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Plastik-Pandemie: Die Nebenwirkungen der Maßnahmen, die uns schützen

Medizinische Schutzmasken werden an Stränden in Hongkong angespült.
Medizinische Schutzmasken werden an Stränden in Hongkong angespült.   -   Copyright  OceansAsia.org
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COVID-19 hat ein weltweites Wettrüsten um Persönliche Schutzausrüstung (PSA) ausgelöst. Nicht nur in Krankenhäusern weltweit werden Masken und Handschuhe gebraucht, auch in Senioren- und Pflegeheimen, im Einzelhandel, in Frisörsalons und in zahlreichen anderen Einrichtungen.

Niemand bestreitet die gegenwärtige Dringlichkeit, doch Aktivisten sind besorgt, dass es eine weitere Pandemie verschlimmern könnte: die Umweltverschmutzung durch Plastik.

Die UNO schätzt, dass jedes Jahr 13 Millionen Tonnen Plastik ins Meer gekippt werden und dass die Hälfte des weltweit produzierten Plastiks für Einwegartikel genutzt wird.

Im Mittelmeer werden laut WWF jedes Jahr 570.000 Tonnen Plastik entsorgt, was 33.800 Plastikflaschen pro Minute entspricht.

Allein Italien wird nach Schätzungen des Polytechnikums von Turin in der Aufhebungsphase der Ausgangsbeschränkungen rund 1 Milliarde Masken und eine halbe Milliarde Handschuhe pro Monat benötigen.

Einem Bericht des WWF zufolge "würde, wenn nur 1% der Masken falsch entsorgt und in der Natur verteilt würde, dies dazu führen, dass bis zu 10 Millionen Masken pro Monat die Umwelt verschmutzen würden".

"Wenn man bedenkt, dass das Gewicht jeder Maske etwa 4 Gramm beträgt, würde dies zu einer Verbreitung von mehr als 40.000 Kilogramm Kunststoff in der Natur führen", heißt es in dem Bericht.

Ein Großteil der PSA, die zum Schutz des Gesundheitspersonals verwendet werden - wie Handschuhe, Gesichtsmasken und Kittel - wird nur einmal verwendet, bevor sie weggeworfen werden.

Dies sei der Fall, obwohl es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, dass Einwegkunststoffe besser sind als wiederverwendbare, erklärt Kevin Stairs, Policy Director für Chemikalien und Umweltverschmutzung bei Greenpeace.

"Wenn wir eine PSA wiederverwenden, desinfizieren wir sie. Einwegprodukte werden entsorgt, verlassen das System und können das Sars-CoV-2-Virus tagelang auf ihrer Oberfläche tragen".

OceansAsia und Naomi Brannan
Viele Masken sind aus unterschiedlichen Polymeren hergestellt, was die gerechte Entsorgung erschwert.OceansAsia und Naomi Brannan

Ist die Kreislaufwirtschaft die Antwort?

"Der Abfall im Meer entsteht durch die Art und Weise, wie wir PSA und Plastik im Allgemeinen entsorgen, und nicht durch den Gebrauch selbst", sagte Richard Thompson, Professor für Meeresbiologie an der Universität von Plymouth, der 2004 erstmals den Begriff "Mikrokunststoffe" prägte.

"[Die Regierungen] fordern jeden Bürger auf, eine Maske zu tragen, aber das muss nicht zwingend zu Vermüllungen führen."

"In Anbetracht der Krise und des immensen Drucks, dem wir derzeit ausgesetzt sind, brauchen die Menschen Schutzausrüstung. Aber gleichzeitig müssen die Leute beraten werden, wie sie sie entsorgen können."

Die richtige Gestaltung von Produkten könne in erster Linie dazu beitragen, die Menge des Abfalls im Meer zu kontrollieren. Diese Philosophie ist die Grundlage der Kreislaufwirtschaft, die darauf abzielt, Produkte herzustellen, die sich leichter recyceln lassen, erklärt Thompson.

