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Doppelinfektionen bei Kindern: Warum dem Experten Herbst und Winter Sorgen machen

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Mehr Infektionen im Herbst und Winter befürchtet
Mehr Infektionen im Herbst und Winter befürchtet   -   Copyright  JOHN MACDOUGALL/AFP
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In Österreich werden 15.000 SchülerInnen ab September mit der Gurgel-Methode auf das Coronavirus getestet. Euronews hat mit Prof. Dr. Michael Wagner von der Universität Wien gesprochen, der die Schulstudie leitet. Im Interview - das Sie im Video oben komplett sehen können - erklärt der Mikrobiologe, dass Kinder Verbreiter von SARS-CoV-2 sind und warum ihm der Herbst und junge Männer Sorge bereiten.

Die Gurgel-Studie soll laut Michael Wagner wichtige Erkenntnisse bringen: "Im Herbst starten wir und werden 15.000 Kinder und die LehrerInnen alle drei Wochen über das ganze Schuljjahr hinweg dazu einladen, sich mit der Gurgel-Methode untersuchen zu lassen. Wir machen eine repräsentative Stichprobe, um einen Überblick zu bekommen über das Infektionsgeschehen an Österreichs Schulen. Das ist besonders wichtig, weil Kinder oft asymptomatisch sind, wenn sie sich mit SARS-CoV-2 infizieren, so dass sie nicht als infiziert auffallen, aber die Infektion in ihrer Familie durchaus weitergeben können. Wir wollen der Politik Daten liefern - so dass man faktenbasiert sagen kann: die getroffenen Maßnahmen reichen aus oder müssen nachgebessert werden."

Kinder sind Verbreiter des Coronavirus

Der Mikrobiologe Michael Wagner meint: "Auch selber als Vater von vier Kindern hätte ich es natürlich gerne, dass Kinder sich weniger anstecken. Aber das ist laut Literaturstand nicht der Fall. Ein Beispiel ist ein Summercamp in Georgia in den USA, wo sich innerhalb von wenigen Tagen von den 6 bis 10 Jahre alten Kindern 51 Prozent der Kinder infiziert haben. Es gibt viele weitere Beispiele. In Israel sind 10 Prozent aller Fälle, die man zurückverfolgen kann, auf Schulen zurückzuführen. Nach dem eigenen Haushalt sind Schulen der wichtigste Ort für Infektionen in Israel. Kinder stecken sich genauso leicht an wie Erwachsene, sie haben auch hohe Virentiter im Rachen. Das ist schon mehrfach gezeigt worden.

Junge Kinder haben zum Teil sogar höhere Titer als Erwachsene. Diese Viren sind infektiös, das ist auch experimentell gezeigt worden.

Das einzige, warum sie im Sommer nicht so oft andere anstecken, ist, weil sie meistens asymptomatisch sind. Sie husten nicht und schneuzen sich nicht und stoßen so weniger Aerosole aus."

"Im Herbst und Winter werden Kinder das Coronavirus noch stärker übertragen"

Der Mikrobiologe erklät, was sich nach dem Schulanfang änder: "Meine Sorge sind der Herbst und der Winter, weil es bei viralen Erkrankungen des respiratorischen Trakts immer wieder Doppelinfektionen gibt. Ich bin mir sicher, dass es das auch mit SARS-CoV-2 geben wird. Die Kinder werden dann niesen und sioh schneuzen. Es wird Kinder geben, die sich mit dem Coronavirus infizieren und durch das Niesen und Husten noch weiter verbreten.

Im Herbst und Winter werden Kinder das Coronavirus noch stärker übertragen.

Manche haben sich zu der These verstiegen, dass Kinder Bremsklötze der Pandemie sind, aber das geben die Daten einfach nicht her, auch wenn das viele so sehen wollen, - ich würde mich ja auch freuen - aber das ist so nicht.

Den genauen Beitrag, den Kinder zur Verbreitung des Coronavirus quantitativ haben, den kann im ;Moment wohl noch niemand angeben. Kinder haben viel mehr Kontakte untereinander als Erwachsene, wenn sie in die Schule gehen, daher muss man entsprechende Maßnahmen treffen."

