebende Keimbombe ist, die herumläuft und das Virus verbreitet."

Ermutigung durch die Polizei?

In Großbritannien haben mindestens sechs Polizeidienststellen spezielle Telefonleitungen eingerichtet, über die Menschen ihre Nachbarn anzeigen können. Von den sechs waren nur zwei bereit, sich zu der Einrichtung zu äußern - die Polizei des Großraums Manchester und der West Midlands. Beide wollten die Anzahl der Anrufe, die sie erhalten hatten, nicht offenlegen.

Aber selbst in Ländern, in denen die Abriegelung weniger streng war als anderswo in Europa, sind einige Bürger (über-)eifrig und wollen ihre Nachbarn, zum Einhalten der Regeln bringen.

"Absolute Schwachköpfe"

Jasmin Bauomy und ihre Mitbewohnerin hatten am vergangenen Samstag drei volle Tage in ihrer Hamburger Wohnung verbracht, als sie beschlossen, dass es Zeit war, aus dem Haus zu gehen. Sie blieben in ihrer Nachbarschaft, hielten Abstand und kombinierten ihren Spaziergang mit dem Einkaufen von Lebensmitteln.

So entspannt war der Spazierung aber nicht, von einem Balkon über ihnen kamen Schreie.

"Schauen Sie an, wie Sie einen Spaziergang machen, während alle zu Hause bleiben. Ihr seid absolute Schwachköpfe", rief der Mann. "Wegen euch werden die Leute krank."

Deutschland ist nicht vollständig abgeriegelt. Spazieren gehen ist erlaubt, auch Einkaufen darf man. Es besteht nur ein Kontaktverbot, das natürlich für Menschen gilt, die nicht unter einem Dach leben. ¨Bauomy hat also keine Regeln gebrochen.

"Er wollte unsere Antwort nicht hören. Er wollte uns nur anschreien, ohne die Umstände zu kennen. Um ehrlich zu sein, hat uns das irgendwie den ganzen Spaziergang verdorben, und unser Gespräch ging immer wieder zu diesem Moment zurück", sagte sie Euronews.

Online-Kontrollen von Couch-Polizisten?

Nicht die gesamte zivile Durchsetzung der Abriegelungsbeschränkungen geschieht von Balkonen aus. In vielen Fällen findet sie auch online statt. Natalie Bennett, britische Journalistin und Grünen-Politikerin, wurde von einem Unbekannten auf Twitter gesagt, dass sie "zu Hause sein sollte", als sie über ihre Rückkehr aus dem Parlament twitterte.

Jeder sieht den anderen als eine potentielle Gefahr
Alice Miazzo
Mailänderin in Ausgangssperre

Bennett zeigte sich gegenüber Euronews verständnisvoll. Die Gesellschaft stehe unter "enormem Stress" und es gebe viel Angst und Furcht. Daher sei auf beiden Seiten Umsicht erforderlich.

"Ich denke, wir müssen uns im Moment wirklich auf Freundlichkeit, Nächstenliebe und Verständnis konzentrieren - und das gilt sowohl für Menschen, die darüber nachdenken, das Verhalten anderer zu kommentieren", sagte sie.

Für Alice Miazzo, 32 Jahre alt, aus Mailand, ist die Haltung der Menschen auf der Straße zueinander ein Zeichen dafür, dass die Italiener nach einem Schuldigen für die Krise suchen.

"Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich draußen bin. Wenn man Schlange steht, um irgendwo reinzukommen - wie in Apotheken oder Supermärkten, da sonst nichts offen ist, starren einen die Leute an, weil man eigentlich ja zu Hause bleiben soll", sagte sie.

"Einerseits stehen wir alle zusammen vor diesem Notfall. Aber auf der anderen Seite sieht jeder den anderen als eine potentielle Gefahr oder als Schuldigen für die Einschränkungen an."