Wenn das Plastik im Meer ankommt, ist es zu spät.
Richard Thompson
Professor für Meeresbiologie an der Universität von Plymouth

Zu den Gesichtsmasken, die aus China importiert werden. sagen Experten, dass sie aus mehreren Schichten verschiedener Materialien oder Polymeren bestehen. Diese Komplexität macht es viel schwieriger, solche Gegenstände zu recyceln.

"Die Länder sollten versuchen, Produkte aus dem gleichen Polymer zu entwickeln, die wir zurückverfolgen und in versiegelten Einwegbehältern sammeln können, wo sie desinfiziert und wiederverwertet werden können", sagte Claudia Brunori, Chemikerin der italienischen Regierungsagentur für neue Technologien, Energie und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung (ENEA) .

Dies geschieht in kleinem Maßstab auf lokaler Ebene, wo NGOs, Institutionen und Forscher wiederverwendbare PSA geschaffen haben, bei denen die Maskenstruktur erhalten bleibt und nur der Filter weggeworfen wird.

Mike Bilodeau, PlasticOceans Regionaldirektor für Europa, sagt, anstatt Schutzausrüstung zu importieren, sollte PSA vor Ort hergestellt werden - und zwar so, dass die Kunststoffelemente recycelt und wiederverwendet werden können.

Nimmt die Kunststoffindustrie den Moment wahr?

Die EU hat im vergangenen Jahr eine Reihe von Vorschriften zur Bekämpfung von Meeresabfällen eingeführt - ihre Einweg-Kunststoffrichtlinie muss in diesem Jahr auf nationaler Ebene in nationales Recht umgesetzt werden.

Sie beinhaltetet ein Verbot von gängigen Einwegkunststoffen wie Wattestäbchen, Besteck und Strohhalmen. Medizinische Masken und Handschuhe werden von der Gesetzgebung nicht erfasst.

Aber Aktivisten sagen, sie befürchten, dass die Fortschritte, die erzielt wurden, um die EU dazu zu bringen, ein Verbot zu unterstützen, inmitten der Pandemie zunichte gemacht werden.

Die European Plastics Converters, ein Handelsverband, hat bereits gefordert, dass die EU-Gesetzgebung wegen COVID-19 um ein Jahr verschoben wird.

Brüssel hat das Angebot abgelehnt.

Zuzsätzlich gibt es Anzeichen für eine Rückkehr zu Einweg-Plastikbechern aufgrund von Hygienebedenken im Zusammenhang mit dem Coronavirus, auch bei Starbucks, wo wiederverwendbare Becher verboten wurden.

Sind biologisch abbaubare Kunststoffe die Antwort?

Die Europäische Kommission entwickelt derzeit Normen für biologisch abbaubare Kunststoffe, aber selbst wenn Schutzausrüstung aus solchen Materialien hergestellt würde, wäre es keine Wunderwaffe gegen die Meeresverschmutzung, glauben viele.

"Biologisch abbaubare Kunststofflösungen allein sind nicht die Antwort auf die Reduzierung von Meeresabfällen", meinte Virginia Janssens, Geschäftsführerin von PlasticsEurope, einem Verband, der Kunststoffhersteller vertritt.

"Das wichtigste Element ist, dass PSA und alle Abfälle ordnungsgemäß und nach den Richtlinien der Behörden entsorgt werden müssen".

Professor Thompson sagte: "Die Abbaurate hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Darunter die Art des verwendeten Polymers, aber in der Tiefsee - wo es kalt und dunkel ist - verhält sich das anders als an einem Strand."

"Eine kürzlich durchgeführte Studie über biologisch abbaubare Kunststoffe, die verschiedenen Umgebungen ausgesetzt sind, hat uns gezeigt, dass einige Artikel schnell verschwinden, während man mit vielen dieser Plastiktüten nach vier Jahren im Meer immer noch einkaufen gehen könnte. Wenn sie im Meer ankommen, ist es zu spät."