Andreas Arnold/(c) Copyright 2020, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
Mit Maske in der Schule in MainzAndreas Arnold/(c) Copyright 2020, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Lange Lüften, nicht Singen und Masken

Michael Wagner gibt Tipps für den Schulalltag in Coronazeiten: "Es macht Sinn, den Verbreitungsweg durch Tröpfchen und Aerosole möglichst abzuschneiden: also kein Singen - dabei erzeugt man besonders viele Aerosole -, Sport zu draußen, wenn man laut sprich erzeugt man auch mehr Aerosole. Je mehr Personen in einem Raum sind, desto mehr Aerosole erzeugt man.

Es ist wichtig, dass man oft und lange lüftet. Experten empfehlen 10 bis 15 Minuten lüften nach jeder Schulstunden - und auch zwischendurch.

Ich bin auch ein Freund vom Maskentragen - aus mikrobiologischer Sicht. Das ist am Ende aber eine politische Entscheidung.

Wir wollen mit unserer Studie zeigen, wie die Situation in Österreich in den Schulen ist. Man sollte mit spezifischen Maßnahmen eingreifen, um die Situation in den Griff zu bekommen.

Schulen und Kindergärten sollte man am längsten offenhalten, wenn es möglich ist. Wir als Gesellschaft müssen unseren Beitrag leisten. Es gibt die komische Vorstellung: ich will die Schulen schützen, aber draußen kann ich machen, was ich will: ich geh ins Fitness-Studio und in die Bar, ins Restaurant, und ich fahr mit dem Kreuzfahrtschiff. Das ist eine Illusion."

"Eine Frage der Solidarität: jeder kann einen Beitrag leisten"

Es ist eine Frage der gesellschaftlichen Solidarität: Will ich den Kindern den Unterricht ermöglichen, wenn wir auf vieles verzichten müssen. Verzichten müssen heißt einfach vor allen Dingen, sich möglichst wenig in Räumen ohne Mund-Nasen-Schutz aufhalten. Jeder kann einen Beitrag leisten, so schmerzahft das in der Pandemie ist, niemand muss abends in eine Bar gehen oder auf eine Party gehen. Es gibt zur Zeit einfach Wichtigeres - und da gehören Schulen dazu.

"Wenn junge Männer das Risiko unterschätzen"

Michael Wagner appelliert an junge Leute: "Ich glaube, man muss das Virus sehr sehr ernst nehmen und mit viel Respekt und Demut an diese Situation herangehen. Was mich sehr besorgt, sind die jungen Menschen. Wenn man sich den Trend in verschiedenen Ländern anschaut, wenn man sich anschaut, in welchen Altersgruppen finden gerade die Infektionen statt, dann verschiebt sich die Entwicklung immer mehr hin zu den jungen Menschen, auch in Österreich. Es sind immer mehr junge Männer, die einfach sagen, ich werde das schon nicht kriegen. ich will jetzt Party machen. Das ist wirklich unsolidarisch. Das sind Personen, die auch das eigene Risiko unterschätzen. Es gibt auch bei kerngesunden jungen Personen wirklich schwere Verläufe - und selbst bei leichten Verläufen gibt es Langzeitschäden neurologisch und am Herz. Das wird stark unterschätzt von dieser Personengruppe. Das ist auch - ich sage es so direkt - das ist auch dumm. Wenn man so agiert als junger Mensch, dann steigen die Infektionszahlen wieder an, es wird wieder Einschränkungen geben müssen - und letztlich nimmt man sich auch seine eigenen Arbeitsplätze in der Zukunft weg."

"Sorge vor Herbst und Winter"

Auf die Frage, wie lange die Coronavirus-Krise noch dauern wird, sagt Wagner. "Keiner kann seriös voraussagen, wie lange die Krise dauern wird. Es ist nicht meine Kernexpertise. Im Impfstoffbereich gibt es vielversprechende Tests in Phase drei, da scheitern aber auch viele Impfstoffe. Ich bin zuversichtlich. Viele Experten sagen, dass es nicht unrealistisch ist, dass es im nächsten Sommer einen Impfstoff gibt.

