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Aufruhr und Ausgangssperre: Es brodelt in den Pariser Vorstädten

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Polizeieinsatz in Villeneuve-la-Garenne am 20. April 2020.
Polizeieinsatz in Villeneuve-la-Garenne am 20. April 2020.   -   Copyright  GEOFFROY VAN DER HASSELT/AFP
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Der Pariser Vorort Villeneuve-la-Garenne gilt als sozialer Brennpunkt. In den vergangenen Wochen wurde er immer wieder zum Schauplatz heftiger Krawalle.

Brennende Autos und Tränengas

Jugendliche ließen ihrer Wut auf Staat und Polizei freien Lauf. Es flogen Feuerwerkskörper, Mülleimer und Autos gingen in Flammen auf. Die Polizei reagierte nicht zimperlich setzte auch Tränengas ein.

Ein junger Mann berichtet im Gespräch mit euronews: "Die Stimmung war sehr aufgeladen, explosiv. Wir im Banlieue wollten gehört werden, den Polizisten vielleicht auch weh tun, damit sie spüren, wie es sich für uns anfühlt, wenn sie unsere Freunde verletzen."

Entzündet haben sich die Unruhen an einer Kollision zwischen einem Motorradfahrer und einem Polizeiwagen bei einer Verfolgungsjagd im April. Dabei wurde der Mann schwer am Bein verletzt. Augenzeugen berichten, die Beamten hätten ihre Autotür absichtlich geöffnet, um den Mann zu stoppen - und zu verletzen.

Corona-Maßnahmen "treffen die Ärmsten"

In Frankreich gilt seit Mitte März eine strenge Ausgangssperre. Damit sie auch eingehalten wird, hat das Innenministerium die Straßenkontrollen deutlich hochgefahren - besonders in den Vorstädten.

Die Bewohner dort werfen der Polizei vor, mit harter Hand und Willkür gegen Menschen vorzugehen, die gegen Corona-Maßnahmen verstoßen. "Sie kommen zu uns und nutzen ihre Macht aus. Und sie schlagen Leute - nicht um die Kontrolle zu behalten, sondern einfach nur, um zu schlagen", sagt der junge Mann.

Die Situation macht auch Menschenrechtsorganisationen Sorgen: Sie warnen, dass die Ausgangssperre die Ärmsten am härtesten treffe und Diskriminierung durch die neuen Regeln zunehme.

"Es gibt eine enorme Anzahl solcher Fälle, in denen es zu unrechtmäßiger Gewalt durch die französische Polizei gekommen ist. Frankreich ist deshalb schon mehrfach vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt worden", so Anne-Sophie Simpere von "Amnesty International".

Das führe zu einem Vertrauensverlust, der in Zeiten einer Epidemie umso problematischer sei, denn momentan sei das Vertrauen zwischen Bevölkerung und Polizei ganz essentiell, um die Probleme zu lösen.

"Alles miese Leute"

Wir baten das französische Innenministerium um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen - keine Antwort. Zurück in Villeneuve-la-Garenne fragen wir die Jugendlichen, ob sie es versucht haben, mit der Polizei zu reden, aber sie sehen keine Alternative zur Gewalt. Sie kennen nichts anderes.

"Ich habe einen Verwandten, der bei der Polizei arbeitet. Ich rede mit ihm. Aber das ändert auch nichts. Das sind alles miese Leute", erklärt der junge Mann. Worte die zeigen, wie tief das Misstrauen in den Banlieues sitzt - und wie groß die soziale Sprengkraft des Coronavirus ist.