Es steht zu befürchten, dass die Infektionszahlen im Herbst und Winter stark ansteigen - aufgrund der anderen Bedingungen wie UV-Strahlung und Temperaturen. Darauf müssen wir uns alle einstellen. Wir haben auch einiges gelernt, wir wissen besser, was wir tun müssten, um Cluster-Bildungen einzugrenzen. Es kommt auf jeden an, ob die Bevölkerung bereit ist mitzumachen oder auf den Standpunkt stellt, ich habe schon genug gemacht. Mit einem Virus kann man nicht verhandeln. Wenn man meint, ich habe schon genug gemacht und trotzig reagiert und sagt "Ich will mein Leben wieder zurück", dann wird das nur für kurze Zeit funktionieren. Man konnte sich das jetzt gerade im sun belt anschauen, wo das hinführt, in Arizona, Texas, Florida, wenn man meint, man kann zu sorglos mit dem Virus umgehen."

Die Vorteile der Gurgel-Methode

Michael Wagner stellt klar, dass er im Team arbeitet: "Ich habe die Gurgel-Methode nicht alleine erfunden, sondern wir sind ein Konsortium. Wir haben uns zu Beginn dieser Krise als Grundlagenforscher zusammengetan und haben eine Gruppe gebildet, die smarte Diagnostik und smartes Monitoring entwickelt, um SARS-CoV-2 schnell und unkompliziert nachweisen zu können. Die Gurgel-Methode hat die Vorteile, dass man an das Probenmaterial schmerzfrei kommen kann. Man nimmt eine Gurgellösung, das ist eine Zucker-Salz-Lösung - also absolut unproblematisch, man könnte diese auch verschlucken. Man gurgelt eine Minute lang, spuckt das Gurgelat - also die Lösung - zurück, und aus diesem Gurgelat kann man den PCR-Test machen.

Wir haben das in einer Pilotstudie an Kindern getestet - mit 5.100 Proben an 11 Wiener Schulen. Wir konnten auch zu unserer Überraschung zeigen, dass auch schon Erstklässler - also 6 Jahre alt - in der Regel problemfrei gurgeln können. Die richtig gewonnenen Proben in dieser Studie an den Schulen waren weit über 80 Prozent. Und wir haben vergleichende Studien durchgeführt: Abstrich - Gurgeln bei denselben Personen und konnten zeigen, dass es absolut vergleichbare Ergebnisse liefert. Es wird immer wieder von Ärzten und Institutionen angemerkt, sie würden denken, dass Gurgeln weniger sensitiv ist. Wir sehen das aber nicht, wenn man diese vergleichenden Untersuchungen macht."

Der Mikrobiologe erklärt weiter: "Und wenn man in die Literatur schaut, gibt es auch für andere Viren schon vor etlichen Jahren vergleichende Studien, die zeigen, dass Gurgeln für den Nachweis von Viren im Rachenraum eigentlich sensitiver ist als der Abstrich. Es kommt darauf an, mit welcher Lösung man gurgelt, wie lange man gurgelt

Schön an dem Verfahren ist auch, dass man es zu Hause im Prinzip machen kann. Jeder, der gurgeln kann, kann nichts falsch machen. (...)

Wenn ich das Gurgeln begeistert vortrage, dann nicht aus kommerziellem Interesse, sondern weil wir damit einen Beitrag leisten können."

Im Gespräch mit Euronews
Prof. Dr. Michael WagnerIm Gespräch mit Euronews

Michael Wagner lobt die internationale Zusammenarbeit unter Forschern: "Es gibt viel Interesse aus dem Ausland an der Gurgel-Mehtode - aus Deutschland und aus den USA, aus Australien - das ist eine tolle Erfahrung, wie Wissenschaft auf diese Krise reagiert und wie viele Kooperationen es da gibt."

Bisher will das Robert Koch-Institut die Gurgel-Methode nicht anwenden, dazu sagt der Berater der österreichischen Regierung: "Wenn Kritik vom RKI oder anderen kommt, dann sind wir als Wissenschaftler für Kritik immer offen. In der Regel trete ich in Kontakt und bitte um Daten und Diskussion. Bislang war es mit allen so, dass sie dann überzeugt waren. Oft gibt es gar keine anderen Daten, dass Gurgeln nicht so geeignet ist. Es ist mehr ein Gefühl.

Letztlich finden wir bei Infizierten immer korrespondierende Ergebnisse - mit dem Abstrich und mit dem Gurgeln - uns entgeht da niemand, besonders, wenn es hohe Virenlasten sind. Und man braucht hohe Virenlasten, um jemanden anzustecken."